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," murmelte Herr Brander. "Nun, er hat den Weg oft genug gemacht und die Liebe treibt ihn. – Sie irren," wandte er sich laut an den Lehrling, "ich stieg die Treppen herauf."

"Und der Andere?" fragte angstvoll der Lehrling, dem es anfing bei der Sache unheimlich zu werden.

"Der Andere ist ein guter Freund von mir und Herrn Beil, der hier einige kleine Geschäfte zu besorgen hat."

"Zu dieser Stunde?" versetzte August, der endlich, obgleich spät genug ahnte, er habe einen dummen Streich gemacht, fremden Leuten bei Nacht die tür zu öffnen.

"Ja, zu dieser Stunde, mein lieber junger Mann," entgegnete freundlich Herr Brander. "Er besorgt seine kleinen Geschäfte, hat aber dabei immer noch Zeit, aus irgend einem Winkel hervor seine Augen auf Sie zu richten."

"Wo?" fragte angstvoll der junge Mensch, indem er sich erschreckt umschaute.

"Das ist gleichgiltig; auch habe ich nicht lange Zeit zu Erklärungen. hören Sie mich aber gefälligst einen Augenblick aufmerksam an! Sie erwarten Herrn Beil, Herr Beil aber ist verhindert zu kommen, heute, morgen, die übrigen Tage. Aber er wünscht sehnlich Sie zu sehen und wird nicht verfehlen, Ihnen in den nächsten Tagen einen Weg zu diesem Zwecke anzeigen zu lassen. Doch verlange ich Eins von Ihnen: Sie bleiben ruhig auf Ihrem Zimmer, schliessen Ihre tür ab und bekümmern sich nicht um das, was Sie allenfalls von drunten im haus hören sollten."

"O mein Gott!" rief August in kläglichem Tone. "Sie haben Schlimmes vor. Aber ich will mich nicht daran beteiligen, ich werde nach Hilfe schreien und den Prinzipal wecken."

"Versuchen Sie das," sagte der Andere mit drohender stimme. "Rufen Sie um Hilfe, rufen Sie meinetwegen die Polizei! Ich werde mich ruhig hieher setzen und mich mit Ihnen fangen lassen, denn der Hehler ist wie der Stehler; ich bezahlte Sie reichlich dafür, dass Sie mir die Haustüre öffneten und will das vor aller Welt beschwören. – Seien Sie kein Kind," fuhr er nach einer Pause fort, als er sah, dass der Lehrling seinen Kopf abermals in die hände vergrub und darauf mit einer Jammermiene empor blickte. "Glauben Sie mir, es soll Niemand ein Leides geschehen. Sollten Sie aber, sobald ich diese kammer verlasse, dennoch Geräusch machen, um Hilfe rufen oder dergleichen Tollheiten treiben, so vergessen Sie ja nicht, dass Jener, der vorhin über den gang schlich, in Ihrer Nähe ist und dass Sie beim ersten laut ein Kind des Todes sind."

August konnte vor Entsetzen kein Wort hervorbringen; er blickte scheu um sich, denn plötzlich war das Licht der Blendlaterne nicht mehr sichtbar, doch fühlte er die Hand des fremden Mannes, welcher ihn an der Schulter rüttelte und ihm in's Ohr raunte: "Haben Sie Ihr Leben lieb und machen Sie keinen Lärm!" –

Bevor sich an diesem Abend Herr Blaffer zur Ruhe begeben hatte, war er noch längere Zeit in tiefem Nachdenken im Zimmer auf- und abspaziert. Seine Sachen waren geordnet, die Papiere über den Kauf ausgewechselt, das Geld lag im Kasten, er war im Begriff, in ein ganz neues verhältnis einzutreten, wesshalb es denn auch leicht begreiflich war, dass er den vergangenen Tagen einen kleinen Rückblick schenkte. Herr Blaffer hatte von seiner frühesten Jugend an tüchtig gearbeitet, seine Zeit, sein Geld zu Rat gehalten, was ihm übrigens leicht war, da er nicht von den gewöhnlichen Leidenschaften der Menschen berührt wurde. Er trank nicht, er spielte nicht, er war gegen das schöne Geschlecht vollkommen gleichgiltig. So musste es denn auch kommen, dass er etwas vor sich gebracht: ja, Herr Blaffer war auf dem Punkte, ein recht wohlhabender Mann zu werden, als ihm einige Unternehmungen fehlschlugen und ihn eine bedeutende Summe kosteten. Das entmutigte ihn und von dem Augenblicke an trachtete er mehr darnach, sein Vermögen zu erhalten, als zu vermehren.

Da kam jenes Mädchen in sein Haus, und die Flamme, die sein Herz plötzlich ergriff, brannte um so gefrässiger, als dieses Herz alt, dürr und trocken war. Vergebens hatte er eine Zeit lang gegen diese leidenschaft angekämpft: sie war stärker als sein Wille, er unterlag, und jedes Opfer, welches er gezwungen war, derselben zu bringen, däuchte ihm leicht zu sein. Desshalb hatte es ihm auch wenig Kummer gemacht, dass die Firma, die er gegründet, in fremde hände überging, dass das Haus, in welchem er geboren, jetzt von Andern bewohnt werden sollte. Alles Das beschäftigte seinen Geist wenig, aber eine andere Frage lag auf seiner Seele und verursachte ihm ein Gefühl, als tropfe von Sekunde auf Sekunde flüssiges Metall auf sein Herz, die Frage: ist sie dir wirklich untreu geworden? – eine Frage, die tausend Teufel in seiner Brust mit jubelndem Ja beantworteten. Dann ballte er krampfhaft die hände, fuhr in sein spärliches Haar und stöhnte: "O nur Gewissheit darüber, nur Gewissheit, dass ich ein Recht hätte, sie zu fassen und langsam zu verderben."

Endlich begab er sich zur Ruhe, und nachdem er sich lange umhergeworfen, kam der Schlaf auf seine Augen, ohne ihn zu beglücken. Denn die wilden Gedanken, die ihn wachend beschäftigt, hatten sich schon in schlimmere Träume