Artur sprach.
Dieser fuhr nach einer kleinen Pause trübe lächelnd fort: "Wir wollen darüber nicht weiter reden; es war ein Geschäft und ist abgemacht. Apropos! Haben Sie nichts mehr von Herrn Beil gehört?"
"Der Schuft!" entgegnete Herr Blaffer und stiess das Lineal heftig auf den Stuhl. "Nein, nein! Gott sei Dank! Ich weiss nicht, wo er crepirt ist. Ich sage Ihnen, Herr Erichsen, das war eine niederträchtige Seele."
"Sie standen nie gut mit ihm; aber für schlecht hätte ich ihn nicht gehalten: für etwas unüberlegt – ja zu lustigen Streichen stets bereit."
"Boshaft, Herr Erichsen, boshaft wie ein Affe. Und wie konnte sich der Kerl verstellen! Zum Beispiel, haben Sie je ein Talent zum Zeichnen an ihm bemerkt?"
"Nichts Auffallendes der Art."
"Ich früher auch nicht. Aber denken Sie, als er fort war, visitire ich seinen Pult und finde da ein Paketchen zugebunden, gesiegelt und mit der Ueberschrift: Meinem lieben Prinzipal, Herrn Blaffer. Hätte ich nur meiner ersten idee nachgegeben und es in's Feuer geworfen! Aber so plagt mich der Teufel der Neugierde und ich finde eine ganze Menge der scheusslichsten Karrikaturen."
"Ah!" machte fast lächelnd der Maler, denn ihm kam plötzlich die idee, Herr Blaffer spreche von den Zeichnungen, die er, Artur selbst, auf dem Pulte des Herrn Beil hie und da verfertigt.
"Karrikaturen der schändlichsten Art, und mit Beziehung auf unsern Roman: Onkel Tom's Hütte. Und mich hat er immer zur Hauptfigur genommen, mich, seinen Prinzipal und Wohltäter."
"Das ist unerhört!" entgegnete Artur, indem er mühsam ein ernstes Gesicht, machte. "Das hätte ich hinter Herrn Beil nicht gesucht." – Doch schien er das Gespräch und überhaupt seinen Besuch abbrechen zu wollen, denn er stand auf, reichte dem Buchhändler die Hand und sagte: "So halten Sie mich im besten Andenken, Herr Blaffer, und wenn ich von meiner Reise mit vollen Mappen zurückkehre, so können wir vielleicht eine Art Reisebeschreibung daraus machen."
Herr Blaffer war hierauf schon im Begriff, über den Verkauf des Geschäftes zu sprechen, doch dachte er: "Es ist besser, ich schweige darüber." Er schüttelte desshalb die dargebotene Hand, affektirte einige Rührung und begleitete den Maler bis an die Haustüre, worauf dieser sich entfernte.
Der Buchhändler trat in sein Comptoir zurück und ging mit grossen Schritten auf und ab, wobei er das Lineal auf dem rücken hielt und sich zuweilen damit auf die Schulterblätter klopfte. – "Auch der hat bittere Erfahrungen," sagte er nach einiger Zeit in einem höhnischen Tone, "und ist doch hübsch und jung. Ja, trau' Einer dem verfluchten Weibergeschlecht! Wenn mich nur die dumme Grille dieses Herrn Erichsen nicht ein paar hundert Gulden gekostet hätte, die ich an das Bettelpack weggeworfen. Aber ich will mich noch dafür revanchiren! Ein recht artiger Brief an den Herrn Staiger soll mein letztes Geschäft als Chef der Handlung Johann Christian Blaffer und Compagnie sein." Damit trat er an den Pult und schrieb mit sichtlichem Wohlbehagen:
"P.P.
Die schlechten zeiten, unter denen gegenwärtig der Buchhandel seufzt, veranlassen uns, Sie zu ersuchen, Ihre arbeiten für unsere Handlung einstellen zu wollen. Onkel Tom ist beendigt, und wir sind ausser stand, das neue Unternehmen, für welches ja ohnedies noch kein Kontrakt zwischen uns abgeschlossen ist, in's Leben treten zu lassen.
Genehmigen Sie indessen die Versicherung der
Johann Christian Blaffer und
Comp."
Wohlgefällig betrachtete der Buchhändler den säubern Schnörkel unter seinem Namen, setzte vorsichtig das Datum von gestern bei und siegelte den Brief. Dann rieb er sich die hände, als habe er ein gutes Werk getan, verschloss das Comptoir und ging in sein Schlafzimmer hinauf.
Als es einige Stunden darauf dunkel wurde, sass August an dem Fenster seiner kammer, den blick auf die Strasse gerichtet, wo man nach und nach alle Gaslampen angezündet hatte; auch die bewusste vor dem haus brannte hell und lustig, und so sehr der Lehrling auch umher spähte, nirgendwo liess sich Jemand sehen, der Lust zu haben schien, diese einzige Flamme wieder auszulöschen und so den sehnlichst erwarteten Besuch des Herrn Beil anzuzeigen.
Endlich wurde August zum Nachtessen gerufen, und das ging trübselig vorüber, wie die meisten in der letzten Zeit. Herr Blaffer sprach nichts und warf nur zuweilen finstere Blicke über den Tisch hinüber nach Marie, welche in tiefe Gedanken versunken zu sein schien, und wohl aus diesem grund häufig etwas Unpassendes sagte oder da lachte, wo es gerade nicht notwendig war – ein Benehmen, welches die gute ihm einige beissende Bemerkungen ablockte, welche von dem jungen Mädchen nicht gerade auf die ehrerbietigste Art beantwortet wurden. Dann wurde der Prinzipal heftig, grob und kränkend, was zur Folge hatte, dass sie ihm einen verächtlichen blick zuwarf, den Teller hastig zurückstiess, sich vom Tische erhob und auf ihr Zimmer ging.
Glücklicherweise liess sich August durch diese Scene gar nicht anfechten, sondern speiste mit grosser Gemütsruhe, wornach auch er seine Dachkammer aufsuchte. Trotzdem es ihm aber in der letzten Zeit besser in dem haus gegangen, so erschien ihm doch Manches dafür so unheimlich und widerwärtig, dass er sich nach der früheren Zeit zurücksehnte, und namentlich nach Herrn Beil, mit dem er so manche