entdeckt hätte. – Und so wird es auch geschehen; lieber will ich allein und verlassen, aber mit Ehren, sterben, als von Kindern umgeben, deren guter Name befleckt ist."
Nach diesen Worten zog sie ihr Taschentuch hervor, hielt es vor den Mund und hustete leise hinein. Auch schaute sie ihre beiden Kinder an und als sie den traurigen blick Eduards bemerkte, sowie dass die Augen ihrer Tochter voll Tränen standen, zuckte es ein klein wenig in ihrem harten, finstern Gesicht, wie ein leuchtender Blitz, der bei Nacht durch eine Ruine fährt.
In diesem Augenblicke hörte man Tritte auf dem Gange, die tür öffnete sich und Artur trat herein. Wenn er in gewöhnlicher Gemütsverfassung gewesen wäre, so hätte er wohl gemerkt, dass man soeben von ihm gesprochen, und würde sich, unbefangen und freimütig wie er war, darnach erkundigt haben. So aber schien er das plötzliche und auffallende Verstummen des Gesprächs, sowie die seltsamen Blicke, welche der Vater, seine Geschwister und sein Schwager zusammen wechselten, nicht zu verstehen. Er ging gegen seine sonstige Gewohnheit gebückt und schwankend, seine Züge waren bleich und zerstört, und überhaupt war sein Benehmen vollkommen rätselhaft; er grüsste kaum die Anwesenden, er entschuldigte sich nicht einmal, dass er nicht zu Tische gekommen, er setzte sich ohne Aufforderung neben seine Mutter hin, die mit einem strengen, fragenden blick etwas von ihm wegrückte; ja, er nahm, was selten vorkam, fast mit Gewalt die eine Hand seiner Mutter und drückte sie an seine Lippen.
Die Rätin schien das Alles für Bitten anzusehen, und es schauerte sie leicht. Sie hob ihren Kopf noch höher, sie war im Begriff, ihre Hand kräftig zurückzuziehen, als der Ausdruck ihres Gesichts mit einem Mal an seiner Härte verlor, ja ihre Züge augenscheinlich milder wurden, worauf sie ihr Haupt ein wenig zu ihrem Sohne neigte und ihn mit einem fast mütterlichen Tone fragte: "Was hast du, mein Kind?"
Wir wollen dem geneigten Leser nicht vorentalten, dass die Rätin auf ihrer kalten Hand, als Artur dieselbe geküsst, heisse Tropfen fühlte, Tränen aus den Augen ihres Sohnes, von welchem dies so ungewohnt und seltsam war, und etwas so Trauriges, das damit in Verbindung stehen musste, anzeigte, dass sich sogar das so fest umpanzerte Mutterherz der Kommerzienrätin davon ergriffen fühlte.
"Gott sei Dank!" dachte Herr Erichsen, der besorgt einem Sturme entgegengesehen, "das Wetter scheint sich aufzuklären; vielleicht kommen wir noch Alle zu einer guten Versöhnung, und ich, wenn gleich zu einem halbkalten Kaffee." Bei Veranlassungen wie die gegenwärtige, bei Erörterungen ernster Art nahm es nämlich die Rätin gewaltig übel, wenn man dazwischen gleichgiltige Dinge trieb, wie zum Beispiel Kaffeetrinken oder auch Essen, hauptsächlich wenn eine brennende Tagesfrage zufällig beim Diner verhandelt wurde.
"Nun, was hast du, Artur?" wiederholte die Rätin.
"Nichts Besonderes," entgegnete der junge Mann, ohne aufzublicken, doch mit so lauter stimme, dass es alle im Zimmer deutlich vernahmen. "Ich kam nur, Ihnen zu sagen, dass ich fühle, wie sehr Sie Recht hatten, wenn Sie bemüht waren, die Schranke aufrecht zu erhalten, die einen Stand der Gesellschaft vom andern trennt. Ich wollte Ihnen nur zugestehen, Mama, dass Sie vollkommen die Welt kennen, und dass, wie Sie so oft sagten, sich Niemand ungestraft über die Meinungen seiner Mitmenschen wegzusetzen vermag."
Die Kommerzienrätin sah einigermassen triumphirend rings im Kreise umher. Der Doktor zuckte die Achseln, selbst Alfons war überrascht, und Marianne betrachtete mit einem traurigen Lächeln auf den Lippen ihren jüngeren Bruder. Sie wusste um Artur's Liebe, sie wusste, welch' schöne Hoffnungen er sich gemacht, und sie mit ihrem weichen Frauenherzen fühlte wohl, dass ihm etwas Entsetzliches begegnet sein musste, denn nur etwas der Art war im stand, seine bisher so freien und widerstrebenden Ideen den schroffen Ansichten der Mutter zu unterwerfen.
Wahrscheinlich wäre es auch hierüber noch zu Erörterungen gekommen, wenn nicht in diesem Augenblicke der alte Diener eingetreten wäre und der Kommerzienrätin eine Dame gemeldet hätte, welche sie in einer dringenden Angelegenheit zu sprechen wünsche.
Es war dies nicht die Zeit, in welcher Besuche zu der Kommerzienrätin kamen, wesshalb sie auch ziemlich befremdet fragte: "Wer ist die Dame? Hat sie meinen Namen deutlich genannt? – Will sie mich allein sprechen?"
"Den Namen der Frau Rätin hat sie deutlich ausgesprochen," entgegnete der Diener; "doch glaube ich nicht, dass sie darauf bestehen wird, Sie allein zu sprechen."
"So soll sie ihren Namen nennen," meinte die Rätin nach einigem Besinnen.
"Sie wünschte das nicht zu tun."
"So bin ich begreiflicher Weise für sie nicht zu haus," sprach die Rätin mit grosser Würde. "Sagen Sie ihr das!"
"Den Fall hat die Dame vorgesehen," erwiderte achselzuckend der Diener, "denn sie sagte mir, sie wünsche überhaupt nur Jemand von der Familie zu sprechen, sei es nun die Frau Rätin oder der Herr Rat, oder auch Madame Marianne."
"Rätselhaft!" meinte der Kommerzienrat; "ich denke, man lässt sie herein kommen, das wird nicht gegen den Anstand verstossen."
"Ich glaube, man ist's der Dame jetzt schuldig," bemerkte Alfons lachend, "denn Friedrich blieb so lange aus,