1854_Hacklnder_152_379.txt

einem solchen summte es auch hier aus und ein. Die Küchenjungen glühten vor Eifer und Maulschellen, die Schlossknechte liefen in einem beständigen Hundetrab hin und her, die gesetzteren Lakaien nahmen in den Gängen und Zimmern des Schlosses noch verstohlener als sonst ihre Prise, und erinnerten sich an Carnevalbälle aus diesem oder jenem Jahrgang, wo dies und jenes geschehen war, meistens an und für sich etwas sehr Unbedeutendes, aber unvergesslich für das Gemüt eines Hofbedienten, als zum Beispiel eine abgetretene Schleppe, eine verschüttete Sauce, eine allerhöchste Nase dem Hofmarschallamt gespendet, oder dergleichen mehr. Gefährlich war es übrigens an diesen Tagen in den Küchen selbst und zwar an den Plätzen, wo der regierende Koch Hochselbst zu komponiren und zu arbeiten pflegte. Diesen Ort umschlichen die Küchenjungen mit wahrem Grausen und schätzten sich glücklich, wenn sie eine Kasserole überbracht, ohne dafür einen Fusstritt oder eine Kopfnuss eingehandelt zu haben.

In den Sälen wurden die Kronleuchter nachgesehen, in den Nebenzimmern Buffets und Tische aufgeschlagen, die Treppen mit Teppichen bedeckt, und das alles von den höheren Hofbediensteten auf's Sorgfältigste überwacht. Sogar der Hofmarschall war an diesen Tagen ernster als gewöhnlich, seufzte zuweilen, zog die Augenbrauen in die Höhe und dachte gern an jenen Moment, wo Alles glücklich vorüber sein werde und wo sich die höchsten Herrschaften nach genug ertragener Langeweile müde, aber zufrieden in ihre Gemächer zurückziehen würden.

Wenn auch in den übrigen Teilen des Schlosses, die mit den festlichen Räumen in gar keiner Verbindung standen, äusserlich an diesen Tagen keine Veränderung wahrzunehmen war, so beschäftigte man sich doch auch hier mehr oder minder mit dem bevorstehenden Feste. Selbst im Adjutantenzimmer wurde die Dominofrage verhandelt: ob Seine Majestät dieses Jahr Höchstselbst vermummt erscheinen werde und welche Farben man zu Ihrem Anzuge bestimmen würde? Solche gespräche hörte der Leibkammerdiener mit einem unaussprechlichen Lächeln an, denn er allein wäre im stand gewesen, die Herren über die Sache au fait zu setzen.

Dass die eingeladene jüngere Generation sich auf's Eifrigste mit ihren Kostümen beschäftigte, brauchen wir wohl nicht erst zu bemerken. Und da man an diesem Tage grosse Geheimnisse vor einander hatte und sich gerne Ueberraschungen bereitete, so waren die Garderoben der Herren und Damen, wo Schneider, Nähterin und Kammerjungfer arbeiteten, für Uneingeweihte fast hermetisch verschlossen.

Am Tage des Balles selbst klärte sich nun das wilde Getreibe in den unteren Räumen des Schlosses so ziemlich ab und es begann dort Stille und Ruhe zu herrschendie drückende Stille vor einem Sturm. Selbst die Küchentyrannen waren umgänglicher geworden: man musste nun eben Alles gehen lassen, wie es ging. An der fertigen Arbeit war nichts mehr zu ändern, selbst die gewaltigste Hand konnte nicht mehr die Speichen des Rades regieren, das unaufhaltsam den Berg hinab rollte. Nur in den oberen Räumen des Schlosses wurde fast noch emsiger gearbeitet, als an den vorhergehenden Tagen, namentlich in den Garderoben der Hofdamen und Ehrenfräuleins der Frau Herzogin. Dieselbe hatte sich, wie sie gern zu tun pflegte, eine kleine Ueberraschung ausgesonnen. Dem fest-Programme nach sollte sie mit ihren Damen erst auf dem Balle zum Gefolge Ihrer Majestät stossen. Daran änderte sie nun freilich nichts, doch wollte sie vorher maskirt erscheinen und sich selbst mit den höchsten Herrschaften einige unschuldige Spässe erlauben. Sie hatte sich das Kostüm einer Zauberin gewählt und ihre Damen sollten sie als phantastisch gekleidete Gehilfinnen oder vielmehr dienende Geister umgeben. Den Damen war dieses Projekt erst zwei Tage vor dem Ball und zwar mit dem allerhöchsten Wunsche der strengsten Geheimhaltung anvertraut und ihnen dabei befohlen worden, nach mitgeteilter Figurine schleunigst für ihre Kostüme zu sorgen.

Daran wurde nun auf's Emsigste gearbeitet, und da es ein trüber nebeliger Tag war, so hatte man in der Garderobe der fräulein Eugenie von S. schon in früher Nachmittagsstunde die Fenstervorhänge herabgelassen und Lichter angezündet. Tische und Stühle waren mit seidenen und durchsichtigen Stoffen bedeckt; geöffnete Kartons standen auf dem Fussboden und zeigten ihren bunten Inhalt: künstliche Blumen, Bänder, Federn. An einem Arbeitstische in der Ecke des Zimmers sassen zwei Mädchen, die einen langen Schleier von grauer Seidengaze vor sich ausgebreitet hatten und beschäftigt waren, denselben mit kleinen silbernen Sternen zu bedecken. Eins dieser Mädchen war schlank und schmächtig, und sein schmales, seines, etwas blasses Gesicht wurde von starkem blondem Haar beschattet. Die Andere, die um mehrere Jahre älter erschien, war eine kräftige, derbe person, ihr Gesicht hatte eine gesunde Farbe und dunkle, lebhafte Augen, sowie etwas stark aufgeworfene Lippen gaben ihm einen lustigen, ja beinahe kecken Ausdruck.

Die Blonde nähte eifrig darauf los, während sich die Andere in den Stuhl zurücklehnte, den einen Fuss auf einen Schemel setzte und sich die Arbeit wohlgefällig betrachtete. Sie hielt eine eingefädelte Nadel in der einen Hand, sowie einen der silbernen Sterne in der andern, und meinte lachend, sie möchte auch wohl eine vornehme Dame sein und sich einmal in solch prachtvollem Anzuge in einem glänzend erleuchteten saal bewegen. "eigentlich wäre ein solch' langer Schleier bei einem Balle doch nichts für mich," fuhr sie nach einer Pause fort, "denn weisst du, Henriette, ich tanze gern und daran hindert einen doch die Schleppe des Schleiers."

"So ist der Geschmack verschieden; ich mache mir aus dem Tanze gar nichts. Aber das kann ich schon sagen, einmal so einen glänzenden Ball zu sehen, schön vermummt, würde mir auch vielen Spass machen."

Die Andere begann ihren Stern aufzuheften und sagte zwischen der Arbeit,