, so leicht ist man vergessen."
"Ja, man ist leicht vergessen," erwiderte Clara mit leiser stimme. Und als sie sich dem Tische näherte, an dem ihr Vater sass, legte sie Hut und Tuch ab, welches ihr die kleine Schwester dienstfertig abnahm und wobei das Bübchen nicht unterlassen konnte, einen Zipfel des Tuches mit der einen Hand anzufassen und tragen zu helfen, während er mit der andern sein hölzernes Pferd hinter sich drein schleifte.
Clara stellte sich hinter ihren Vater, legte ihre beiden arme auf seine Schultern und ihr Gesicht auf seinen Kopf – eine Stellung, die sie häufig annahm, wenn er mit ihr sprach und dazu Bewegungen mit den Händen machte, was er gern zu tun pflegte. Heute aber nahm sie ihren Platz absichtlich so, denn sie konnte ihre Tränen nicht zurückhalten, die jetzt, wo die allgemeine Liebe ihrer Familie ihr Herz erweichte und erwärmte, unaufhaltsam flossen.
"Was sagte ich doch eben?" fuhr Herr Staiger fort, indem er mit seinem Papiermesser hin und her fuhr. – "Richtig! ich meinte, es sei am Ende für die arme Marie ein Glück, so unschuldig in den Himmel zu kommen. Gott verzeihe es ihrer Tante, aber durch deren schauerliches Leben hat doch der Ruf der armen Marie einen kleinen Schaden erlitten. Ach! die Menschen sind so schlecht und bösartig; glaube mir, Clara, ein Wort, eine Anspielung, ein seltsamer blick, von Einem mit Beziehung gesagt oder getan, wird von den Andern begierig aufgegriffen und vergrössert weiter erzählt. Und das unschuldigste Gemüt, einmal vom Gifte der Verleumdung angespritzt, erhält gewöhnlich Verwundungen, die ein ganzes langes Leben hindurch nicht mehr heilbar sind."
"O gewiss, o gewiss – gewiss," sagte Clara.
"Desshalb aber auch hasse ich alle Verleumder, ärger als den Teufel, ärger als die Sünde. Und aus der Verleumdung entsteht oftmals die letztere, und eine reine Seele, die von schändlichen Klatschereien mit scheusslichem Gift und Geifer bespritzt wurde, fiel schon oftmals eben dadurch der Sünde anheim. Der Glaube an ihre Reinheit war verloren, die Liebe zu den Nebenmenschen erschüttert und die Stützen gebrochen, welche sie aufrecht erhielten, und da sank so ein unglückliches geschöpf immer tiefer und tiefer. – Fluch über solche, die mit dem guten Namen ihres Nebenmenschen spielen und so oft ein ganzes Lebensglück zerstören!"
"Ja, ja, ein Lebensglück zerstören," hauchte Clara.
"Aber warum weinst du so heftig, liebe Clara?" sprach der alte Mann, indem er sich halb umwandte. "Ich fühle deine heissen Tränen auf meinen Kopf fallen, dich haben doch meine Worte nicht betrübt? – Wie wäre das möglich? Dein Lebensglück fängt erst an aufzublühen; gewiss, mein Kind, du stehst rein da, dein Ruf ist unbefleckt. Wer sollte sich an ihn wagen?"
"Vater! Vater!" entgegnete die Tänzerin mit leiser stimme "und sie haben das doch getan."
"Was? – Gott im Himmel!" erwiderte erschrocken der alte Mann. "Dir hätte man Uebles nachgesagt – dir, Clara? – O nein, das ist unmöglich!"
"Es ist so, Vater; ich komme soeben von der Marie, ich habe zum letzten Mal ihr Haar gemacht und den Kranz darin befestigt, den sie nie mehr ablegen wird. – O Gott! o Gott!" rief sie in lautes Weinen ausbrechend; "warum bin ich nicht an ihrer Stelle, Warum hat sie mir nicht diesen Liebesdienst erzeigt?"
"Stille! stille!" sagte Herr Staiger; "stille, Clara! Die kleinen Kinder dort geben achtung und wissen nicht, was das bedeuten soll." Er fasste ihre beiden hände und zog seine Tochter sanft hinter seinem stuhl vor, damit er ihr in's Auge sehen konnte. "Du hast gelitten, arme Clara," sprach er nach einer Pause kopfschüttelnd, "sehr, sehr gelitten. Das ist nicht mehr dein gutes, unbefangenes Gesicht; sage deinem Vater, was es gegeben hat, ich kann dir raten und vielleicht auch helfen."
"Helfen gewiss nicht," erwiderte sie mit traurigem Lächeln; "es ist Alles, Alles aus. O Vater! es war aber auch zu schön; es konnte nicht so kommen, wie ich es mir in entzückenden Träumen ausgedacht."
Herr Staiger nickte mit dem kopf, als wollte er sagen: ich verstehe. Dann fragte er: "Du hast Artur gesehen?"
"Ja, Vater."
"Doch nicht bei jener Frau Becker?"
"Doch, Vater, er war da, und die Frau sagte, er sei ein Bekannter von ihr."
"Hm! hm! Das will mir nicht besonders gefallen. – Und dann?"
Clara schlug in Erinnerung des Schrecklichen, was sie gehört und das sie nun wiederholen sollte, ihre hände vor das Gesicht und brachte alsdann mühsam nach einer kleinen Weile hervor: "Artur sagte mir, zwischen uns sei Alles zu Ende, er lasse mich fallen, tief, tief hinab fallen. Ach! und er hat Recht: bei seinen Worten stürzte ich so tief darnieder, dass Alles um mich her schwarz und traurig ist, – so tief hinab, dass ich nicht einmal mehr weiss, ob es noch einen Himmel gibt."
"Kind! Kind!" erwiderte der alte Mann,