dass die draussen wohl merken kann, es sei Jemand zu haus, und man beratschlage, ob sie anzunehmen sei oder nicht."
"Das wäre für mich kein Grund, Herr Schwieger
sohn," antwortete hochmütig die Rätin. "Aber meinetwegen kann sie sich sehen lassen." – Sie nickte dem Bedienten zu, der augenblicklich hinaus ging, und gleich darauf die tür von aussen langsam öffnete.
Jedes Auge richtete sich dortin, und für fast Alle –
für fast Alle, sagen wir, nur nicht für Artur – war es eine völlige fremde person, die auf sehr anständige, ja elegante Weise herein trat, den beiden Damen eine zierliche Verbeugung machte, gegen die Herren den Kopf neigte und dann leicht und gewandt gegen das Sopha vorschritt, auf welchem die Rätin sass. – "Was kann das bedeuten? – Mademoiselle Terese!" dachte Artur fast erschrocken.
Der Kommerzienrat, der sich damit schmeichelte,
eine wirklich vornehme Frau stets an ihrer Tournure zu erkennen, und der nicht daran zweifelte, eine Dame aus höhern Ständen vor sich zu haben, erhob sich, indem er den Gruss derselben tief erwiderte, und rollte einen kleinen Fauteuil in die Nähe des Sopha's, auf welchem sich Mademoiselle Terese – denn sie war es in der Tat – höchst unbefangen niederliess.
Obgleich die Rätin im Aeussern und im Benehmen
der Fremden durchaus nichts Verdächtiges witterte, war sie doch behutsamer als ihr Gemahl; sie erwiderte den Gruss derselben förmlich und kalt, hustete leicht und sass dann wieder so steif und aufrecht da, als habe sie eine beträchtliche Anzahl Bleistifte verschluckt. Marianne hatte mit einem Blicke die Toilette der Fremden gemustert, fand aber weder an dem weissen Atlashute, von welchem eine einzige Feder herabhing, noch an der Art, wie sie ihren Shawl trug, noch an der Farbe der Handschuhe und der Façon der kleinen eleganten Stiefel das Geringste auszusetzen.
Mademoiselle Terese schien eine Frage zu erwarten und recognoscirte unterdessen mit einem schnellen blick das Terrain. – "Ah!" dachte sie, "das ist der alte Herr Erichsen, das sein Sohn, der Arzt, dies die arme kleine Frau, und der Herr dort mit der Brille mein Freund." Ein kaum bemerkbares schalkhaftes Lächeln spielte um ihren Mund, verlor sich aber sogleich wieder, als sie Artur erkannte, der sehr erstaunt neben seiner Mutter sass.
"Sie haben mich zu sprechen gewünscht," sagte endlich die Rätin. – "Mit wem habe ich das Vergnügen."
"Das tut eigentlich nichts zur Sache, gnädige Frau," erwiderte Terese.
"Doch – ich muss bitten."
Die Brust der schönen Tänzerin hob sich etwas stärker, denn sie wusste ganz genau, dass die Nennung ihres Namens ein Allarmschuss wäre, mit dem sie einen heftigen, aber sehr ungleichen Kampf beginnen würde. Doch war sie genugsam mit sicher treffender Munition versehen und scheute sich gar nicht, das Gefecht zu eröffnen.
"Obgleich mein Name gewiss nichts zur Sache tut, gnädige Frau," wiederholte sie, "und er Ihnen wahrscheinlich völlig unbekannt ist, so mache ich mir doch ein Vergnügen daraus, ihn zu nennen. Ich heisse Terese Selbing und bin Tänzerin bei der königlichen Hofbühne."
Die wirkung, welche die letzten Worte in dem stillen Familienkreise hervorbrachten, war komisch und doch schrecklich. Das Gesicht der Rätin verlängerte sich zusehends, doch schien sie ein Lächeln zu unterdrücken und wischte sich über die Augen, wie man es nur nach einem schweren Traume zu tun pflegt, um den hässlichen Kobold, der einem erschienen, zu verscheuchen. Aber der hübsche, der hier in den Kreis getreten, war durch keine solche Pantomime zu verjagen, und betrachtete sich sogar sehr anmutig die höchst überraschten Gesichter rings umher.
Marianne schrak am auffallendsten zusammen; vielleicht ahnete ihr mit Recht, was daraus erfolgen könne, und obgleich noch vor Kurzem entschlossen, einen Familien-Skandal nicht zu scheuen, bebte sie doch jetzt davor zurück. Sie warf einen schnellen blick auf ihren Mann, der hinter seinen Brillengläsern mit den Augen zwinkerte, und, obgleich er sich das Ansehen gab, den Auftritt einigermassen komisch zu finden, nicht ganz unbefangen erschien.
Der Kommerzienrat, der sich anfänglich ärgerte, den Fauteuil so bereit willig an den Tisch gerollt zu haben, betrachtete sich einige Sekunden nachher das elegante und schöne Mädchen etwas genauer und war so frei, bei sich zu denken: "Nun, anständig genug sieht sie aus, und Manche könnte sich wünschen, eine solche Tournure zu besitzen."
Unterdessen hatte die Rätin bei sich überlegt, was zu tun sei. Am liebsten hätte sie sich erhoben, und wäre mit steifem Nacken aus dem Gemach gerauscht. Doch wäre das unklug gewesen, denn es leuchtete ihr wohl ein, dass die "Mademoiselle" eine triftige Ursache haben müsse, um mit solcher Frechheit in ein anständiges Bürgerhaus einzudringen. Sie warf einen blick auf ihren Sohn Artur, der indessen ganz ruhig und unbefangen dasass, worauf sie mit einem leichten Kopfnicken sprach: "Mademoiselle, so bitte ich, mir zu sagen, was Sie hergeführt; der Name Selbing ist mir gänzlich unbekannt."
Terese betrachtete lächelnd die Spitzen ihrer Füsse, dann hob sie den Kopf empor und erwiderte: "Ich glaube wohl, gnädige Frau, dass Ihnen der Name gänzlich unbekannt ist. Und doch wurde er – es sind einige Jahre her – vor Ihnen genannt, oder vielmehr vor Ihrer Frau Tochter dort. Ich habe