1854_Hacklnder_152_349.txt

"das sind ja schreckliche Reden! – Aber was sagte er dir eigentlich?"

"Er sprach viele, viele Worte, aber ich hörte nur immer und immer fort, dass es mit uns Beiden aus sei, und sah, wie er die hände gegen mich ausstreckte, als wollte er mich weit von sich stossen. – Ah!" seufzte sie und ein Schauder durchflog ihren Körper.

Das Bübchen hatte sich unterdessen näher geschlichen, hatte Clara's Knie umfasst und schon einige Zeit, ohne dass es Jemand bemerkt, ebenfalls heftig geweint. Jetzt schluchzte es aber so laut, dass der alte Mann aufmerksam werden musste und das Kind sanft von seiner Schwester wegzog. "Du musst nicht so weinen, Karl," sagte er; "was hast du denn?"

"Die Clara weint ja auch," entgegnete das Bübchen, "und es ist doch wahr, was du vorhin gesagt; sie weint, weil sie fortgehen soll. Nicht wahr, Clara, du willst fortgehen?"

"Nein, mein Kind!" rief das Mädchen, wobei sie ihre arme um den Hals des kleinen Bruders schlang; "ich gehe nicht fort, gewiss nicht, ich bleibe bei euch; will auch nicht mehr weinen, denn ich kann vielleicht doch wieder froh werden. Ihr liebt mich ja Alle, unveränderlich und treu, und wisst es, dass ich eure gute, gute Clara bin."

Während dem war an die tür geklopft worden, ohne dass es die Gruppe am Tische des Vaters gehört hatte. Nur das kleine Mädchen, das in grosser Wichtigkeit mit ihrem Kochlöffel am Suppentopfe stand, hatte es vernommen und keck "herein!" gerufen.

Die tür öffnete sich und Mademoiselle Terese trat in das Zimmer. Sie war wie immer sehr elegant gekleidet; doch lag in der Art, wie sie heute ihren langen Shawl um sich herum gezogen, ja man hätte sogar glauben können, in der Weise, wie sie ihren Hut aufgesetzt hatte, noch etwas Herausfordernderes als gewöhnlich. Sie trug ihren Kopf so hoch als möglich, blieb aber überrascht auf der Schwelle stehen, als sie Clara und ihren Bruder weinen und den alten Herrn sehr ernst vor sich niederblicken sah.

Sobald Clara die Eingetretene bemerkte, versuchte sie ihre Augen zu trocknen, ja sie lächelte, als sie der schönen Tänzerin entgegen trat und als sie sagte, sie freue sich über ihren Besuch.

Terese machte dem Herrn Staiger eine freundliche Verbeugung, nickte den Kindern zu und zog dann, ohne weitere Umstände zu machen, Clara mit sich in die Fensternische, wo sie zu ihr mit gedämpfter stimme sprach: "Du weisst, mein Kind, ich bekümmere mich sonst nur um anderer Leute Sachen, wenn man mich dazu auffordert. Diesmal aber gehe ich von dieser Regel ab und du wirst mir eine Frage erlauben. – Du warst vorhin bei der Becker?"

"Ja," sagte Clara.

"Da sahst du Herrn Artur Erichsen? – Er hat dich schlecht behandelt, wie die Becker sagte, denn er stürzte wie ein Wahnsinniger fort und du bliebst in Tränen zurück. Ja, in Tränen," sprach sie heftiger, als Clara das verleugnen zu wollen schien; "sie fliessen noch, gestehe es mir, er hat dich schlecht behandelt. – Herr Gott im Himmel! soll denn diesen Leuten Alles ungestraft hingehen?" Damit schlug sie ihre feinen Handschuhe heftig zusammen. "Armes Mädchen! Was kann man von dir Uebles denken? – Du, die Beste von uns Allen! – Nun," fuhr sie sonderbar lachend fort, "das wäre gerade nicht zu viel gesagt, aber du, so gut und brav, dass sich sämmtliche Mädchen der Residenz ein Muster daran nehmen könnten! – Sage mir um's himmels Willen, Kind, was ist denn vorgefallen? Gib mir erlaubnis und ich setze ihm seinen Kopf zurecht. Ich will mit ihm reden."

"O nein, nein! um Gotteswillen nicht!" bat Clara. "Was es gab, das kann für jetzt nur in meinem Herzen verschlossen bleiben; später will ich es dir vielleicht sagen."

"Später, wenn wohl Alles verloren ist," entgegnete Terese wegwerfend. "Clara, du bist zu gut und zu eigensinnig; es wäre mir eine Freude gewesen, einmal mit den Herren anzubinden, – denn," fuhr sie mit entschlossenem Tone fort, "mit einem Andern aus d e r Familie habe ich ein sehr ernstes Wort zu reden."

"Ich bitte dich, liebe Terese," versetzte Clara, "lass das gut sein. Glaube mir, ich danke dir für deine Teilnahme. Aberüber das, was er mit mir sprach, lässt sich kein Wort weiter verlieren."

Die Andere zuckte heftig mit den Achseln, warf den Kopf empor und sagte: "Du hast meinen guten Willen gesehen, und ich nehme dir auch gar nicht übel, dass du mich abweisest. Das magst daraus entnehmen, wenn ich dich versichere, dass ich zu jeder Zeit bereit sein werde, für dich einzutreten, – denn," setzte sie mit sanfter, fast weicher stimme hinzu, "ich habe dich sehr lieb, meine gute Clara. Wenn ich dich so ansehe, so denke ich mir immer: so hätte ich auch werden mögen. – Bah! 's hat anders kommen sollen, und ich halte mich noch immer viel zu gut