auf dem Tische lag. Ihre Augen hatten starr an den Lippen des Mädchens gehangen, jetzt erhob sie dieselben und schaute ihren Schwiegersohn an, der mit einem Male seine Fassung gänzlich verloren hatte. Seine Augen irrten hin und her, er wurde bald bleich, bald rot; er zuckte mit den Achseln, versuchte zu lächeln und machte jetzt ein paar Schritte gegen den Doktor, und darauf ein paar gegen seine Frau, welche weinend mit dem kopf in die Kissen des Sopha's gesunken war.
Bei all' ihren Fehlern war die Kommerzienrätin eine sehr verständige Frau, welche namentlich die Gewalt über sich selbst höchst selten und dann nur auf Momente verlor. Auch jetzt, nachdem sie das Terrain überschaut, schien sie bald im Reinen zu sein und fasste sich augenblicklich wieder. Sie sass straffer da als vorhin, ihr Husten klang wie ein ferner Donner, und ihre, obgleich zuckenden Finger trommelten mit aller Energie einen Sturmmarsch. – "Fahren Sie fort – Mademoiselle," sprach sie gelassen zu Terese.
Alfons wischte sich den Schweiss von der Stirne und näherte sich, wenn gleich mit wankenden Schritten, dem Tische. Er stützte die rechte Hand darauf und sagte, nachdem er heftig geschluckt: "Frau Schwiegermama – Sie geben jener person die erlaubnis, in den ehrenrührigsten Reden gegen mich fortzufahren. Gestatten Sie mir aber dann – dass ich mich entferne."
"Nein, du bleibst!" schrie Marianne plötzlich laut auf und sprang von ihrem Sitze in die Höhe. "Nein, du bleibst – Heuchler! und lässt dir von fremden Leuten sagen, was deine arme Frau leider nicht den Mut hatte, gegen dich auszusprechen."
"Marianne!" sagte die Kommerzienrätin, ohne aber eine Miene zu verziehen.
Wie wir vorhin schon angedeutet, war die Periode ihrer Emotion vorüber und jetzt hätte noch Schlimmeres über sie hereinbrechen können, nichts wäre im stand gewesen, eine Miene ihres unbeweglichen Gesichts zu verändern.
"Aber um Christi willen!" sprach jammernd der alte Herr, indem er die hände zusammen schlug; "was sind das für furchtbare Geschichten? Wache ich denn oder träume ich?" Er erhob sich etwas schwerfällig und ging dann so eilig als möglich an die tür, um zu sehen, ob sie auch fest verschlossen sei.
Marianne war in diesem Augenblicke nicht mehr zu kennen. Dies sanfte, furchtsame Weib, welches sich durch einen gebietenden blick ihres Mannes in jeden beliebigen Winkel scheuchen liess, trat ihm nun fest entgegen, stützte die Hand ebenfalls auf den Tisch und sagte mit flammenden Augen: "Diese Dame spricht die Wahrheit. Du, dessen zweites Wort 'Sitte' und 'Anstand' war, du, der du die unschuldigste Sache so lange zu drehen wusstest, bis du ihr eine gehässige Seite abgewinnen konntest, du, der du jeden blick auf's Schlimmste deutetest, du, der hochmütig über die verderbte Welt und die Laster der Menschen absprach, du – bist selbst einer jener Sünder, und um so schlimmer, da du ein heuchlerischer Sünder bist. – Mademoiselle hat Recht, und wie schon Mama Sie bat, so bitte auch ich Sie, in Ihrer Rede fortzufahren. – Für mich ist das ja gleichviel," setzte sie laut weinend hinzu, "denn ich weiss Alles."
Alfons machte einen letzten Versuch, die total verlorene Schlacht wieder zu gewinnen; er fuhr das schwere Geschütz der Unverschämteit und Frechheit auf, er verbarg seine Hand auf der Brust, hob seine Nase hoch empor und sagte in dem entschiedenen Tone, durch welchen er schon öfters Recht behalten: "Madame, über Ihre Taktlosigkeit, dergleichen gehässigen Dinge über Ihren eigenen Mann – vor einer fremden – zudringlichen – und lügenhaften person auszusprechen, werde ich Sie später zur Rechenschaft ziehen. Was die Sache aber an sich anbelangt, so erkläre ich sie für eine infame Verleumdung, und bin bereit, gegen Jeden aufzutreten, der es wagen sollte, nur durch eine Miene seinen Glauben daran zu verraten."
Dabei schaute er herausfordernd im Kreise umher, und wollte einen vernichtenden blick auf Terese fallen lassen; doch erhob sich diese langsam aus ihrem Fauteuil, trat ihm fest entgegen und wollte ihm gerade eine gehörige Antwort geben, als Madame abermals emporsprang, sich zwischen Beide drängte und vor die Augen ihres Mannes ein Papier hielt, bei dessen Anblick seine angespannten Gesichtszüge schlaffer wurden und er unwillkürlich einen Schritt zurück trat.
"kennen Sie," wandte sich die arme Frau an Terese, "kennen Sie eine Tänzerin Marie U.?"
"Ich kannte sie. – Sie ist tot."
Ohne eigentlich zu wissen warum, durchzuckte dies Wort widrig die Kommerzienrätin; sie seufzte tief auf und hustete darauf lange und anhaltend in ihr Taschentuch.
"tot?" fragte Marianne zurückfahrend.
"tot!" sagte auch Alfons mit allen Zeichen des Schreckens auf seinem Gesicht.
"Sprechen Sie!" rief der Doktor, der eilig näher trat; "ist es das arme Mädchen, das den fürchterlichen Fall im Teater getan?"
Terese nickte mit dem kopf.
"Ah! sie ist gefallen!" murmelte Alfons aufatmend. "Was geht das mich an?"
"Sie kennen also dies Papier und den Namen der Tänzerin?" fragte die Rätin mit einem Tone, der eines Inquisitors würdig gewesen wäre.
"O, er kennt ihn!" rief Marianne. "Er wagt es nicht, seine Handschrift zu verleugnen."
"Und