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vorigen Kapitel beschriebenen, an sich gewiss sehr unbedeutenden Vorfalle, befand sich Herr Blaffer allein in seinem Comptoir und sass gedankenvoll an seinem Pulte. Er hatte die Füsse auf die höchsten Sprossen des Stuhles gesetzt, wesshalb seine spitzigen Kniee so hoch empor ragten, dass er die Ellbogen darauf stützen konnte, auf welchen, oder vielmehr seinen Händen, nun der Kopf ruhte, was seiner ganzen Figur ein höchst sonderbares, nicht gerade angenehmes Aussehen gab. Dazu hatte sein Gesicht einen finstern, unheimlichen Ausdruck, den ein höhnisches Lächeln zuweilen überflog, ohne seine Züge zu verschönern. Vielmehr lag in dem Lächeln etwas so Tückisches, dass vielleicht selbst Herr Beil davor erschrocken wäre, wenn er sich seinem würdigen Prinzipal noch gegenüber befunden hätte. Herr Blaffer war offenbar in sehr trüber Gemütsstimmung und hatte in den letzten Tagen um eben so viele Jahre gealtert. Er hatte auch traurige Erfahrungen gemacht: er hatte beim Verkauf seines Geschäftes gefunden, dass dasselbe in den Augen der Welt ziemlich herunter gekommen erschien, denn er hatte um mehrere tausend Gulden wohlfeiler verkaufen müssen, als er noch vor Kurzem geglaubt. Mit seinem haus, das er ebenfalls zu Geld gemacht, war es ihm nicht besser gegangen; man hatte demselben alle möglichen Fehler nachgewiesen, und da Herr Blaffer obendrein auf baarer Bezahlung bestand, musste er sich auch hier wieder zu einem ziemlichen Opfer entschliessen. Auch Schulden hafteten noch darauf; doch, nachdem Alles abbezahlt war, blieb dem Verkäufer für Geschäft und Haus immer noch die schöne runde Summe von zwanzigtausend Gulden übrig, die er in Wertpapieren und Gold droben in seiner Kasse eingeschlossen hatte.

Aber auch Erfahrungen anderer Art hatte Herr Blaffer gemacht, und wenn er daran dachte, so überflog kein, wenn auch noch so finsteres Lächeln seine Züge; wenn ihm das einfiel, so knirschte er mit den Zähnen, so biss er auf die dünnen, blassen Lippen, so fuhr er sich durch den spärlichen Haarwuchs, und dann warf er einen scheuen Seitenblick in den Spiegel, und grinste sich selbst an, indem er ausrief: "Ja, das hat so kommen müssen, aberhierhier –" fuhr er auf sein Herz schlagend grimmig fort, "hier tut das weh, o über alle Beschreibung weh!"

Eine Folge dieser momentanen Aufregung war es nun, dass er darauf wieder in sein trübes Nachsinnen verfiel, dass sein Gesicht dabei wohl finster und gehässig blieb, aber dass einige Zeit darnach das höhnische Lächeln wieder wie grelle Blitze darüber hinflog. In dem Augenblicke dachte er an die zwanzigtausend Gulden in seiner Kasse, dass er damit in den nächsten Tagen die Stadt verlassen, Marie mitnehmen, sich mit ihr in irgend einem kleinen Winkel verbergen und sie dort auf den Händen tragen wolle, wenn es ihm gelänge, ihre Liebe zu erwerben; dass er sie im andern Fall aber quälen wolle, wie nie eine Menschenseele gequält worden sei. – "Ah! und ich werde sie quälen müssen," sagte er mit bebender stimme und fuhr dabei mit der Hand an die Stirne, "denn es wird nur zu wahr sein, was ich in der Stadt gehört, was mir die Magd unseres Hauses endlich eingestanden hat. Sie liebt, sie wird wieder geliebt, es schwelgt Jemand in meinem Eigentumeund ich bin betrogen."

Dabei sank er wieder tiefer in sich zusammen und ruhte längere Zeit so. Ein Unbefangener hätte glauben mögen, er schlafe. Doch ging hierzu sein Atem zu unregelmässig; bald stiess er ihn leis, aber schnell wie im Fieber, heraus, bald zog er ihn aus tiefer Brust an sich, und dann waren es schwere, schmerzliche Seufzer.

Nur der Anblick eines Papieres, welches vor ihm lag, riss ihn zeitweise aus seinen Träumereien etwas empor. Es war der Verkaufs-Contrakt der Buchhandlung; er hatte sich darin, wie wir wissen, die Anstellung eines Commis vorbehalten, ohne August vorderhand zu nennen, hatte diesem Commis ein sehr kärgliches Einkommen auswerfen lassen und allerlei für denselben bestimmt, was den Zweck hatte, ihm das Leben ziemlich sauer zu machen. So hatte er für den Bruder des Mädchens gesorgt, das er liebte, und er lächelte abermals, indem er an die unangenehme Ueberraschung seines ehemaligen Lehrlings dachte, wenn dieser seine neue Anstellung erführe.

In diese Gedanken versunken mochte Herr Blaffer schon mehrere Stunden gesessen haben, und er war so menschenfreundlich gesinnt, dass er schon zu wiederholten Malen auf öfteres klopfen an die Comptoirtüre keine Antwort gab. Die bescheidenen Besucher waren dann meistens wieder fortgegangen, zu furchtsam oder zu diskret, um heftig an die tür zu pochen oder dieselbe gar zu öffnen. Endlich aber musste Jemand davor stehen, der nicht so dachte, denn einem einmaligen klopfen folgte ein stärkeres und dann drei so kräftige Schläge, dass der Buchhändler empor fuhr und mit wilder stimme: "Herein denn in's Teufels Namen!" rief. Dabei machte er ein Gesicht wie ein reissendes Tier, das auf seine Beute losspringen will. Auch seine zusammengekauerte Stellung schien dies Vorhaben unterstützen zu wollen, wesshalb denn auch wohl der junge Mann, der nun in die tür trat, überrascht auf der Schwelle stehen blieb.

"Bei allen Göttern!" sagte der Eintretende mit einem leichten Lächeln auf den Lippen, "Sie blicken mich an, Herr Blaffer, als sei es Ihnen sehr unangenehm, mich hier zu sehen."

"Verzeihen Sie, verzeihen Sie," entgegnete dieser nach einem tiefen Atemzuge; "bitte sehr