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Clara machte die Honneurs wie eine Prinzessin; mit ihrem stillen, ruhigen und liebevollen Wesen entzückte sie ihren Mann, leitete die Dienstboten und hielt ihre kleinen Kinder in Ordnung, – ja, wir können es nicht leugnen, Herr Staiger hatte sogar die Verwegenheit, an Enkel zu denken. Diese Ideenverbindung leitete sich übrigens wohl aus dem Anblick seines eigenen Bübchens her, welches, um sich die Zeit zu vertreiben, bis zu dem grossen Moment, wo es der Suppe gefällig wäre, überzukochen, allerlei sonderbare Zählübungen anstellte. Clara hatte ihm in den Abendstunden das Zählen von Eins bis Zehn beigebracht, auch, dass Eins und EinsZwei, Zwei und Einsdrei sei, und das mischte er nun Alles auf die abenteuerlichste Weise durch einander.

"Eins und Eins ist Vier, Fünf, sechs und Eins ist Zehn," sagte er und rief alsdann mit lauter stimme: "aber jetzt, Papa, kocht sie über. Geschwind, geschwind, sonst zankt Clara!"

Damit sprang er abermals rückwärts, erinnerte sich aber glücklicherweise des hinter ihm stehenden Gaules, wesshalb sich der Zusammenstoss zwischen Beiden so gestaltete, dass das Pferd ein paar Schritte rückwärts flog zwischen die Füsse des Herrn Staiger, der eilig näher kam und nun fast das Schicksal seines Sprösslings erlitten hätte.

"Aber potz Tausend, Karl!" sagte der alte Herr, "man muss auch hinter sich sehen können. Jetzt wirfst du mir dein Pferd auf die Füsse und ich bin überzeugt, du machst wieder viel Lärmen um gar nichts."

"Aber es läuft schon aus dem Topfe heraus in den Ofen hinein," erwiderte das Bübchen, "und das stinkt und Clara wird es riechen, wenn sie nach Haus kommt, und da werden wir Beide gezankt."

"Ja, da hast du Recht," versetzte lachend der Vater, "und es tut weh, wenn Clara Jemand zankt. Nicht wahr, davor fürchtest du dich mehr, als wenn ich dich zanke."

"Ja wohl," sagte der Kleine bestimmt. "Denn wenn Clara zankt, so habe ich etwas getan."

"Und wenn ich zanke?"

"Oh!" erwiderte das Bübchen, indem es die hände auf dem rücken zusammen legte, "das geschieht ja niemals; du kannst gar nicht zanken."

"Sieh Einer den kleinen Bösewicht!" sprach lachend Herr Staiger; und dabei zog er die Suppenschüssel etwas nach vorn, damit der Inhalt, von der Glut des Feuers entfernt, nicht mehr so heftig sprudle. – "So, so, du meinst, ich könnte nicht zanken!"

"Nein, denn du sagst ja immer: wartet nur, Clara wird euch recht zanken."

"Nun, da werde ich es nächstens selbst lernen müssen," meinte gutmütig der alte Mann. "Denn wenn Clara einmal fort geht –"

"Ah! sie geht ja immer fort."

"Ganz richtig, Karl," sagte der Vater; "aber nächstens geht sie ganz fort und kommt gar nicht wieder."

"Wie, Papa?" fragte erschrocken das Kind. "Clara käme nächstens einmal nicht wieder? – aber doch zum Essen?"

"Nein, mein Sohn."

"Aber doch zum Schlafen?"

"Auch das nicht."

Dies gab dem Bübchen zu denken; er schaute vor sich auf den Boden nieder, doch mussten seine Gedanken sehr unerfreulicher Art sein, und ohne weiter viel Worte zu verlieren und nachdem es ein paar Mal wehmütig um seinen Mund gezuckt, brach er plötzlich in ein so lautes und anhaltendes Weinen aus, dass Herr Staiger alle Mühe hatte, ihn zu trösten, und ihm zuletzt gutmütig, wie er war, versprechen musste, dass, wenn er recht brav sei, Clara dableiben würde; im andern Falle aber stehe er für gar nichts.

Es war ein Glück, dass in diesem Augenblicke die kleine Schwester, aus der Schule kommend, hereintrat, um den Vater im Geschäft des Tröstens abzulösen; denn Herr Staiger hatte eigentlich gar kein Talent darin und er pflegte in solchen Augenblicken gern allerlei zu versprechen, was ihm später, bei dem guten Gedächtniss des Bübchens für dergleichen Dinge, viel zu schaffen machte.

Die kleine Marie war recht gut und sauber angezogen, ihre langen Zöpfe untadelhaft geflochten, und für Tafel und Bücher hatte sie von Clara eine tasche erhalten, in welcher diese früher Schuhe und Weisszeug mit in die Tanzschule zu nehmen pflegte. Dieser neue und bessere Anzug hatte recht erhebend auf das Gemüt des kleinen Mädchens eingewirkt, sie trug ihr Köpfchen so hoch als möglich, sprach gern altklug und nahm sich mit einer gewissen Ostentation der Haushaltungsgeschäfte an. So auch heute sah sie bei ihrem Eintritte, nachdem sie ihren Büchersack abgelegt, sogleich nach, ob im Zimmer nicht etwas zu finden sei, was nicht in Ordnung wäre. Da nun das fremde Mädchen statt zu lesen, was sie auch nicht gekonnt hätte, aufmerksam bald Herrn Staiger, bald den Ofen betrachtete und dazu an dem Bilderbuche kaute, so verwies ihr das Marie, nahm ihr die Lektüre, wischte ihr die Nase und brachte ihr eine Puppe, mit welchem Tausch übrigens das Kind sehr zufrieden zu sein schien. Darauf ging sie nach dem Ofen, betrachtete die Kocherei, wobei die Versuche des Herrn Staiger in dieser Richtung von ihr ziemlich geringschätzend angesehen wurden.

"Du hättest die Suppe nicht vom Kochen wegziehen sollen, Papa