ward immer klarer, in dem Leben meiner Frau sei etwas Ungehöriges, sie sei sich einer Schuld gegen mich bewusst, sie habe mir etwas zu verbergen."
"Aber lieber Freund," entgegnete der Polizei-Präsident mit sanfter stimme, "nehmen Sie mir nicht übel: Da ist freilich viel Phantasie im Spiel. Das Leben der Baronin hier in diesem haus liegt so klar und offen da, ihr ganzes Betragen ist durchsichtig wie Kristall. Alle Wetter!" fuhr er mit einem scheinbaren Anfluge von Humor fort, "wir von der Polizei wissen mehr, als man glaubt. Wir sehen in viele Intriguen hinein. Uns sollte ein Ehemann fragen, wenn er seiner Frau misstraut."
"In diesem Fall," erwiderte spöttisch der General, "würde er viel erfahren! Wir sind ja unter uns, mon cher. Gehen Sie mir mit der Allwissenheit Ihrer Polizei. Ihr seht nur das, was auf der Oberfläche schwimmt; tief hinein wagt ihr eure Nase nicht zu stecken. – Au nom de Dieu, je vous prie, was Sie vom jetzigen Leben meiner Frau sagen, mag sehr wahr sein, aber ich denke ja an die Vergangenheit! Von da her zieht sich durch ihr Wesen ein finsterer Ton, ein schwarzer Faden, den sie nicht abbrechen kann, den sie beständig mit Geist und Liebenswürdigkeit zuzudecken sucht, dem ich aber auf die Spur gekommen bin."
"Sie erschrecken mich."
"Ich habe meine Frau eigentlich nie daran gehindert, auszugehen, auszufahren, kurz, zu tun, was ihr beliebt. Wohl ist es wahr, dass ich ein auffallendes Umhertreiben nie leiden konnte, und mich desshalb zuweilen veranlasst sah, der beständigen Lust meiner Frau, Besuche zu machen, einen Zügel anzulegen. Ich gestehe es, ich bestand zuweilen, namentlich nach kleinen Scenen unter uns, darauf, dass sie das Haus nicht verlasse, und dass sie gerade dann oft ausfuhr, machte mich aufmerksam. Je l'épiais."
"Das war sehr gefährlich, bester General."
"So besuchte sie eines tages eins unserer grossen Magazine, liess ihren Wagen draussen halten, ging zur vorderen tür hinein, zur hinteren aber wieder hinaus, so dass meine Leute glauben mussten, sie sei stundenlang mit ihren Einkäufen beschäftigt."
"Und das war sie nicht?"
"Que Diable! Sie hören ja, dass sie den Laden verliess. Sie bediente sich eines Fiakers und fuhr in eine kleine Strasse. Sie stieg an einem unscheinbaren haus ab, ging in den ersten Stock und sah dort –"
"O General!"
"Sah dort – einen Knaben von circa sechs Jahren, mit dem sie sich auf's Zärtlichste unterhielt."
"Einen Knaben!" –
"Einen Knaben, den sie in ihre arme presste, dessen Gesicht sie mit Küssen und Tränen bedeckte, den sie mit der Liebe einer Mutter an sich drückte."
"Mit der Liebe einer Mutter?"
"So ist es Präsident."
"Teufel! Teufel! Aber, General, Sie erzählen mir da eine geschichte, die mich ganz confus macht. – Ein Knabe; – was soll es mit dem Knaben? Wer ist der Knabe?"
"Es ist der schwarze Faden im Leben meiner Frau, von dem ich vorhin sprach, voilà l'affaire! Woher der Knabe mit seiner Wärterin so plötzlich erschienen, je l'ignore complètement, sowie Sie, lieber Freund, der Chef der Polizei. Damals aber schon war ich im Begriff, mich an Sie zu wenden, ich wollte mich mit Ihrer Hilfe des Knaben bemächtigen."
"Das war auch der richtigste Weg, um etwas zu erfahren," entgegnete der Präsident, der in diesem Augenblicke ganz Polizeimann war.
"Aber die Andern dachten Aehnliches," fuhr der General mit einem trockenen lachen fort, "und plötzlich war Kind und Wärterin verschwunden."
"Sehen Sie, General, sehen Sie," sprach ernst der Andere, indem er den Zeigefinger drohend erhob und ihn dann an die linke Seite seiner Nase drückte. "Hätten Sie Ihrer ersten Eingebung gefolgt und uns von der Sache benachrichtigt, so wäre uns Wärterin und Kind nicht entwischt. Ah! wir hätten ein Wort mit ihr gesprochen; man hält sich nicht so unbefugter Weise und ohne erlaubnis in hiesiger Residenz auf; ich muss mir das ausbitten, ich, der Chef der Polizei."
Ein leichtes Lächeln überflog bei diesen Worten das vertrocknete Gesicht des alten Generals. "Die Sache lässt sich wieder gut machen," meinte er nach einer kleinen Pause. "Wir haben die Spur des Knaben wieder gefunden."
"Das ist mir sehr lieb," sagte aufatmend der Präsident. "Es ist ja für mich komplett unheimlich, von dergleichen Geschichten zu hören, die unbemerkt von der Polizei getrieben werden. – Nun also?"
"Offen gestanden, sie hatte den Knaben so gut versteckt, dass wir ihn nimmer gefunden hätten, wenn sich nicht glücklicherweise bei mir Jemand gemeldet hätte, der sich anheischig machte, mich für eine ziemliche Summe auf die Spur zu leiten."
"Und –"
"Dieser Jemand, natürlicherweise ein mauvais sujet, ist im haus. Ich habe ihn auf heute bestellt, er kam und steht zu Ihrer Verfügung. Sie sehen, bester Präsident, dass Ihr gang zu mir sich vielleicht belohnen könnte. Man könnte dabei noch allerlei Anderem auf die Spur kommen