auf seinen Befehl die grünen Vorhänge fest herabgezogen waren.
Der General wusste übrigens ganz genau, dass man ihn vom schloss aus beobachte, und desshalb hatte er schon öfters wochenlang seine Fensterläden fest verschlossen gehalten. Doch konnte er sich nicht entschliessen, die andere Seite seiner wohnung zu beziehen, denn es war ihm, wie schon früher bemerkt, ein Bedürfniss geworden, die Ein- und Ausgänge des Schlosses vor Augen zu haben.
Es war kurz vor der Carnevalszeit und der Major von S. hatte den Dienst in dem königlichen Vorzimmer. Er stand vor dem schon oft erwähnten Fenster, neben ihm Graf Fohrbach, und das Gespräch war unter Anderem auf die Bewohner des Schlossbaues gekommen, und beide Herren ergingen sich in ähnlichen Betrachtungen, wie wir sie eingangs dieses Kapitels unseren Lesern mitgeteilt haben.
"Es muss da drüben in der letzten Seit etwas vorgefallen sein," meinte der Major. "Du hast wohl auch davon gehört?"
"O ja. Aber im haus selbst ist nichts passirt; du meinst die geschichte auf dem neulichen Hofkonzerte."
"Ja, aber ich weiss sie nicht genau. Ich hatte an dem Tag den Dienst und war sehr dankbar dafür, dass es uns freigestellt wurde, zu bleiben oder zu gehen. Ich zog begreiflicherweise das Letztere vor."
"Ich dagegen war glücklich, dass man mich eingeladen," lachte der Graf.
"Das glaube ich. Du durftest schmachtend die Augen niederschlagen und sie wieder öffnen; du durftest dir mit vielsagendem blick durch das Haar fahren und deinen Schnurrbart kräuseln, du durftest hüsteln durch alle Nuancen."
"Allerdings. Aber trotzdem sah ich, was bei hof vorging und bin geneigt, dir darüber zu rapportiren. Du weisst, ich fuhr mit Steinfeld hieher. Der arme Kerl, viele Jahre abwesend, war aus allen Bekanntschaften heraus und musste sich vorstellen lassen wie ein neuer, eben erst bei Hof erscheinender Kammerherr. Nun, ich sorgte für ihn und machte ihm die Honneurs bei hof."
"Da fingst du bei dem jüngsten Ehrenfräulein an; ich kann mir das denken."
"Im Gegenteil. Ich sparte Eugenie fast bis zuletzt auf, aber du hättest seine grossen Augen sehen sollen, als wir nun zurücktraten und ich ihm zuraunte: Das ist die künftige Gräfin Fohrbach."
"Hm!" machte der Major. "Aber die geschichte."
Der Graf sah ihn einen Augenblick fragend an, doch kannte er ihn zu genau, um sich die vergebliche Mühe zu machen, ihn wegen des "hm!" zu befragen. "Endlich also," fuhr er fort, "suchte ich Hugo auch der Baronin v. W. zu präsentiren. Ich hatte sie zu Anfang des Konzerts gesehen, dann aber war sie mir aus den Augen verschwunden. Nun, ich präsentirte Steinfeld ihrem mann, dem alten General, und bat ihn um die erlaubnis, meinen Freund der Baronin vorstellen zu dürfen. – ‚Meine Frau,' sagte er, ‚klagt über Kopfweh und zog sich in die hinteren Zimmer zurück.' Wir suchten sie also auf."
"Das hättest du nicht tun sollen. Eine so kluge Frau wie die hat immer ihre guten Gründe, wenn sie sich aus dem Cercle zurückzieht. Sie wollte vielleicht von Jemanden nicht gesehen sein."
"Du könntest Recht haben; aber ich bin noch nicht alt genug, um alle Nuancen des Hoflebens zu verstehen. Nun also, wir fanden sie, ich stellte Hugo vor –"
"Und die Baronin erschrak vielleicht?"
"Nein, die Baronin erbleichte nur, wenn man das bei ihrem ohnedies bleichen Teint sagen kann. Aber Steinfeld erschrak, fuhr zusammen, drückte krampfhaft meinen Arm und kam so aus aller Contenance, dass ich mich mit meiner bekannten Geistesgegenwart – die auch du kennst," setzte er lächelnd hinzu – "in das Gefecht werfen musste, um mit meinem Vorgestellten nicht eine totale Niederlage zu erleben."
"Und sein Erschrecken war auffallend?"
"Ungeheuer. Die kleine U., die daneben stand, machte ein langes, überraschtes Gesicht."
"Und der alte General war in der Nähe?"
"Der Teufel führte ihn gerade daher, oder vielmehr der Herr Herzog, denn dieser brachte ihn gerade in dem ungeschickten Moment in die hinteren Zimmer."
"Das ist eine rätselhafte geschichte," meinte der Major, indem er den rechten Arm gegen das Fenster lehnte und den Kopf darauf stützte. "Und hast du auch gehört, wie man behaupten will, dass der General harte Worte zu seiner Frau sagte?"
"Etwas davon vernahm ich schon; begreiflicherweise zogen wir uns aber zurück, desshalb konnte ich an der tür nur verstehen, dass der General zu seiner Frau sagte: Madame, wir fahren nach haus!"
"Vielleicht hat er überhaupt weiter nichts gesagt, denn du Weisst, wie in der Welt jedes Wort auseinander gezerrt wird. Die kleine U. war bei meiner Frau und wollte allerlei gehört haben, von Einverständnissen, die die ganze Welt merken müsse und die er, der General, schon entdecken wolle."
"Unter uns gesagt, Steinfeld erschien mir höchst merkwürdig. Er war wie verwandelt, wollte Niemand mehr sehen, sprach nicht mehr, und kurze Zeit nachher war er verschwunden. – Aber jetzt habe ich dir diese interessante geschichte erzählt, dafür bezeige dich dankbar und sage mir, warum hast du vorhin hm! gemacht, als ich