verleiten, dem Fallenden nachzublicken, aber nur eine Sekunde lang streckte er seinen Kopf zum Fenster hinaus. Dann taumelte er von einem furchtbaren Schlage auf denselben getroffen in das Zimmer zurück, wo er regungslos liegen blieb. –
Der Lehrling hatte droben zitternd in einem Winkel seiner Dachkammer gesessen. Mehrmals war er aufgesprungen und im Begriff, herunter zu eilen, doch jedesmal hielt ihn eine grosse Angst zurück. Er war sicher, sobald er auf den gang hinaus träte, augenblicklich zu Boden geschlagen zu werden. Wohl hatte er vernommen, das Jemand das Schlafzimmer des Prinzipals verlasse, – wahrscheinlich Herr Blaffer selbst, der sich in das Magazin hinunter begab. Später hörte er andere Tritte, die sich in dem Schlafzimmer verloren; vielleicht war der Buchhändler wieder herauf gekommen. Ein Fenster wurde geöffnet und kurze Zeit darauf war es die stimme des Prinzipals, welche "Räuber! Räuber!" rief.
Jetzt eilte August auf den gang hinaus und wollte die Treppen hinab, als er unten im haus flüsternde Stimmen vernahm: die seiner Schwester und die eines Mannes. Was war das? Von all' diesem Rätselhaften überrascht, blieb er oben an dem Geländer stehen und horchte. Zwei Personen schlichen die Treppen hinab, durch den gang nach der Haustüre, und darauf vernahm er deutlich, wie diese letztere zugezogen wurde. Er hörte das Schloss zuschnappen, dann war Alles todtenstill im haus. – Langsam, auf jeder Stufe stehen bleibend, stieg nun der Lehrling die Treppe hinab. Die Stille in dem haus war ihm fürchterlich. Endlich gelangte er in die Küche, neben welcher die alte Magd in einem Verschlage schlief. Sie hatte von dem Lärmen nichts gehört und war schwer zu erwekken. August hatte die tür vorsichtig hinter sich geschlossen, und erst als er Licht angezündet und die Magd bereit war, ihm zu folgen, wagte er sich wieder in den gang hinaus.
Die tür des Magazins stand offen und in demselben lag Herr Blaffer am Boden, schwer atmend, doch ohne äussere Verletzung. Der Schlag auf den Kopf hatte ihn betäubt, doch kam er bald wieder zu sich; und als er sich des Geschehenen erinnerte, als ihm all' das Schreckliche einfiel, welches geschehen, presste er beide hände gegen seine Schläfe und eilte zähneknirschend in das Haus hinauf, um über die Grösse des angerichteten Unglücks in's Klare zu kommen.
Dies konnte nun nicht grösser sein und war für ihn niederschmetternd. Die tür zu Mariens Schlafzimmer stand offen, sie selbst war verschwunden. Mit wankenden Schritten kehrte er in sein Zimmer zurück und wagte es kaum, seine geöffnete Kasse mit scheuem blick zu betrachten: sie war leer – er war ein ruinirter Mann, und man hatte ihm Alles, Alles gestohlen.
Als am andern Morgen die Polizei, von dem Vorfall in Kenntniss gesetzt, sich an Ort und Stelle begab, hatte es der Chef derselben für wichtig genug gefunden, sich selbst dortin zu verfügen, um in seinem Besein die Lokal-Inspektion vornehmen zu lassen. Herr Blaffer, den die schrecklichen Vorfälle auf das Bett geworfen hatten, sagte ohne Rückhalt, was er wusste. August dagegen hatte sich vorgenommen, Einiges, wie zum Beispiel den Besuch des Herrn Brander, die geschichte mit den Dukaten, sowie das Oeffnen der Haustüre, als unwichtig zu übergehen. Doch waren der Polizeidirektor, namentlich aber sein erster Sekretär, nicht die Leute, denen eine Persönlichkeit, wie der blonde Lehrling, im stand gewesen wäre, etwas zu verschweigen. August wurde in die Enge getrieben, und als ihm der Präsident mit angefasster Nase, die er zornig bald rechts bald links zog und alsdann drohend in die Höhe schnellen liess, auseinandersetzte, dass es ein wahres Verbrechen sei, der Polizei etwas zu verheimlichen, berichtete er die ganze geschichte, ja er wurde gezwungen, am Schlusse weinend den Namen des Herrn Beil anzugeben, als des Freundes, den er erwartet.
Man kann sich denken, dass Herr Blaffer über seinen ehemaligen Commis das Schlimmste aussagte, was namentlich den Polizeipräsidenten veranlasste, ein genaues Signalement des Herrn Beil aufzunehmen, eine Sache, die bei der auffallenden Körperbeschaffenheit desselben nicht schwer war.
Dass bei dieser Lokalinspektion die Fenster, durch welche sich der Dieb herabgelassen, sowie der Hof auf's Genaueste untersucht wurden, brauchen wir wohl nicht zu sagen. Auf dem weichen Boden des letzteren fand man übrigens genaue Spuren von dem, was hier vorgefallen. Man sah, dass hier ein menschlicher Körper niedergestürzt war, man bemerkte Blutspuren und rings herum Fusstritte, welche deutlich anzeigten, dass mehrere Personen da gewesen, den Gefallenen aufgehoben und über die niedrige Mauer auf die Strasse geschafft hatten. Der ganze Boden war mit schweren Stiefelabsätzen zertreten, und als sich einer der Polizeibeamten in seinem Geschäftseifer das Vergnügen machte, mehrere dieser Fussspuren der Länge und Breite nach zu messen, entdeckte er zufällig ein Papier, welches fast ganz in die feuchte Erde hinein getreten war. Da bei dergleichen Geschichten Alles von Wichtigkeit ist, so zog er es säuberlich hervor und händigte es dem Sekretär Seiner Excellenz ein. Dieser entfaltete es behutsam, warf einen blick hinein und sein trockenes Amtsgesicht strahlte darauf vor Freude und Ueberraschung. "Euer Excellenz," sagte er, als er das Papier dem Präsidenten überreichte, "hier ist der deutliche Beweis für meine Behauptung, die ich schon lange Zeit aufzustellen wagte, dass nämlich in hiesiger Stadt eine wohlorganisirte Bande besteht, welche von mächtiger Hand und, man kann es nicht leugnen, bis