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," sagte sie, "sondern lieber mit dem grossen Löffel den Schaum herunter nehmen, wie es Clara macht."

"Nun, wenn du es besser weisst, kleiner Hofmeister, so tu' also," bemerkte geduldig Herr Staiger, ohne von seiner Arbeit, die er wieder begonnen, aufzusehen.

Um das Gesicht des Bübchens wetterleuchtete immer noch unverkennbar etwas Wehmütiges, das sich steigerte, sobald die kleine Schwester an den Ofen trat; denn er liebte es in dergleichen Fällen, gefragt zu werden, warum er weine. Dies geschah denn auch bald und Marie sagte: "Du hast wieder einmal geheult."

"Das habe ich auch," entgegnete er.

"Und warum denn?"

"Weil Papa gesagt hat, die Clara gehe fort und komme nicht mehr nach Haus zum Essen und auch nicht zum Schlafen."

"Und desshalb weinst du so arg?" fragte das Mädchen mit sehr ernstem Tone. "Wenn Clara wirklich fort geht, so ist es gut für sie und für uns Alle. Und darüber sollen wir nicht weinen."

"Aber dann habe ich ja Niemand mehr!" heulte das Bübchen, worauf Marie mit sehr wichtigem Tone entgegnete: "So bin ich immer noch da, und auch ich kann bald kochen und dich zu Bett legen."

Von dem Bübchen aber wurde dieses Versprechen durchaus nicht als Trost aufgenommen, vielmehr schluchzte es stärker und sagte mit sehr kläglichem Tone: "Aber die Clara soll nicht fortund dann hätten wir Niemand mehrdenn du bist gar nichts."

Herr Staiger sah sich abermals veranlasst, mit Tröstungen und Versprechungen den Wortwechsel, der sich zwischen den beiden Geschwistern zu entspinnen schien, zu Ende zu bringen, und wollte dabei versuchen, dem Bübchen begreiflich zu machen, wie man auf dieser Welt nicht immer beisammen bleiben könne, wie er vielleicht nächstens nach dem Himmel abgehe, das Bübchen selbst in die Schule und Clara auch irgendwo hin, wo sie es gut hätte. Doch war er mit seiner Rede noch nicht weit gekommen, als sich die tür öffnete und Clara eintrat. Der alte Mann, zufrieden, nun nicht weiter sprechen zu müssen, sagte: "Es ist wie immer ein wahrer Segen, dass du kommst; jetzt kannst du dich selbst mit ihnen abgeben." Er wandte sich dann eilig seiner Schreiberei wieder zu und bemerkte desshalb nicht sogleich das verstörte, bleiche Gesicht seiner ältern Tochter.

Clara ging schwankend wie im Schlafe; sie hatte die Augen auf den Boden geheftet, und erst, als sie in das Zimmer getreten war, erhob sie sie wieder und blickte die alten bekannten Gegenstände ringsum an, dann zuckte ein trübes Lächeln um ihren blassen Mund, sie schaute alsdann lange gegen Himmel, und da sie zu gleicher Zeit die hände faltete, so konnte sie ihren Tränen nicht verwehren, langsam über ihre Wangen hinab zu rollen.

"Clara, meine gute Clara!" rief das Bübchen, wobei es auf sie zusprang und ihre Kniee umfasste; "ich habe auch soeben geweint und um dich arg, arg geweintso arg. Aber ich bin nicht unartig gewesen, gewiss nicht."

Clara zuckte zusammen, als sei sie aus einem tiefen Traume erwacht, und beugte sich auf das Kind nieder, hob sein liebes, unschuldvolles Gesichtchen zu sich empor und küsste es heftig und wiederholt.

"Ja, er hat geweint," sagte der alte Mann, wobei er aber fortfuhr zu schreiben; "doch war sein Kummer wie gewöhnlich nicht weit her; auch vermagst du ihn gleich zu lindern, meine gute Clara, wie du denn überhaupt nicht bloss die Segenbringende der Familie, sondern auch unser Aller Trösterinein kostbarer Schatz bist, den wir gewiss Alle ungern verlieren werden. Aber, wie Gott will!"

"Amen!" entgegnete die Tänzerin in einem Tone des tiefsten Wehes, und darauf blickte sie abermals gegen Himmel.

– "Und ich koche, liebe Schwester Clara," sprach das kleine Mädchen wichtig tuend, "Papa hat die Suppe verschleimen lassen und der kleine Bub' hat gar nichts gesagt."

"O ja, ich habe geschrieen," erwiderte dieser trotzig.

"Das kann ich bezeugen," meinte Herr Staiger lächelnd. "Er hat geschrieen und ist dabei in vollem Eifer über sein Pferd gepurzelt. – Aber warum bleibst du an der tür stehen, liebe Clara, und legst deinen Hut nicht ab?"

"Jajaso!" versetzte die Tänzerin tief atmend.

"Du bist bekümmert, mein Kind," sagte der Vater, der seine Brille fester an die Augen drückte und nun seine Tochter erst recht betrachtete. "Du siehst blass aus und hast geweint. – Nun ja, ich begreife das; du kommst von einer armen, gestorbenen Freundin, und der Anblick hat dein gutes Herz so aufgeregt. Nun was macht denn die Madamedie Frau Tante? – Gott verzeihe mir, aber das ist ein schlimmes Weib. Die arme Marie, da die Sache nun einmal geschehen, ist wahrhaftig besser daran, als hier auf der Welt. Aber beruhige dich, mein Kind. Komm', setz dich zu mir her. So alterirt warst du ja nie. Hast du vielleicht bis jetzt noch keinen toten gesehen? – Doch! doch! was rede' ich für Unsinn, und denke nicht mehr an unsere eigene arme, kleine Leiche! Siehst du