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"Jetzt freilich," erwiderte Herr von Dankwart mit scharfer Betonung des ersten Wortes. "Ihre Hoheit steht vor dem Portal Höchst Ihres Landhauses und schaut hinaus in die Gegend. Das war Alles recht schön und gilt, die Allerhöchste Figur kann man sehr gelungen nennen, aber sie schaute in eine Gegend, ohne dass sich etwas Interessantes begibt; also blickte Ihre Hoheit, wenn ich mich so ausdrücken darf, aufmerksam in ein Nichts, denn die bekannte Gegend dürfte doch nicht im stand sein, die gespannte Aufmerksamkeit Ihrer Hoheit zu fesseln. Darin lag der Fehler, ich fühlte das gleich, obgleich ich mich lange vergebens bemühte, dem Maler Wiesel dies ebenfalls begreiflich zu machen; aber es wäre Schade, wenn man es nicht geändert hätte. Ich weiss nicht, ob Sie mich verstehen, aber es war eine Leere da, die dem verständigen Beschauer drückend erschien."
"Und dieser Leere halfen Sie?" fragte trocken der Major.
"Allerdings," entgegnete wichtig Herr von Dankwart.
"Was aber nicht schwer sein musste," warf der Baron von Brand dazwischen, indem er sich mit dein Battisttuch den Schnurrbart wischte. "Man brauchte ja nur ein zierliches Rosengebüsch anzubringen."
"Diesmal hatte ich eine bessere idee," sagte lächelnd der kleine Mann mit Selbstzufriedenheit. "Wiesel war erstaunt darüber; unter uns gesagt, er äusserte sich, es schmerze ihn tief, dass ihm das nicht selbst eingefallen. Ich liess also," – fuhr Herr von Dankwart mit gehobener stimme fort, wobei er Daumen und Zeigefinger der linken Hand vereinigte und sie bestimmt auf und ab richtete, während er diese Worte sprach, – "ich liess also hinten aus dem Gebüsche den kleinen Hund der Frau Herzogin heraustreten, wodurch die ganze Scene belebt wurde und ein Gegenstand da war, auf welchen sich der fragende blick der hohen Frau im nächsten Augenblicke richten würde."
"Vortrefflich!" meinte der Major, indem er grosse Wolken aus seiner Cigarre blies.
"Und malte Wiesel den Hund?" fragte Artur.
"Ob er ihn malte!" entgegnete Herr von Dankwart im wegwerfenden Tone, "auf allerhöchsten Befehl –"
"Ich dachte, S i e hätten es befohlen," sagte bedenklich der Assessor.
"Ich – nun ja, ich," erwiderte der kleine Mann mit vieler Würde. "natürlich ich, aber wie es sich von selbst versteht, im hohen Auftrage, im Namen Ihrer Hoheit, der Frau Herzogin. – Aber wissen Sie auch," fuhr er nach einer Pause in natürlicherem Tone fort, "wesshalb ich eigentlich hieher gekommen."
"Nein," versetzte bestimmt der Graf, "ich habe keine idee davon."
"Man hat mich versichert, Sie hätten eine Sendung des vorzüglichsten Latakia erhalten, und nun bin ich da, um zu untersuchen, ob er wirklich von so guter Qualität ist. Sie werden mir zugestehen, dass man bis jetzt die beste Pfeife bei mir rauchte; ist aber die Ihrige vorzüglicher, lieber Herr Graf Fohrbach, so kann ich Ihnen in der Tat nicht helfen; in dem Falle müssen Sie mir einen teil erlassen. – Soll ich in die hände klatschen?" – Nach diesen Worten und einem vergeblichen Versuche, mit den kurzen Füsschen den Fussboden zu erreichen, warf sich Herr von Dankwart graziös in dem Fauteuil hin und her und stützte die Ellenbogen auf die Kniee, die Handflächen ausgebreitet, um sie leicht zusammenschlagen zu können.
"Lassen Sie das Klatschen nur sein," sprach ruhig Graf Fohrbach, "wissen Sie, mein teurer Herr von Dankwart, man ist hier im haus nur an meine Befehle gewöhnt und Ihr Klatschen könnte missverstanden werden. Aber ich will für Sie die Klingel ziehen; mit Vergnügen sollen Sie eine Pfeife haben." Damit hob der Hausherr seinen Arm in die Höhe, schellte zweimal, worauf sich in der tür des anstossenden Schlafzimmers der Jäger des Grafen zeigte und auf erhaltenen Befehl eine angezündete lange Pfeife brachte, die er dem kleinen Mann in den Mund steckte.
Während demselben auf diese Art das Maul gestopft wurde und endlich einmal stille stand, und während er sich mit Behaglichkeit in dem Fauteuil ausstreckte, haben wir Musse, ihn dem geneigten Leser näher zu beschreiben.
Herr von Dankwart war von sehr kleiner Gestalt, die, an sich in recht guten Verhältnissen, nur zu dem ziemlich dicken und unförmlichen kopf durchaus nicht Passen wollte, welcher der ganzen Figur etwas Zwerghaftes verlieh. Der eben erwähnte Kopf bildete ein vollkommenes Dreieck von dem spitzen Kinn an bis zu der breiten Stirne, die nach oben an eine ausserordentlich dünne Haarlichtung stiess und sich solchergestalt fast bis zum Hinterkopf fortzusetzen schien. Das Gesicht hatte einen ganz eigentümlichen Ausdruck; es lag etwas Verschmitztes und zugleich sehr Hochmütiges darin. Die Wangen waren sehr eingefallen und selbst das Gesträuch des dort wuchernden Bartes war nicht im stand, diese tiefen Täler auszufüllen. Der Mund war ziemlich klein, die Augen aber weit geöffnet und von einer unangenehmen bläulichen Farbe und geistlosem Ausdruck. Obgleich Haar und Bart so sorgfältig als möglich gepflegt waren, so machte doch der ganze Kopf den Eindruck, als sei er vernachlässigt worden, habe lange Zeit vergessen in einem Winkel gelegen und sei dort von den Ratten abgenagt worden. – Der Anzug des Herrn von Dankwart war untadelhaft von den fein lackirten Stiefeln an bis zu den steifen und hohen Halskrägen; er befand sich im schwarzen Frack und schien aus einer Soirée zu kommen.