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jetzt mit grosser Umsicht geführt wurde. Dieses Papier entält eine Instruktion über den hier verübten Einbruch, in der Alles auf das Genaueste vorgesehen ist. Wenn es nicht eine so schlechte Sache beträfe, so würde ich es ausserordentlich nennen."

Die Nase Seiner Excellenz hatte sich gerade nach dem oberen Fenster gerichtet, doch fing er sie mit einem gewandten Griffe ein und zog sie auf das zerknitterte und beschmutzte Papier herab. Auf diesem stand mit sehr undeutlichen und verwischten Schriftzügen Folgendes: "Zwei, sechs, Acht und Zehn sollen sich dabei beteiligen, sie umstellen das Haus, während Eins durch die geöffnete tür eintritt. Der Bewusste ist bereit, das Mädchen zu entführen; er erhielt Gelder und Papiere und wird nicht eingeholt werden. Geräusch an ihrer Zimmertüre muss den Andern hervorlocken. Forcirt er die tür, so muss ihn der junge Mensch auf sich nehmen, bis das Geschäft drüben beendigt ist. Es soll keine Gewalt angewandt, vielmehr wenn sich Hindernisse finden, die ganze Sache verschoben werden!"

"Da ist kein Zweifel mehr," sagte der Präsident mit grosser Wichtigkeit, als er gelesen, und fügte hinzu, nachdem er sich rings umgeschaut: "Vor allen Dingen gilt es nun, über die ganze geschichte ein unverbrüchliches Stillschweigen zu beobachten. Unsere Leute sind durch ihren Eid gebunden; der Buchhändler wird ohnedies nicht darüber sprechen, und was den jungen, angehenden Taugenichts anbelangt, so wollen wir den ein wenig in Gewahrsam nehmen. Das ist eine Sache," wandte er sich mit leiser stimme an seinen Sekretär, "die reiflich überlegt sein will und klug eingefädelt. Hauptsächlich muss uns Alles daran gelegen sein, den Aufentalt des gewissen Beil zu erfahren, damit wir den fassen können." Der Präsident unterstützte bei diesen Worten seine Rede pantomimisch dadurch, dass er mit seinen fünf Fingern die eigene Nase umspielte und sie dann plötzlich und unversehens ergriff. Der Sekretär aber spitzte wohlgefällig seinen Mund, schloss dabei die Augen und sein angenehmes Lächeln schien sagen zu wollen: o der ist uns sicher!

Fünfundsiebenzigstes Kapitel.

General und Präsident.

Vielleicht hat der geneigte Leser noch nicht vergessen, dass man von dem königlichen Adjutantenzimmer gerade vor sich einen Flügel des Schlossbaues sah, denselben, nach dessen Fenstern Graf Fohrbach, sowie seine jungen Kameraden zuweilen ihre Beobachtungen anzustellen pflegten. Der erste Stock dieses Baues war, wie wir ebenfalls wissen, von seiner Excellenz, dem General-Adjutanten Baron von W., bewohnt, einem alten Herrn, dessen Bekanntschaft wir auf der Soirée des Kriegsministers Excellenz gemacht.

Der Baron hatte seine grossen Eigentümlichkeiten, und eine für die königlichen Adjutanten gerade nicht angenehme bestand darin, dass er stundenlang an einem Fenster seiner wohnung sass und mit einer Lorgnette die Umgebung des Schlosses, die An- und Abfahrenden, Fussgänger und Reiter beobachtete. Es war gerade, als führte der alte Herr darüber ein Journal, denn wenn er zufällig etwas entdeckte, was nicht jeden Tag vorkam, so vergass er das niemals und wusste es später bei einer Hoftafel, einem Ball oder dergleichen immer so anzubringen, dass irgend Jemand darüber in Verlegenheit kam, oder doch in den Fall sich entschuldigen zu müssen. Viele suchten die Ursache dieser bösartigen Schwatzhaftigkeit Seiner Excellenz in dem Alter desselben oder in der Einsamkeit, in der er seine meisten Stunden verbrachte, denn Kinder hatte er keine, und mit der Baronin, seiner Frau, so munkelte die böse Welt, lebte er auf gar keinem vertraulichen und mitteilsamen fuss. Die älteren Herren bei hof aber, die ihn noch von der Zeit her kannten, wo er als Adjutant des hochseligen Königs fungirte, nannten ihn, wenn sie allein waren, einen boshaften Affen, dessen einziges Vergnügen es von jeher gewesen sei, die Leute unter einander zu verhetzen, überall Zwietracht zu säen und sich dann händereibend an den unangenehmen Scenen zu erfreuen, die er angestiftet.

Wenn man übrigens die alte Excellenz sah, wie sie so mit gekrümmtem rücken dahin schlich, die hände hinter sich haltend, in der Rechten eine goldene Tabatière, die sie mit zitternden Fingern beständig drehte, leise und vorsichtig dahin gleitend, um kein aufsehen zu erregen, von einem Salon in den andern, und dazu das spitze, gelbe vertrocknete Gesicht, die lebhaften, listigen Augen und die schwarze Perücke, so musste man, nach dem Aeussern urteilend, unbedingt der Ansicht Derer sein, welche den General für einen Schleicher hielten und ihm nichts Gutes zutrauten.

Bei den jüngern Adjutanten und Ordonnanz-Offizieren galt er überdies für einen Hofwetter-Propheten, und alle behaupteten steif und fest, wer von ihnen den Baron drüben des Morgens vor dem Rapporte in seiner weissen Nachtmütze am Fenster erscheinen sehe, der habe unbedingt im Laufe des Tages irgend eine Unannehmlichkeit zu erwarten. Und diese böse Vorbedeutung konnte nur paralisirt werden, wenn sich zufälligerweise auch die Baronin sehen liess. Denn dass die arme Frau der gute Geist des Hauses sei, die Schönheit, Liebenswürdigkeit und Grazie in person, darüber waren nicht bloss die jüngeren und älteren Herren, sondern, was viel sagen will, selbst die alten Hofdamen einig.

Die arme Frau führte aber bei ihrem Tyrannen ein beklagenswertes Leben. Fast täglich berichteten die Adjutanten einander über Scenen, die es drüben gegeben, und wenn man gerade nichts sah, so hörte man öfters die schrille stimme des baron, oder entnahm einen vorübergegangenen Sturm aus allerhand kleinen Anzeichen. Man bemerkte dann die schöne Frau mit verweinten Augen, man sah sie in ihrem Coupé ausfahren, in welchem