wobei sie einen Augenblick mit pfiffigem Gesichtausdruck aufwärts schielte: "Weisst du wohl, dass es gar nicht so schwer wäre, so einen Ball anzusehen? Wir brauchten uns nur ein paar Dominos zu verschaffen, was hier im schloss nicht schwer wäre und keck zur tür hinein zu gehen. Es würde uns Niemand kennen."
"Du bist in der Tat unverbesserlich, Nanett," erwiderte die Blonde mit leichtem Kopfschütteln. "Ich glaube, du wärest im stand, so etwas auszuführen!"
"Und warum denn nicht? Man muss das Leben geniessen, so lange man kann. Aber du bist auch zu gar nichts zu gebrauchen."
"Ich tue meine Pflicht nach meinen Kräften."
"Das muss dir der Neid lassen. Und dein fräulein könnte sich keine bessere Kammerjungfer wünschen, als du bist; immer zu haus, immer am arbeiten und verschlossen wie das Grab. Du bist wirklich ein Muster."
"Wenn du das einsiehst, Nanett," erwiderte die Blonde nach einer Pause, "und es dein Ernst ist, was du eben sagtest, so hättest du dich wohl ein wenig nach mir richten und dich auch in mancher Beziehung ändern können."
"Ich mich noch mehr ändern!" rief Nanette mit erkünsteltem Erstaunen, wobei sie aber lustig die hände zusammenschlug. "Bin ich nicht ganz und gar anders geworden, seit wir uns zum ersten Mal gesehen? Weisst du noch, an jenem Abend in dem finstern haus, dem Fuchsbau!"
"O davon schweige mir! Wenn ich den Namen höre, so fröstelt es mich."
"Ja, es war allerdings zu der Zeit unangenehm, aber es hatte auch wieder seine schönen Seiten. Ich komme mir jetzt wahrhaftig oft wie ein gefangener Vogel vor. Und wenn ich so zuweilen in das Land hinaus schaue und dabei zufällig auf der Strasse eine Orgel höre, so erfasst mich oftmals eine solche sehnsucht und Wehmut, dass ich laut hinaus weinen könnte. Wahrhaftig, Henriette, ich weiss nicht, was ich an dir für einen Narren gefressen habe und wesshalb ich Alles tun muss, was du von mir verlangst. Aber wenn du nicht da wärest, hätte ich schon lange meine Harfe wieder genommen und wäre hinausgezogen in die freie natur."
"Das verstehe ich nicht," entgegnete die Blonde mit einem traurigen Lächeln. "Hast du hier nicht Alles, was du wünschest? Die Damen, bei denen du arbeitest, mögen dich leiden, ja, sie lachen über deine lustige Laune, und wenn du oft singst, statt zu nähen, so beschenken sie dich noch obendrein. Dabei hast du ein gutes Einkommen und kannst etwas zurücklegen für deine Heirat, von der du zuweilen sprichst."
Nanette strich sich die Haare aus dem Gesicht, dehnte sich ein wenig auf ihrem stuhl und erwiderte dann: "Das alles hat der gefangene Vogel auch; er wohnt in einem hübschen haus, er bekommt gutes Essen und Trinken und darf singen. Aber nur so lange es seiner Herrin gefällt! Denn wenn er einmal recht anfängt zu schmettern und zu jubiliren, so hängt man ein Tuch über seinen Käfig, damit er aufhört. Was nun meine Heirat anbelangt, so ist das eine kuriose geschichte. Du weisst, Schatz – ich sagte es dir ja damals – dass ich bei den Andern eine Verbindung hatte, natürlicherweise liess ich die fahren, als ich ein neues Leben anfing. Doch tat es mir recht leid und ich kann's immer noch nicht vergessen. Der Leiblakai will mich allerdings heiraten, aber er ist so furchtbar zahm und geschniegelt; er kämmt sein bischen Haar so glatt auf den Kopf und hat beständig ein so wichtiges Gesicht. – So!" – Bei diesen Worten machte sie eine so komische Grimasse, dass die Andere eben laut auflachen musste. "Gewiss, Henriette," fuhr das ehemalige Harfenmädchen fort, "glaube mir, du bist es allein, die mich zurückhält, und wenn du dich je einmal verändern würdest, so könnte ich mich allein damit trösten, dass ich alsdann wieder in das Land hinaus zöge und laut in Feld und Wald sänge:
Im Dörfchen, nicht weit ist's von hier,
Da lag ich einmal im Quartier.
Tralalalala – a! –
Da lag ich einmal im Quartier."
"Um Gotteswillen!" bat die Andere besorgt, "gleich wird das gnädige fräulein kommen und sich nach dem Lärmen erkundigen. Mach' fort, mach' fort, wir haben noch viele Sterne aufzuheften."
"Bah! du drohst mir wie den kleinen Kindern. Das gnädige fräulein ist gar nicht da, du weisst so gut wie ich, dass sie ausgefahren ist. Ich weiss auch wohin," fuhr sie schelmisch lachend fort.
"Und wohin denn?"
"Zu der Frau Majorin von S. Es ist dir bekannt, dass ich häufig da arbeite, und fast jedes Mal, wenn ich da bin, kommt auch dein gnädiges fräulein. Und gleich darauf, wie das Amen nach der Predigt –"
"Nun, was denn? Sprich nur weiter!"
"Gleicht darauf fährt ein kleiner Wagen vor und der Herr Graf Fohrbach erscheinen. Oder wenn er nicht herauf kommt, so reitet er wenigstens am haus vorbei. Aber das kennst du gerade so gut wie ich. Nicht wahr? – Sage mir doch," fuhr sie nach einigem Stillschweigen fort, als die Andere keine Antwort