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zu entschuldigen, Herr Erichsen; ich hatte da meine tiefen Gedanken."

"So störe ich Sie; das tut mir leid!" versetzte der Maler.

"O, Ihr Besuch stört nie; er erfreut nur!" gab der Buchhändler zur Antwort; wobei er von seinem Comptoirstuhl herunter kletternd seine langen Gliedmassen wahrhaft spinnenartig aus einander streckte. "Bitte, Platz zu nehmen. Sie machen sich selten, Herr Erichsen, sehr selten."

"Es ist wahr," erwiderte Artur, indem er sich niederliess, "ich war lange nicht auf dem Comptoir; wir verkehrten brieflich. Aber unsere arbeiten wurden desshalb nicht vernachlässigt."

"Gewiss nicht; Ihre Illustrationen kamen immer zur Zeit. Da gab's nie eine Stockung."

"Aber jetzt könnte es eine geben, Herr Blaffer," erwiderte Artur, und sah dabei auf den Boden nieder und zeichnete mit seinem Spazierstocke allerlei Linien in den Staub, "eine Stockung, die mich betrifft, nicht Ihr Geschäft."

"Wie verstehe ich das, bester Herr Erichsen?"

"Ich habe eine grosse Reise vor," antwortete der Maler gedankenvoll, "in die Schweiz, vielleicht nach Italien, wesshalb ich nicht mehr im stand bin, die mir übergebenen Illustrationen auszuführen. Doch wie schon gesagt: Das Geschäft soll nicht darunter leiden, ich habe einen Stellvertreter gefunden, einen talentvollen jungen Mann, der es mindestens ebenso schön macht wie ich."

"Na, na, Herr Erichsen," sagte der Buchhändler höflichst, "das ist unmöglich. Aber ich begreife vollkommen, dass Sie sich wegen solcher Bagatelle nicht binden werden." – Ihm war es ja vollkommen gleichgiltig, wer künftig die Illustrationen für das verkaufte Geschäft mache, ja es war ihm lieb, wenn sein Nachfolger einen guten Arbeiter verlor. Herr Blaffer nahm sein Lineal zwischen die Zähne, nickte mit dem kopf und sprach gedankenvoll: "So, so, Sie reisen? – Sie glücklicher Mensch! Das entschliesst sich von heute auf morgen, packt ein, lässt sich Kreditbriefe geben und bricht alle Verbindungen leicht ab."

Artur seufzte ein wenig und entgegnete: "Wenn man reist, bricht man freilich seine Verbindungen für einige Zeit ab, aber es ist noch die Frage, ob einem das leicht wird."

"Ah! Ich verstehe!" rief Herr Blaffer mit einem pfiffig sein sollenden Lächeln, das aber nur ein Grinsen war. "Verzeihen Sie meine Indiscretion, aber in der Balkengasse wird der Abschied sehr schwer fallen."

Der Maler zuckte mit den Achseln und erwiderte, ohne Herrn Blaffer anzusehen: "Da sind Sie im Irrtum. – InderBalkengasseich weiss wohl, worauf Sie anspielenist nichts, was meinen Abschied erschweren könnte."

"Nichts?" fragte lauernd der Buchhändler.

"Nichts," wiederholte Artur.

"Aber doch etwas Vorübergehendes?"

"Sehr vorübergehend," meinte Artur gedankenvoll.

Der Buchhändler klopfte mit dem Lineal auf seinen magern Schenkel und sagte: "Schaut, wie ihr jungen Leute eigentlich seid. Da fasst ihr eine Grille auf, da seht ihr ein schönes Gesicht, und da muss nun alle Welt helfen, damit sich so ein Geschöpfchen leichter verführen lässt."

"Bitte recht sehr, Herr Blaffer," sprach ernst der Maler.

"Nun, Sie werden mir das nicht übel nehmen," fuhr der Andere lächelnd fort. "Ich meine es ja nicht böse; und so ganz Unrecht habe ich auch nicht; ich will Ihnen das beweisen. Musste da nicht die arme Handlung Johann Christian Blaffer und Compagnie mehr als zu viel tun an Honorar für den armen Staiger! Ich versichere Sie: Viel mehr als zu viel, denn das ursprüngliche Honorar war für seine Leistungen genügend."

"Möglich," versetzte Artur träumerisch.

"Ich habe es auch nur Ihretwillen getan. Nun, das hat er auch wohl gemerkt, und die Tochter wird nicht undankbar gewesen sein." – Er sprach das mit einem sehr widrigen Lächeln, welches aber der junge Mann nicht sah, da er zu Boden blickte, denn sonst würde der Ton, mit welchem er antwortete: "Ich bitte darüber nicht mehr zu reden," gewiss ein noch viel schärferer gewesen sein. Doch setzte Artur gleich darauf hinzu: "Ich kann Sie versichern, der alte Mann hat keine Ahnung davon, dass er mir die Erhöhung seines Honorars zu verdanken hat."

"Das kann ich nicht glauben," erwiderte Herr Blaffer mit künstlichem Erstaunen. "So wird er sich nicht überschätzen. sechs Gulden für den kleinen Bogen!" sagte er mit fast heulendem Tone. "Wenn er da nicht einsieht, dass ihm eine starke Hand geholfen, so ist es mehr als undankbar. Ueberhaupt –"

"Was überhaupt? Fahren Sie nur fort, Herr Blaffer."

"Nehmen Sie guten Rat an, mein lieber Herr Erichsen; ich kenne die Welt. Man muss sich mit solchen Leuten nicht so tief einlassen; das benutzt einen, so lange als möglich, kommt dann ein Anderer, vornehmer, reicheroder jünger," setzte er leise und zähneknirschend hinzu – "so wird der gut Denkende auf die Seite geschobenverlassen."

"Ja verlassen," sagte kaum hörbar der Maler.

Doch verstand ihn Herr Blaffer vollkommen; ja nicht allein das Wort, sondern auch die zerstreute und traurige Miene, mit der es