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, im Haus Numero zehn bei einer gewissen Frau Fischer, die seine Wärterin war."

"Ist das nicht vielleicht seine Mutter?" fragte scheinbar unbefangen der General.

Herr Sträuber lächelte eigentümlich, als er antwortete: "Darüber habe ich keine Gewissheit; so viel ich erfuhr, war Frau Fischer die Wärterin."

"Weiter!"

"Die Angehörigen des Knaben, die ich übrigens nicht kenne," fuhr Herr Sträuber fort, "fanden es nun mit einem Male angemessen, denselben verschwinden zu lassen."

"Aus welchem grund?" fragte der General.

"Euer Erlaucht, ich weiss das nicht. Die Wärterin blieb in dem haus Numero zehn wohnen, der Knabe kam durch die Vermittlung einiger Personen, die ich nicht kenne, in eine Privat-Erziehungsanstalt hiesiger Stadt, wo er es, wie ich vermute, sehr gut hatte."

"Richtig, c'est cela même," sagte nachdenkend der General. "Und aus dieser Privaterziehungsanstalt verschwand clandestinement das Kind eines tages auf geheimnissvolle Weise, wie Sie mir selbst sagten."

"Wo war diese Privaterziehungsanstalt?" fragte der Polizei-Präsident.

Herr Sträuber hustete verlegen, zupfte an seinen Vatermördern und entgegnete nach einem kleinen Stillschweigen: "Die gnädigen Herren werden mir vielleicht den Namen dieser Anstalt erlassen; dieselbe war auf gegenseitige Verschwiegenheit gegründet, auch kann der Name hier nichts zur Sache tun, da der Eigentümer dieser an sich vortrefflichen Anstalt vor kurzer Zeit starb, tief betrauert von seinen Pfleglingen."

Bei diesen Worten trat der Polizei-Präsident rasch aus der Fensternische hervor, und als er sich dem Herrn Sträuber genähert, ihm fest in das Gesicht gesehen, schien diesen alle Geistesgegenwart zu verlassen, seine Kniee knickten zusammen, und seine ohnedies ungesunde Gesichtsfarbe wurde fahl und bleich. Er hatte augenblicklich den Chef der Polizei erkannt, und ihn überschlich plötzlich die idee, er selbst stehe hier an einem sonderbaren Lebensabschnitte.

Der Präsident wechselte einen blick mit dem General, dann, wandte er sich an den so auffallend Erschreckten und sagte mit ruhiger, aber sehr ernster stimme: "Der würdige, vor kurzer Zeit verstorbene Vorsteher jener Privaterziehungsanstalt hiess Schwemmer und war" – das Folgende sprach er zum General – "einer der abgefeimtesten Spitzbuben, die je in hiesiger Stadt gelebt. Dabei schlau wie der Teufel, wusste er beständig durchzuschlüpfen, und gewährte nie eine Handhabe, woran man ihn fassen konnte. Er hilt allerdings eine Kleinkinderbewahranstalt, doch war dies Geschäft nur der Deckmantel für andere, und wir sind fest überzeugt, dass in jenem haus die gleichen Zusammenkünfte gehalten wurden, wie in dem bekannten Fuchsbau –"

Herr Sträuber zuckte.

"– Und dass eben dieser Schwemmer und sein Weib Hehlerei, Betrug, Kuppelei im Grossen betrieben. Ah! wahrhaftig, wir sind auf der richtigen Fährte, alle Fäden in meiner Hand!" Dabei fasste der Präsident sanft seine Nase und zog sie abwärts, so dass seine Augen bequem die Stelle auf dem Frack erblicken konnten, wo noch immer der gewisse Stern fehlte.

Herr Sträuber hatte sich ziemlich rasch wieder von seinem Schrecken erholt. Er heuchelte ein grosses Erstaunen, presste beide hände unter seinem hut zusammen, und sagte mit grosser Schlauheit, während er die Achseln zuckte: "Das hätte ich nimmer gedacht. Mir wurde das Haus als ganz respektabel geschildert, sonst hätte ich meinen Fuss nie hinein gesetzt. Beim Himmel! in welche Verlegenheiten kann man unschuldigerweise kommen! Ich ging nur dortin, um mich nach dem Knaben zu erkundigen. Wenn ich bedenke, mein ehrlicher Name hätte Schaden leiden können!"

Der Präsident hustete bedeutungsvoll und zwinkerte dem General aus den Augenwinkeln so schnell zu, dass der Andere, der gerade zerknirscht zu Boden schaute, es nicht sah. "Von dem, was Sie sagen, sind wir vollkommen überzeugt," sprach der Chef der Polizei. "Wer sieht den Leuten in's Herz! Beruhigen sie sich, was wir verhandeln, bleibt streng unter uns; fahren Sie aber in Ihrem Berichte fort, ich habe wahrhaftig nicht mehr viel Zeit zu verlieren."

Einen Augenblick zauderte der Angeredete, doch hielt der General wie absichtslos das Papier mit den Banknoten in die Höhe, und es war das wie eine Angel mit trefflichem Köder, auf welche Herr Sträuber zuschnappte und sich daran verbiss. – "Der Knabe also war bei diesem verruchten Schwemmer, und ich erfuhr, dass es dem kind dort nicht gerade besonders gefalle, dass es gewaltsam zurückgehalten werde, konnte aber nichts Böses dabei ahnen, denn ich hielt den Knaben für ein unartiges Bürschlein, Herrn Schwemmer aber für einen Biedermann. So kann man sich irren, meine gnädige Herren. – Ja, sogar als ich erfuhr, dass dem Knaben nachgeforscht würde, vermutete ich noch nichts Böses, und ich gestehe offenherzig, nur die Hoffnung auf einen grossen Gewinn bewog mich, mit den Leuten, die jenem kind nachforschten, in Unterhandlung zu treten. Und so kam ich vor seine Erlaucht den Herrn Grafen."

"Fast ist es so, doch eine andere Lesart. Wodurch dieser Herr erfuhr, ich lasse die Spur jenes Kindes suchen, vraiment, ich weiss es nichtgenug, er bot sich mir an, und ich trug kein Bedenken, seine Hilfe anzunehmen."

"Das ist an sich auch gleichgiltig," sagte der Präsident, "Jetzt haben sie nichts weiter zu tun, als mit wenigen Worten I h r Geld zu verdienen."