eine Schwester, ein armes Mädchen, aber ehrlich und anständig, obgleich nur eine Nähterin. Sie suchte um eine Stelle nach, die damals in Ihrem haus offen war; sie war nicht schlecht empfohlen, ihr Aeusseres gefiel auch Ihrer Frau Tochter."
"Ach ja, ich erinnere mich," sagte Marianne.
"Dann werden auch Madame nicht vergessen haben," fuhr die Tänzerin fort, "dass Ihr Herr Gemahl, ich glaube jener Herr mit der Brille dort, meiner armen Schwester die Stelle abschlug, nicht, weil man ihr irgend etwas Uebles nachsagen konnte, ebensowenig, weil sie ihre arbeiten nicht verstanden hätte, sondern aus dem einfachen grund, weil sie eine Schwester habe, die Tänzerin sei, mit der man ja vielleicht zufällig später einmal in Berührung kommen könnte, was für ein so achtbares Haus, wie das Ihrige, doch keine grosse Ehre sei. Jene Schwester aber, von der die Rede war, bin ich. Ich war indess damals zu jung und unerfahren, um die Beleidigung, die man mir und meinen armen Eltern angetan, zu verstehen."
"Mademoiselle!" sagte streng die Rätin.
"Als ich sie endlich verstehen lernte, trug sie wahrhaftig nicht dazu bei, mich auf dem Wege der Tugend zu erhalten, denn ich dachte bei mir: man sieht dich deines Standes halber über die Achseln an, man rümpft die Nase über dich, weil du arm und schön bist und dich gut kleidest; du bist ein verlorenes Wesen, weil deine Mutter und gute Freunde nicht im stand sind, bei so und so viel vornehmen Bekannten mit deiner Tugend und vortrefflichen Aufführung zu prahlen. – Sei es darum, dachte ich, und liess Alles den Weg gehen, den es gerade gehen wollte!"
"Aber ich verstehe nicht, Mademoiselle," sagte nun der Kommerzienrat, "wie diese Einleitung auf ein Tema führen kann, das uns zu interessiren im stand wäre."
"Sie werden mich nicht für so töricht halten," versetzte Terese mit einiger Röte auf den Wangen, denn die Worte, welche sie eben gesprochen, hatten ihr Blut erregt, "dass ich über Sachen zu sprechen anfange, die mit Ihnen in keinem Zusammenhange stehen."
"Doch möchte ich in der Tat wissen," meinte Herr Alfons spitzig, "auf welche Weise wir die Ehre gehabt hätten, mit Ihrer person und der Ihrer Schwester in Berührung gekommen zu sein."
"Es handelt sich vorderhand nicht um Personen, sondern um Meinungen," entgegnete die Tänzerin mit einem kalten Lächeln. "Und namentlich um eine seiter sehr geänderte Meinung." Mit diesen Worten wandte sie sich direkt an Herrn Alfons und zwar mit so festem und sicherem Blicke, dass dieser achselzukkend seine Augen zu Boden schlug.
Die Kommerzienrätin sass da, trommelnd und hustend, und rötlich angestrahlt von einem aufsteigenden Zorne. So etwas war ihr in ihrem ganzen Leben noch nicht vorgekommen. Diese – fremde person war in ihr Haus gedrungen und wagte es, mit einem ihrer Angehörigen über veränderte Meinungen zu sprechen, und zwar mit ihrem Schwiegersohn, dessen Meinungen, er mochte sonst sein wie er wollte, doch beständig fest und gleich geblieben waren in Anstand und guten Sitten.
"Mademoiselle," sagte sie in sehr strengem Tone, "ich glaube, wir haben das Vergnügen, zu wenig mit einander bekannt zu sein, um uns gegenseitig über unsere Meinungen aufzuklären. Ich muss also bitten, zum wahren Zweck Ihres Besuches überzugehen, oder mir zu erlauben" – damit erhob sie sich einige Zoll vom Sopha, so ihre Rede pantomimisch beschliessend.
Der Doktor hatte mit Artur einige Blicke gewechselt, und Marianne war bei den letzten Worten der Tänzerin über und über rot geworden. – "Ich dächte Mama," meinte Eduard nach einer augenblicklichen Pause, "statt Demoiselle Selbing von dem uns interessanten Tema wegzudrängen, sollten Sie ihr erlauben, sich näher auszudrücken, was sie unter diesen veränderten Meinungen versteht. Ich glaube, Alfons muss darauf dringen."
"Ja, ja," stotterte dieser. "Aber vor allen Dingen begreife ich diese Keckheit nicht."
"S – s – s – t!" machte der Kommerzienrat, indem er langsam seine Hand erhob.
"Für diese Aufforderung bin ich Ihnen sehr dankbar, Herr Doktor Erichsen," wandte sich Terese an diesen. "Allerdings haben Sie das Recht, Aufklärungen über meine etwas kühnen Worte zu verlangen. Ich wollte damit nur so viel sagen," fuhr sie mit sehr langsamem Tone fort, wobei sie ihren Fauteuil so weit drehte, dass sie Herrn Alfons im Auge behielt, "Ihr Herr Schwiegersohn, der damals der Meinung war, es passe sich für eine Dienerin seines Hauses nicht, eine Schwester zu haben, die Tänzerin sei, habe seine Meinung so weit verändert, dass er – nicht jenen Schritt wieder gut machte, sondern noch viel weiter ging und der – Freund einer Tänzerin selbst werden wollte; ein Versuch, der jedoch für die arme Betreffende sehr unglücklich ausfiel."
"Ah!" machte Artur erschrocken, denn er fing an, einen schauerlichen Zusammenhang zwischen seinem Schwager und jenem unglücklichen Mädchen zu ahnen, dessen Leiche er heute Morgen gesehen.
Man hätte in diesem Augenblicke glauben können, die Rätin habe ein Gespenst gesehen oder sonst etwas Entsetzliches. Sie sass da, die Augen weit aufgerissen, den Mund geöffnet, das Gesicht mit einer Todtenblässe überzogen, während ihre Hand zitternd