, um durch das Haus zu gehen, zu irgend einem Fenster hinaus zu schauen und heimlich an Marien's tür zu lauschen und durch das Schlüsselloch in's Innere zu sehen. Es musste ihn etwas ausserordentlich Unangenehmes in Bewegung setzen, die früheren finstern Gedanken traten wieder hervor, und er versuchte abermals, sich in allerlei Gehässigkeiten gegen den Lehrling und selbst gegen Marie Luft zu machen; es musste Etwas vorgefallen sein, das ihn seine eigene Schwäche verwünschen liess; er versuchte es, den Prinzipal von ehedem wieder zu spielen. Aber die Zügel waren seiner Hand entschlüpft und er sah mit Schrecken ein, dass er alles Terrain verloren. August gab ihm trotzige Antworten oder lachte ihn aus und das Mädchen zuckte verächtlich die Achsel. Suchte Herr Blaffer nun den Streit mit ihr weiter fortzusetzen, so nahm sie ruhig ihren Hut und Shawl und verliess das Haus, um erst spät Abends zurückzukehren, worauf dann Herr Blaffer wie ein Besessener durch alle Zimmer rannte, auch wohl schrie und tobte, um sie bei ihrer Zurückkunft dann freundlicher als je zu empfangen.
Dass er bei diesen Gemütszuständen körperlich nicht gedeihen konnte, war wohl natürlich; magerer als er war, konnte er füglich nicht wohl werden, doch fiel sein Gesicht mehr und mehr ein, seine Augen verloren allen Glanz, seine Gestalt knickte förmlich zusammen, sein gang wurde noch schwankender und schlürfender, kurz, er war nur noch der Schatten des ehemaligen Blaffer.
Vielleicht brauchen wir dem geneigten Leser nicht zu sagen, dass es die Eifersucht war, welche den Buchhändler auf so traurige Art verändert hatte, ja, die glühendste wildeste Eifersucht, und eine Eifersucht, die gewiss nicht ohne Grund war, aber deren Gegenstand zu ergründen ihm nicht gelingen wollte. Er fühlte es wohl, dass sie ihn betrogen, dass sie ihn nicht liebte und ihn nie geliebt. Hatte sie sich doch stets sichtbar bezwingen müssen, ihren Abscheu vor ihm zu verbergen, hatte ihn doch immer die Kälte ihres Herzens zurückgeschreckt. Ach! und worum er fast zu ihren Füssen gebettelt, wofür er so viel geopfert, das gab sie vielleicht einem Anderen aus vollem warmem Herzen, freiwillig mit überströmendem Gefühl. Wie glühend musste dies Mädchen lieben können! Wie selig musste der sein, dem sie bereitwillig ihre arme öffnete, den sie heiss an die Brust drückte! – Und es lebte Jemand, dem ein weicher, duftiger Nachtwind die Früchte nekkend zuwarf, nach denen er sich mühsam emporstreckte. Ja, das fühlte er, und dabei drückte er krampfhaft seine hände zusammen, knirschte mit den Zähnen und war unsäglich unglücklich. Am Tage liess es ihm bei seinen arbeiten keine Ruhe, Nachts schreckte es ihn aus seinen Träumen auf; ihm ahnte wohl, dass in seinem haus irgend Jemand ungehindert aus- und einging, aber es war wie ein Gespenst, unsichtbar, nicht zu fassen. Zuweilen glaubte er eine tür knarren zu hören, ja ein leises Gelächter zu vernehmen, aber wenn er angstvoll emporlauschte, so war alles wieder still, und einzig und allein machte sich der Wind bemerkbar, der durch den Schornstein heulte. Vergebens hatte er dem Bruder geschmeichelt; entweder wusste dieser nichts von dem Treiben der Schwester, oder war er schlau genug, nichts zu verraten. Wenigstens halfen weder Geschenke noch Versprechungen bei ihm.
Herr Blaffer hätte das Mädchen fortschicken können, aber dazu fehlte ihm die Kraft: er konnte nicht ohne sie leben. Endlich, nach langem Nachsinnen entschloss er sich, seine Buchhandlung um eine runde Summe zu verkaufen, mit Marie die Stadt zu verlassen und irgendwo an einem stillen Orte mit ihr zu leben. Er hätte sie alsdann geheiratet, wenn sie gewollt; doch hatte sie schon einige Mal seine Hand ausgeschlagen, und das war es, was ihm den ersten Argwohn gegen sie eingeflösst hatte. Herr Blaffer aber hoffte von der Zukunft, und da ihm mit einem Male in Betreff seiner Buchhandlung gute Anträge gemacht wurden, so nahm er sie an, bedingte baare Zahlung und verlangte von dem neuen Eigentümer, er solle für sehr geringen Gehalt einen Gehilfen annehmen, den ihm Herr Blaffer empfehlen werde. Auf solche Weise hoffte er sich Augusts zu entledigen.
Um die Unterhandlungen zu beschleunigen und den Verkauf abzuschliessen, hatte der Prinzipal das Haus verlassen und August befand sich allein auf dem Comptoir. Er sass an seinem Pulte und machte sich das unschuldige Vergnügen, einzelne Buchstaben einer Buchhändler-Zeitung, welche vor ihm lag, gehörig mit Speichel zu durchnässen und dann nach einem starken Druck mit dem Daumen wegzunehmen. Diese klebte er alsdann an einer andern unpassenden Stelle wieder auf und brachte so die sonderbarsten Worte zu Tage – ein Spiel, welches ihm Herr Blaffer oft verwiesen, denn der Prinzipal stutzte jedesmal und ärgerte sich, wenn er eine so präparate Zeitung in die Hand bekam und nun selbst gezwungen war, alle möglichen Confusionen abzulesen. August hatte eben den Satz, der Buchhandel sei ungewöhnlich flau, in einem Aufsatz aus der Feder des Herrn Blaffer dahin abgeändert, dass der Buchhandel ungewöhnlich faul sei, als es an der tür klopfte. Er rief sehr laut und deutlich: Herein! – Die Schüchternheit, mit der er das früher getan, hatte er sich schon lange abgewöhnt.
Es trat ein Mann in das Zimmer, den der Lehrling noch nie gesehen – eine grosse, stämmige Gestalt mit einem breiten, etwas aufgeschwollenen gesicht, welches durch freundliches Lächeln gutmütig aussehen sollte, eigentlich aber schlau und energisch erschien; dichtes rötliches, empor gestrichenes Haar bedeckte