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schaute lange rückwärts zu einem Fenster hinauf, an welchem sich Blumen befanden. Dort war leider heute nichts sichtbar als eben nur diese, und das hartnäckige Hinaufschauen hätte den Grafen beinahe in Schaden gebracht, denn da er nicht auf seinen Weg blickte, geriet er fast zwischen die Pferde einer Equipage, die ziemlich rasch um die Ecke des Schlosses herumkam. Erst auf das Hoje! des Kutschers prallte er auf die Seite, und erblickte das Coupé des Polizeipräsidenten, der ihm lächelnd mit dem Finger drohte und zurief: "Welches Unglück, Graf Fohrbach, wenn ich Sie überfahren hätte!"

"Ein Unglück für uns Beide," erwiderte lustig der Graf, "denn wie hätten das Euer Excellenz, verantwortlich für die Sicherheit der Einwohner, rechtfertigen können!"

Damit ging er seiner Wege, und der kleine Wagen des Andern beschrieb einen Bogen auf dem weichen Sande des hintern Schlosshofes und hielt vor der tür des General-Adjutanten Baron v. W.

Da nun wir, geneigter Leser, Flaneurs vergleichbar sind, die sich nur da aufhalten und beobachten, wo sie etwas Interessantes zu entdecken glauben, und es so unsere Art ist, Diesen zu verlassen und Jenem nachzugehen, so wollen wir den Grafen Fohrbach ruhig seiner wohnung zuschreiten lassen und der Equipage Seiner Excellenz folgen.

Der Polizeipräsident schien in dem haus, in welches er eintrat, erwartet worden zu sein. Ein alter Bedienter in einer maulbeerfarbenen Livrée öffnete nach einer tiefen Verbeugung den Schlag, und zog dann eine Glocke, die im ersten Stock klingelte, sobald der Präsident die Treppen hinanstieg. Oben öffnete ihm ein schwarzgekleideter Kammerdiener die Glastüre und führte ihn durch mehrere Zimmer in das Kabinet des Generals, rollte einen Fauteuil vor das lodernde Kaminfeuer und bat ihn, einige Sekunden zu verziehen, indem Seine Excellenz gleich erscheinen würde. Der Präsident liess sich nieder, rieb sich die hände vor dem Feuer, befühlte darauf tastend seine Nase und blickte schmunzelnd in die lodernden Flammen.

Alle Kammern seines Gehirns waren mit Räubern und Mördern angefüllt, und sein Geist beschäftigte sich seit mehreren Tagen nur noch mit dem uns bekannten Einbruch, den er hin und her beleuchtete, um Fäden zu finden, durch deren Hilfe er in allerlei schauerliche Schlupfwinkel dringen könne und mit denen er die gefürchtete Räuberbande, die also doch wirklich existirte, zu umgarnen hoffte.

Während dieser Betrachtungen blickte Seine Excellenz zuweilen an der linken Seite seines Frackes herunter, wo sich noch eine leere Fläche befand, wogegen das Knopfloch mit mehreren buntfarbigen Bändchen besetzt war. "Man wird so grosse Dienste zu belohnen wissen," dachte er bei sich, "und ich werde nach dieser glorreichen geschichte nicht länger des Sterns zu entbehren haben, der mir schon lange gehört."

In diesem Augenblicke erschien der alte General, und beeilte sich so viel als möglich, den Polizei-Präsidenten auf seinem Fauteuil festzuhalten, denn dieser schickte sich an, mit einem Anfluge von Respektsgefühl in die Höhe zu fahren. – "Aber, alter Freund, welche Geschichten!" rief kopfschüttelnd die militärische Excellenz. "Sitzenbleiben. –Parbleu! Gerade tun, als wenn man zu haus wäre. Alle Hagel! Wenn man sich auch nicht so viel sieht, so bleiben doch die freundschaftlichen Gefühle zwischen uns dieselben, he!"

Was nun die Bemerkung des Generals, dass sie sich selten sehen, anbelangte, so hatte der letztere vollkommen Recht, war aber selbst die Ursache, dass er sich mit seinem früher sehr intimen Freunde, damaligen geheimen Rate, jetzt Polizei-Präsidenten, etwas brouillirt hatte. Er hatte ihm auch einst eine seiner kleinen Bosheiten zugefügt, sich eine giftige, aber sehr komische Bemerkung bei hof über ihn erlaubt, freilich dadurch die Lacher auf seine Seite gebracht, aber den Freund von sich zurückgestossen. Das war nun allerdings nach und nach wieder so weit verglichen worden, dass sich Beide in Gesellschaften freundlich begegneten, auch wohl einen Rubber zusammen spielten, aber eine eigentliche Vertraulichkeit hatte nie mehr stattgefunden. Desshalb wunderte sich denn auch der Polizei-Präsident, als er am heutigen Morgen ein höchst amicables Billet des Generals erhielt, mit: "Mein lieber Freund!" anfangend und mit: "stets Ihr Getreuester!" schliessend, worin derselbe um den Besuch des Polizei-Präsidenten bat, weil ihn leider ein Unwohlsein verhindere, selbst auszugehen.

Nach dem Aussehen des Generals war Letzteres sehr glaubwürdig; seine Wangen waren, wenn möglich, noch eingefallener als sonst, sein gang gebückter, und nachdem er dem Präsidenten beide hände geschüttelt, liess er sich wie erschöpft auf einem gegenüberstehenden Fauteuil nieder. "Ma foi!" sagte er, "man wird alt; doch Sie scheinen nichts davon zu spüren, sehen in der Tat vortrefflich aus, wie vor zwanzig Jahren, als ich ebenfalls noch im Dienste war. Vraiment, Präsident, die Ruhe ist ein Unglück. Sie bleiben geschmeidig wie polirt, während ich einroste. Enfin, was will man machen? Das ist der Lauf der Welt."

"Euer Excellenz sollten nicht so sprechen," erwiderte der Andere seufzend. "Ich will über meine Gesundheit nicht klagen, aber das kann ich Sie versichern: Mein gutes Aussehen ist eigentlich nur Echauffement, Erregteit. Glauben Sie mir, dieses beständige arbeiten, die Last, die auf mir liegt, drückt mich langsam zu Boden. Ich kann kaum aufatmen. Jetzt ruft man rechts, jetzt ruft man links. Nein, nein, Sie führen ein glücklicheres Leben, beschäftigen sich nur