"Und dann lässt man mich ruhig meiner Wege ziehen?" fragte Sträuber vorsichtig.
"Wer wird Sie halten?" versetzte der General trotz des bedeutsamen Hustens seines Freundes. "Sie geben die Adresse, hier ist das Geld und Sie verlassen ungekränkt das Haus. Je vous en donne ma parole."
Der Präsident zuckte mit den Achseln und riss ungeduldig an seiner Nase.
"Euer Erlaucht," sprach Herr Sträuber offenbar befriedigt, "wissen Sie die Schilderstrasse? Am Ende derselben, fast wo sie in die Wallstrasse mündet, befindet sich ein grosser Brunnen mit Einem Rohr. Dies Rohr zeigt gerade auf ein kleines Haus Numero sechsunddreissig. Dort ist der Knabe."
"Und wem gehört das Haus?"
"Das kann ich nicht sagen. Ich weiss nur so viel, dass er dort bei seiner ehemaligen Wärterin, der Frau Fischer, wohnt und sich unter der Aufsicht eines Mannes befindet, der ihn unterrichtet, und eine Art Hofmeister ist."
"Ich muss gestehen," sagte ingrimmig der General, "man sorgt für den Buben wie für einen kleinen Prinzen. Er muss par Dieu eine vornehme Herkunft und reiche Beschützer haben. Und etwas Näheres über den Mann, seinen Hofmeister wissen Sie nicht?"
"Ich sah ihn einmal mit dem Knaben spazieren gehen: es ist das eine sonderbare Persönlichkeit, sehr klein mit vollkommen ausgewachsenem Oberkörper und Kopf, aber mit ziemlich verwahrlosten Beinen."
Der Polizei-Präsident stand da wie vom Schlage getroffen. Genau so hatte Herr Blaffer das Signalement seines ehemaligen Commis angegeben. Sollte ihm vielleicht von dieser unbekannten Seite auf die Spur desselben geholfen werden? – "Fassung! Fassung!" sprach er zu sich selber, wobei er sich, um sein überraschtes Gesicht zu verbergen, wieder angelegentlich mit seiner Nase beschäftigte, die er auf allen Seiten streichelte. "Das muss ja ein Zwerg sein," brachte er endlich ziemlich unbefangen hervor.
"Fast so," entgegnete Herr Sträuber. "Auf jeden Fall komisch genug, wenn man den martialischen Gesichtsausdruck des kleinen Mannes betrachtet."
"Was kümmert uns der!" sprach ungeduldig der General. "Hier ist Ihr Geld." Er reichte ihm das Packetchen, doch als Herr Sträuber gierig darnach langte, zog es der General einen Zoll zurück, wobei er sagte:
"Wenn es Ihnen genehm wäre, könnten Sie noch eine kleine Zulage von circa fünfzig Gulden verdienen, oui, certes, cinquante florins. Ich bin nämlich überzeugt, seit Sie jenes Haus, den Aufentalt des Knaben entdeckt, haben Sie dasselbe öfters umschlichen und wissen genau, ob und wer sonst noch da aus- und eingeht. – Fünfzig Gulden, Herr, für eine freundliche Mitteilung – pour un mot, Monsieur."
Der Chef der Polizei stand da wie auf Kohlen, es prickelte ihn in allen Gliedern. Vielleicht wusste dieser Mensch auch den Namen des sogenannten Hofmeisters!
Herr Sträuber schien eine Weile unschlüssig, doch wollen wir dem geneigten Leser gestehen, dass er bedeutende Reiseprojekte hegte und bei sich dachte: "Fünfzig Gulden bringen mich schon einige Meilen weiter. Und im Uebrigen, was habe ich für Verpflichtungen gegen Leute, die ich gar nicht kenne? – Allerdings," sprach er laut, sich gegen den General wendend, "umschlich ich das Haus häufig, um mir Gewissheit zu verschaffen."
"Und es kamen Besuche?"
"Zuweilen ein junger Mann, eine ziemlich hohe Figur, schlank, in einen weiten Mantel gewickelt."
"Que Diable! Was geht mich ein Mann an!" rief ungeduldig der General. – "Und vielleicht doch! Wer kam sonst noch?"
"Auch eine Dame kam zuweilen in einem Wagen."
"Ah!"
"Eine schöne junge Dame mit blondem Haar und einer weichen, angenehmen stimme. Ich vernahm das, wie sie dem Kutscher sagte, er solle in einer Stunde wieder kommen."
Die Augen des Generals glühten wie die einer wilden Katze. Der Präsident biss sich auf die Lippen und zuckte bedeutsam die Achseln.
"Also die Dame hätten wir," sprach der General mit zitternder stimme. "Jetzt interessirt mich auch der Mann."
"Nicht wahr?" rief eifrig der Präsident – "der kleine zwergartige Hofmeister?"
"Zum Teufel mit Ihrem Hofmeister! Ich meine den Andern, den im Mantel. Er war hoch und schlank? – dunkles Haar?"
"Erlaucht werden mir verzeihen, es war gewiss blond."
"Meinetwegen auch blond. Und um welche Zeit ging er gewöhnlich hin? – je vous prie."
"Sehr unbestimmt – meistens spät in der Nacht."
"Aber dann war sie nicht da!"
"Nur einmal, da kamen sie mit einander in einem kleinen eleganten Wagen. Da war sie sehr reich gekleidet, ich glaube in weisser Seide mit Spitzen und Brillanten; ich werde das nicht vergessen, denn da der Wagen nicht dicht an's Haus fahren konnte, und es ziemlich schmutzig war, so trug sie der Mann in die Haustüre."
Die Züge des Generals überflog bei diesen Worten eine tiefe Röte, die aber sein graues Gesicht gelblich färbte. Seine Augen starrten vor sich hin, und mit den Händen suchte er in den Taschen seines Rockes umher, wobei er eine Handvoll zusammen geknitterter Papiere hervorbrachte, welche er dem Berichterstatter einhändigte.
Besorgt trat ihm der Chef der Polizei näher, legte ihm die Hand auf