ja," meinte der Doktor, "der vielleicht noch Manches nachfolgt."
Marianne erhob ihren Kopf und wechselte einen blick mit ihrem Bruder. Darauf seufzte das arme Weib tief auf und versank wieder in ihre Betrachtungen.
"Und du kannst dich wahrhaftig nicht arrangiren, Eduard?" fragte der Kommerzienrat mit verdriesslichem Ton und matter stimme. "Ich versichere dich, das fragen und Schwätzen über diese leidige Angelegenheit ist nicht zu ertragen. Sogar auf der Börse muss ich davon hören."
"Sogar auf der Börse!" wiederholte würdevoll die Rätin. "Das kann dem Kredit des Hauses schaden." Sie trommelte leicht auf dem Tische, aber nur wenige Takte; dann sass sie wieder so steif und unbeweglich da wie vorhin.
Alfons spazierte einige Male im Zimmer auf und ab, wobei ihn übrigens nichts besonders Unangenehmes zu beschäftigen schien, seine Mundwinkel zuckten und seine hände rieben sich behaglich an einander. – "Was nun die andere Sache anbelangt," meinte er nach einer Pause, "so befahlen Mama, sie ebenfalls zur Sprache zu bringen."
Die Rätin nickte mit dem kopf, und der Doktor schaute so plötzlich und fragend auf Alfons, dass dieser genötigt war, ihm sagen: "Es betrifft Artur's höchst kuriose geschichte. Er macht ja kein geheimnis mehr daraus, und wie ich aus seinen Reden zu entnehmen glaubte, ist es ihm sogar nicht unangenehm, wenn man darüber verhandelt."
"Ihn soll der Teufel holen!" seufzte der Kommerzienrat mit ziemlich erzwungenem Zorn, wofür ihm aber ein strenger blick seiner Gemahlin zu teil wurde. – "Es ist aber auch nicht zu sagen," fuhr der geplagte Bankier fort, "was man nicht Alles erleben muss. Ich hab' das satt und will meinem Herrn Sohn zeigen, wo er her ist. Alle Wetter! das ging mir ab. Eine – eine – Tänzerin! – Wie heisst die person doch?"
Die Rätin wandte ihm majestätisch das Gesicht zu und sprach: "Ich hoffe, du bist weit genug gegangen in deinen Reden; du wärest freilich im stand, sogar den Namen jener Mademoiselle vor uns zu nennen. Pfui!"
"Dass Einem die Galle überläuft ist kein Wunder," fuhr der alte Herr Erichsen fort; "kommt nicht einmal mehr zu Tisch, der saubere Herr! Also da keine Ruhe, weil man sich ärgern muss, und nachher wieder keine," dabei schielte er mit schmerzlichem Gesichtsausdrucke nach dem unberührten Kaffee. "Ja, es ist eine Schande," fügte er nach einer Pause bei, als Niemand sprach, "für einen jungen Menschen von Talent, der etwas Rechtes gelernt hat."
"Da liegt eben der Fehler," entgegnete etwas lebhafter die Kommerzienrätin: "Hättest du ihn was Rechtes lernen lassen, so hätte er kein Künstler zu werden gebraucht, und wäre vielleicht mit – dergleichen Volk nie in Berührung gekommen."
"Aber was will er denn eigentlich?" fragte Marianne, die sich für ihren Bruder lebhaft interessirte.
"Nun, er will sie hei –" erwiderte der Kommerzienrat; doch liess ihn ein wahrhaft furchtbarer blick seiner Gemahlin dies Wort nicht beendigen. Sie hustete heftig und bedeutsam und sagte:
"Dergleichen soll vor meinen Ohren nicht genannt werden. So etwas will ich nicht hören; wenn man über diese – geschichte sprechen will, so soll man sich passender Ausdrücke bedienen."
"Aber, Mama, Sie sind in der Tat komisch," bemerkte Alfons. "Er denkt sehr stark an eine Heirat, wie ich gehört."
"Ich bin nie komisch, Herr Schwiegersohn," entgegnete die Rätin, "am allerwenigsten in einem Falle wie der vorliegende. Und von einem Zusammenlaufen meines Sohnes mit jener person kann durchaus keine Rede sein."
"Sie scheinen Artur nicht zu kennen, denn was er sich einmal vorgesetzt hat, das tut er," meinte Alfons.
"Was in dem Falle Herr Artur zu tun gesonnen ist, kann mir gleichgiltig sein; von meinem Sohne ist alsdann nicht mehr die Rede." Dies sprach die Rätin und machte dazu eine entschiedene horizontale Bewegung mit der Hand, worauf sie ihre Finger wieder auf den Tisch niederfallen liess und einen wahren Siegesmarsch trommelte, als wollte sie damit anzeigen, dass die Regeln des Anstandes über jedes andere Gefühl den Sieg davon getragen haben.
Der Kommerzienrat wagte es, leicht mit dem kopf zu schütteln, ja sogar einen missbilligenden blick seiner Ehehälfte zuzusenden.
Doch bemerkte diese es nicht, denn sie schaute gerade vor sich hin und sagte unter einzelnen bedeutsamen Schlägen auf den Tisch: "Die Scheidung, von der wir vorhin sprachen, wird, ich sehe das wohl ein, nicht wohl zu hindern sein. Mein Herr Schwiegersohn hat Recht, wenn er meint, es könne das einen Makel auf die Familie werfen, und daher kommt mir eben die andere geschichte, ich möchte fast sagen, erwünscht. Man muss der Welt zeigen, welche – Opfer man bringt, um den Namen des Hauses fleckenlos zu erhalten; man muss ihr zeigen, dass man ungeratene Glieder der Familie wegwirft; man muss der Welt deutlich zu verstehen geben: ich habe so gewollt und getan. Dann werden die Menschen vielleicht so gerecht sein und, jene Scheidung betreffend, sagen: eine Frau, die den einen ihrer ungeratenen Söhne verstiess, würde auch den andern nicht geschont haben, wenn sie in seinem Tun und Lassen etwas Unrechtes