gab, "weisst du, ob bald die Hochzeit sein wird?"
"Ich weiss von gar nichts," erwiderte Henriette bestimmt.
"Nun, so will ich dir's sagen. Sie werden sich heiraten mit dem frühesten Frühjahr und eine grosse Reise machen. Siehst du, glückselige Kreatur, da darfst du auch mit! Und ich – ich sollte hier bleiben in der finstern Stadt? Nein, liebe Henriette, das wirst du nicht von mir verlangen. Glaube mir," – dies sprach sie mit auffallend ernstem Tone – "so wehe es mir in dem Falle tut, dich zu verlieren, so freue ich mich doch auf den Zeitpunkt, wo ich meine Freiheit wieder erhalte."
"Hat es soeben nicht geklopft?" sagte Henriette aufblickend.
"Ich habe nichts gehört."
"Doch, doch! es klopft wieder."
"Richtig! wer kann da kommen? – Herein!"
"Du bist recht unvorsichtig," flüsterte die Kammerjungfer. "Du weisst ja, wir dürfen für Niemand zu Haus sein. Glücklicherweise habe ich den Riegel vorgeschoben. Sieh, man bemüht sich vergeblich, die tür aufzumachen."
Wirklich wurde von aussen mehrmals an der Klinke gedreht, und als sich das Schloss nicht öffnete, von Neuem geklopft.
"Was machen wir?" fragte Nanette. "Man hat uns jedenfalls draussen sprechen hören."
"Glaubst du? Das wäre unangenehm."
"Allerdings; desshalb muss man wenigstens nachsehen, wer da ist."
"Aber es könnte Jemand sein, der dem gnädigen fräulein unangenehm wäre."
"Wenn ich mich unter die tür stelle," entgegnete Nanette mit grosser Bestimmteit, "so kommt nur herein, wen ich gerade herein lasse. Ich wollte sehen, wer gegen meinen Willen eindringt." Damit erhob sie sich, warf den Kopf trotzig in die Höhe und sprach mit lautem Tone, als sich das klopfen immer wiederholte: "Nur Ruhe da draussen; man kommt schon." Sie hatte die tür erreicht, schob den Riegel zurück und öffnete sie ein klein wenig, um hinaus zu sehen. Doch wurde von aussen so stark daran gedrückt, dass Nanette ihre ganze Kraft brauchte, um nicht weggedrängt zu werden. "Was soll denn das?" rief sie zornig. "Wer untersteht sich –"
Doch kam sie nicht zur Beendigung dieses Satzes. Mit dem Ausdruck des grössten Schreckens, als habe sie auf dem Gange ein Gespenst gesehen, fuhr das sonst so mutvolle Mädchen zurück. "Jesus Maria!" rief sie, indem sie die hände auf das Gesicht presste, dann schwankte sie erschrocken zurück bis zu ihrem stuhl hin, auf den sie lautlos niedersank.
Die tür war offen stehen geblieben, und die Kammerjungfer, welche bei dem sonderbaren Benehmen ihrer Gefährtin ebenfalls erschrocken aufgesprungen war, sah auf dem halbdunklen Gange draussen eine Gestalt, die in einen grossen Mantel gehüllt war. Nur der Kopf derselben war frei, und als sie in die leuchtenden Augen schaute, stürmte eine schreckliche Erinnerung auch auf sie so heftig ein, dass sie sich am Tische halten musste. – grosser Gott! ja, sie erkannte den blick, die ganze Gestalt war ihr unvergesslich, denn sie hatte sie oft in wilden Träumen vor sich gesehen. Das waren die Augen, die sie ernst aber nicht unfreundlich angeschaut, das war der Arm, der sie aufrecht erhalten, das waren die hohen glänzenden Stiefel, welche ihre heisse Wange berührt hatten und deren Kälte und Glätte sie wieder zum Bewusstsein erweckt.
Die Gestalt trat langsam in das Zimmer und wie sie das tat, erhob sich das ehemalige Harfenmädchen mit dem Ausdruck des tiefsten Schreckens von ihrem stuhl und ohne einen blick von dem Eintretenden wegzuwenden, zog sie sich langsam zum Fenster zurück.
Der im Mantel trat mit leichten Schritten bis in die Mitte des Zimmers vor und sagte in gefälligem Tone zu der Kammerjungfer: "Bitte, die Zimmertüre wieder zu schliessen; ich wünschte ein paar Augenblicke mit dir zu reden."
Bei diesen Worten huschte Nanette eilfertig an der Wand des Zimmers hin gegen die tür zu, vielleicht um diesem Befehl Folge zu leisten, vielleicht aber auch, um aus der für sie so entsetzlichen Nähe zu entwischen. Etwas der Art mochte sich übrigens der Fremde auch denken, denn er wandte sich langsam um, folgte den Bewegungen des Mädchens mit den Augen, und als sie an der tür angekommen war, sagte er mit ruhiger stimme: "Nur schliessen und den Riegel vorschieben – so–" Darauf machte er eine Handbewegung, welche Nanette unwillkürlich zwang, ihren Platz am Fenster wieder einzunehmen. Als sie wieder da angekommen war und der Schein des Lichts auf ihr Gesicht fiel, sprach der Fremde lächelnd zu der Kammerjungfer: "So, so, du protegirst und hast die Gefährtin von damals nachgezogen? Dagegen kann man nichts einwenden, es gefällt mir sogar, nur hätte ich geglaubt, du würdest mir eine kleine Anzeige davon machen. Doch bist du überhaupt keine Freundin von Berichten und dieselben werden von Tag zu Tag mangelhafter."
Das Mädchen zuckte bei diesen Worten zusammen und blickte auf den Boden.
"Es ist auch Zeit, dass ich mich in deinem Gedächtniss wieder einmal auffrische; ich glaube, du hättest mich sonst ganz vergessen."
"Nie! nie!" hauchte das erschrockene Mädchen.
"Oder deine Verpflichtungen," fuhr der Andere lächelnd fort. "Ah!" sagte er nach