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wenn ich diese Schrift anerkenne, was folgt daraus?"

"Dass du dich um jenes arme Mädchen bemüht," entgegnete Marianne, "dass du sie durch Geschenke bestechen wolltest, du, der von dergleichen Personen nur achselzuckend und mit wegwerfendem Tone sprach. Es beweist, dass du ein schlechter Heuchler bist."

"Marianne –!" rief abermals die Rätin.

"Ach ja, Mama," erwiderte die kleine Frau, indem sie die Hand an ihre Stirne drückte und tief aufatmete; "ich vergass mich."

"So ersuche ich um Ruhe," fuhr die Rätin in einem majestätischen Tone fort. "Mademoiselle," wandte sie sich an die Tänzerin, "reden Sie."

"Es ist ja nicht viel mehr zu reden," erwiderte Terese, die auch nicht einen Augenblick ihre Fassung verloren hatte, sondern ruhig dastand, in bester Haltung, ihren Shawl fest um sich gezogen, den Kopf erhoben. – "Sie starb, das Nähere darüber kann Ihnen der Herr Doktor Erichsen mitteilen, der in's Teater gerufen wurde. Sie starb in Folge jenes schrecklichen Falles, und die Sache ist um so trauriger, da dies Unglück von einem jungen mann verschuldet wurde, der die arme Marie auf's Innigste liebte, sie in der nächsten Zeit heiraten wollte, und der in jenem Augenblicke erfuhr, sie sei ihm untreu geworden."

Marianne zuckte schmerzlich zusammen.

"Ich war bei ihr und verliess sie keinen Augenblick bis zu ihrem tod. Mir teilte sie die ganze traurige geschichte mit, mir nahm sie das feierliche Versprechen ab, jenen Mann, der sie verfolgt, der sie unglücklich gemacht, der sieja, ich sage es freigemordet, von den schrecklichen Umständen ihres Todes in Kenntniss zu setzen, ihm hoffentlich zur ewigen Strafe. – Und ich nahm den Auftrag gerne an," fügte sie mit blitzenden Augen nach einer kurzen Pause bei, "ich nahm ihn gerne an, beschloss aber ihn nicht unter vier Augen zu erfüllen, sondern offen und frei, vor so vielen ihm unangenehmen Zeugen als nur möglich. – Und so tat ich." Damit machte sie eine Handbewegung gegen Alfons, welcher noch einen Augenblick am Tische wie erstarrt stehen blieb, dann fast in sich zusammenbrach, sich aber aufraffte, mit der rechten Hand durch sein Haar fuhr, und dann plötzlich zur tür hinausstürzte.

"Ich bin fertig," wandte sich die Tänzerin gegen die alte Dame "und wenn ich Sie verletzt, so will ich Sie um Entschuldigung bitten." Sie machte darauf sämmtlichen Anwesenden eine tiefe Verbeugung und wandte sich zum Weggehen.

Die Kommerzienrätin hatte einen Augenblick überlegt, worauf sie sagte: "Ich danke Ihnen, Mademoiselle; Sie haben Ihre Schuldigkeit getan." Bei diesen Worten erhob sie sich und begleitete die Tänzerin bis zur Zimmertüre in ruhiger, würdevoller Haltung. Sobald sich übrigens die tür hinter der Fremden geschlossen, blieb die alte Frau einen Augenblick wie betäubt stehen und presste die Hand vor die Stirne. Dann aber sprach sie: "Komm Marianne, ich habe mit dir zu reden." Und beide Damen verliessen das Zimmer. Die Herren machten es gleich darauf ebenso, nicht ohne viele oh! und ach! von Seiten des Kommerzienrates, der über alle massen verdriesslich war, denn er sah nun eine lange Reihe unangenehmer Auftritte vor sich, von denen er ein grosser Feind war, und überlegte auch, dass die geschichte noch einmal schlimm endigen könne. Doch müssen wir leider gestehen, dass er dabei weniger an seine arme Tochter dachte, als an sein Bankiergeschäft, welchem Herr Alfons eine Hauptstütze war.

Dreiundsiebenzigstes Kapitel.

Johann Christian Blaffer und Compagnie.

Seit dem Abgange des Herrn Beil hatte sich der Chef der Firma Johann Christian Blaffer und Compagnie keinen neuen Commis mehr angeschafft. August, der Lehrling, wurde an dessen Stelle befördert, ohne durch diese Beförderung das Geringste zu profitiren, im Gegenteil hatte er mehr zu arbeiten; denn seine bisherigen Geschäfte, das Einpacken und auch wohl das Austragen der Pakete sollte er nach wie vor noch nebenbei besorgen, und eine Folge davon war, dass jetzt gar nichts mehr geschah, wie es hätte geschehen sollen.

Herr Blaffer schien sich überhaupt mit den beiden Geschwistern etwas verrechnet zu haben; so auch, was August's Schwester anbelangt. Hier hatte er das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden wollen, und dem Mädchen eines tages auf die süsseste Art vorgeschlagen, sie möge einen Versuch machen, ihm in den Geschäften des Comptoirs zu helfen. "Das wäre für mich doch wohl angenehm," hatte er gesagt, "denn du würdest an dem Tische im Nebenzimmer arbeiten, ich käme zuweilen herein, sähe nach dir und erfreute mich an deinem Fleiss und deinem lieben gesicht." – Der Prinzipal hatte dabei gehofft, das kluge Mädchen würde alsdann bald die Geschäfte erlernen und ihm dadurch für beständig ein Commis entbehrlich werden. Er hatte sich aber, wie gesagt, auch hierin wie in vielem Anderen gewaltig verrechnet.

Den Tag nach jener denkwürdigen Nacht, in welcher Herr Beil das Haus verlassen, war Marie auf ihrem Zimmer geblieben und hatte lange Stunden in tiefe Gedanken versunken auf einem stuhl gesessen. Es mussten mitunter schreckliche Gedanken gewesen sein, die sie beschäftigt, denn zuweilen griff sie in ihr dichtes Haar oder liess den Kopf in beide hände sinken, um ein Zeitlang bitterlich zu weinen. Ja, ein paar Mal nahm sie hastig ihr Tuch und