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für diese miserable Welt."

Damit legte sie ihre beiden hände auf Clara's Haar, drückte einen langen Kuss auf deren kalte Stirne und war gleich darauf ebenso plötzlich verschwunden, wie sie gekommen war. –––––––––––––––––––––––––––

Marie hatte unterdessen den Tisch gedeckt, den Bruder und das fremde Kind daran gesetzt, Beiden einen weissen Lappen umgebunden, damit sie sich beim Essen nicht schmutzig machen möchten, und sagte nun mit sehr wichtigem Tone: "Jetzt ist die Suppe fertig! Auch braucht Niemand mehr Salz dazu zu tun, denn ich habe zwei grosse Löffel voll hinein geworfen."

Fünfter Band

Zweiundsiebenzigstes Kapitel.

Mademoiselle Terese.

Sobald es im haus des Kommerzienrats Erichsen auf der grossen Schwarzwälder Uhr Zwei schlug, erschien der alte Bediente mit dem Kaffee, und es war der Mann darin so pünktlich, dass ihn Artur einmal antraf, Kaffeebrett und Tasse in der Hand, mit den Augen geduldig dem Lauf des Zeigers folgend, der noch circa eine halbe Minute bis zu der angegebenen Stunde zu laufen hatte. – Es hatte also heute zwei Uhr geschlagen, zu gleicher Zeit waren auch Bedienter und Kaffee erschienen, doch war es bereits halb drei und Niemand von der Familie, selbst nicht einmal der Kommerzienrat, der sonst diesem Augenblicke sehnsüchtig entgegen sah, hatte daran gedacht, das Aufgestellte zu berühren.

Die Kommerzienrätin sass in ihrer Sophaecke wie gewöhnlich, aber noch aufrechter und unbeweglicher als sonst. Mit den grauen und harten Zügen ihres Gesichts, aus denen die lange, spitze Nase drohender als je hervortrat, mit ihrem einfachen Kleide von einer Farbe, die ebenfalls in's Gräuliche spielte, hatte sie sehr viel Aehnlichkeit mit einer Versteinerung. Ja sogar ihre Augen hafteten fest auf einem Fleck in der andern Ecke des Zimmers, und ihre knöcherne Hand, die auf dem Tische lag, obgleich offenbar bereit zum Trommeln, hielt sich doch noch ruhig und hatte nur die Finger weit ausgespreizt. Marianne sass neben ihr in der anderen Ecke; die arme über die Lehne gelegt und die hände gefaltet, den Kopf tief gesenkt, schien sie in ernste Betrachtungen versunken und sich gar nicht um die Anwesenden zu bekümmern.

In einem Fauteuil am Fenster lag der Kommerzienrat, aber sein Aeusseres zeigte nicht wie sonst um diese Stunde Ruhe und Behaglichkeit. Sein Gesicht war etwas aufgedunsen und mehr als gewöhnlich gerötet, seine Unterlippe hing schlaff herab, und zu gleicher Zeit hatte er die Augenbrauen hoch empor gezogen, was seinem gutmütigen gesicht einen ganz eigentümlichen Ausdruck gab. Hinter ihm stand der Doktor, die arme fest verschlungen und blickte so finster, als es sein offenes und freundliches Gesicht nur erlaubte, auf seinen Schwager Alfons, der, beide hände auf den rücken gelegt, in dem weiten Zimmer auf- und abspazierte, und sich dabei offenbar in weit behaglicherer Gemütsstimmung befand als alle Uebrigen. Er sprach, während er so einher schritt, wobei er die Augen auf den Boden heftete und nur erhob, so oft er sich umwandte, um alsdann Eines der Anwesenden eine Sekunde lang anzuschauen.

"Eine Scheidung," sagte er, "hat immer etwas Unangenehmes für die Familie, in welcher dergleichen vorkommt; und ich würde schon aus dem grund Alles anwenden, um die geschichte zu verhindern. – Ich weiss wohl," wandte er sich an Eduard, "dass bei Madame bis jetzt alle Mühe vergeblich war; aber man muss ihr begreiflich machen und deutlich sagen, dass bei einer Scheidung vor den Augen der Welt immer einiger Makel auf beiden Teilen haften bleibt."

"Deine Reden wären recht schön," erwiderte der Doktor, "wenn du es nur einmal lassen könntest, sie mit den ewigen Gehässigkeiten zu untermischen; dass die Scheidung für mich und meine armen Kinder allerdings ein Unglück ist, weiss ich wohl, aber was dadurch für ein Makel auf meinen Namen fallen soll, begreife ich nicht."

"Aber ich begreife es," sprach streng die Kommerzienrätin, und ihre Finger zuckten leise; "von dem Mann wird man sagen: er war ein unordentlicher Mann, vielleicht ein unsolider Mann; und über die ganze Familie zuckt man die Achseln und spricht: es ist doch nichts Rechtes dahinter."

"O Mama," entgegnete der Doktor, "Sie sehen zu finster; in der Welt kommt so Manches vor, wovon man heute vielleicht spricht, morgen aber denkt Niemand mehr daran."

Die Rätin hustete leise, dann versetzte sie: "Das ist darnach, wem so etwas passirt. Bei einer Familie, die Schimpf und Schande gewohnt ist, da tut freilich ein bischen mehr auch nicht viel. Aber bei einer Familie, wie die unsrige" – dabei erhob sie ihre stimme und ihre Hand bewegte sich – "einer Familie, die in ihrem Tun und Lassen klar wie der Tag dastand, die noch nie gelegenheit gab, gehässig über sich sprechen zu machen, da schimpfirt so etwas, wie wenn man die Augen verliert oder die Nase aus dem Gesicht."

"Nun, eine kleine Schmarre haben wir schon auf die Backen bekommen," sagte hämisch Herr Alfons.

Die Rätin wandte mit einer steifen Bewegung den Kopf nach ihm herum; ihre scharfen, grauen Augen schienen ihn durchbohren zu wollen und die erhobene Nase drückte deutlich aus: sprich weiter!

Das tat denn auch der Schwiegersohn und bemerkte: "Nun, ich dachte nur an den Skandal bei der probe lebender Bilder. Das war nur eine kleine Ouverture, der vielleicht noch Manches nachfolgt."

"O