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ihren Hut, um das Haus zu verlassen. Vielleicht wollte sie dem dunklen Wege folgen, den ihr Herr Beil vorgezeichnet; aber dann blieb sie schaudernd stehen und sagte: "Nein, nein, ich kann nicht; mir fehlt der Mut, und das Leben ist doch so schön!" Mit dem letzteren Gedanken schien sie sich dann auch schon im Laufe des Tages und Abends mehr zu befreunden; sie erhob sich langsam aus ihrem Nachdenken, sie atmete tief auf, fuhr dann mit der Hand über die Augen und lächelte schmerzlich. Aber sie lächelte doch. Ja, noch ehe es Abend wurde, vermochte sie es über sich, einen flüchtigen blick in den Spiegel zu werfen, und darauf fing sie an, ihr Haar zu ordnen und eine einfache, aber hübsche Toilette zu machen.

Herr Blaffer hatte es wohl im Laufe des tages einige Mal gewagt, an ihre tür zu klopfen, auch dieselbe sogar zu öffnen, doch hatte sie sich alsdann mit einem solchen Ausdruck des Hasses oder vielmehr des Zornes erhoben, dass er, der Tyrann, schüchtern zurückgetreten war und erst Abends es wieder wagte, sich ihr zu nähern: das heisst, der alte Buchhändler liess sich so weit herab, August hinaufzuschicken und bei der Schwester anfragen zu lassen, ob sie zum Nachtessen herabkommen wolle, oder ob sie wünsche, dass man bei ihr droben erscheine. August hatte kopfschüttelnd diese Botschaft und einigermassen zaghaft die Antwort des Mädchens hinterbracht, welche dahin lautete, Herr Blaffer möge machen, was er wolle, nur solle er sie in Ruhe und auf ihrem Zimmer lassen. Und er, der hierauf einen Zornausbruch des Prinzipals gefürchtet, sah zu seinem Erstaunen, dass er sich getäuscht hatte. Freilich war über die Stirne des Herrn Blaffer eine Wolke gefahren und er hatte mit den Achseln gezuckt; doch war darauf das Unerhörte geschehen, dass er seinem Lehrling einen Gulden schenkte, ihm die erlaubnis gab, damit in's Wirtshaus zu gehen und, was noch nie geschehen war, sogar die Freiheit erteilte, nach zehn Uhr vermittelst Hausschlüssels nach haus kommen zu dürfen. Der Lehrling hatte hievon einen umfassenden Gebrauch gemacht und seine Dachkammer aufgesucht, nachdem von dem Gulden nichts mehr übrig war und der Nachtwächter die zwölfte Stunde abgerufen.

Am andern Morgen war er etwas zaghaft beim Frühstück erschienen, weil er fürchtete, für seine nächtlichen Ausschweifungen derb ausgescholten zu werden. Auch hatte ihn Herr Blaffer mit finsterem Stirnrunzeln empfangen und schon angefangen, ein ernstes Wort zu sprechen, als sich Marie, die wieder erschienen war, dergleichen auf's Bestimmteste verbat, indem sie sagte, ihr Bruder sei kein Kind mehr und einem jungen Menschen in seinem Alter könne man es nicht übel nehmen, wenn er zuweilen etwas lange ausbleibe. Darauf hatte Herr Blaffer geschwiegen, zum grenzenlosen Erstaunen Augusts; ja, der Prinzipal hatte sogar gelächelt, als das Mädchen hinzusetzte, bei den alten Leuten sei ja keine Tugend zu finden, was man denn eigentlich von den jungen erwarten wolle.

Dass sich in dem Getriebe des Hauses überhaupt Vieles von Tag zu Tag veränderte, sah der Lehrling wohl, doch hatte er glücklicherweise nicht Verstand genug, um die Kraft zu entdecken, welche hier im Geheimen wirkte. Er dachte auch weiter nicht darüber nach, da das Resultat für ihn so angenehm war. Herr Blaffer behandelte ihn besser, ja, er setzte ihm sogar, obgleich mit sichtlichem Widerstreben, ein kleines Taschengeld aus; Marie sorgte für seine Garderobe und als der Herr Blaffer bei einer vorgelegten Rechnung die hände über dem kopf zusammenschlug, schlug das Mädchen dem würdigen Prinzipal die tür vor der Nase zu und meinte, wegen solcher Kleinigkeiten habe sie keine Lust, dessen verdriessliche Gesichter anzusehen.

Da nun August sah, dass er unter dem mächtigen Schutze seiner Schwester stehe, so überarbeitete er sich auch durchaus nicht, sondern vertrödelte seine Zeit, so gut es eben gehen mochte. Und wenn die Geschäfte des Hauses Johann Christian Blaffer und Compagnie nicht total vernachlässigt werden sollten, so musste sich der Prinzipal entschliessen, Abends noch eine Stunde zuzugeben, was er denn auch seufzend tat.

Das Alles war freilich nicht das Resultat eines Tages oder einer Woche, aber ein paar Monate hatten hingereicht, aus dem Alleinherrscher Blaffer, aus dem Sklavenhändler, wie ihn Herr Beil genannt, der unerbittlich seine Peitsche schwang, selbst einen demütigen Sklaven zu machen, der schwieg und sich duckte, sobald das trotzige, energische, schöne Mädchen fest gegen ihn auftrat.

Hätte der ehemalige Commis nur hie und da eine Stunde unsichtbar auf dem Comptoir zubringen können, er würde sich vollkommen gerächt gefühlt haben. Marie und ihr Bruder, der Lehrling mit dem blödsinnigen Lächeln, wie er ihn bezeichnet, die beiden herrschten in dem haus und Herr Blaffer duldete und schwieg.

Doch schien er sich anfänglich in dieser Sklaverei glücklich zu fühlen, und wenn das junge Mädchen einen kostspieligen Wunsch aussprach, so sträubte er sich mit verhaltenem Lächeln dagegen, und es schien ihm Spass zu machen, wenn sie nun den Kopf in die Höhe warf, mit dem fuss auftrat und zornig das Zimmer verliess; dann eilte er ihr nach, billigte gern, was sie verlangt, und begab sich händereibend an seine Arbeit. Auf einmal aber schien dieses stille Vergnügen des Herrn Blaffer gänzlich verschwunden zu sein; er wurde nachdenklich, bald starrte er stundenlang auf seine Arbeit, ohne die Feder zu bewegen, in tiefes Nachsinnen versunken, bald wieder hatte er keinen Augenblick Ruhe und verliess häufig sein Pult