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Adjutanten, des Bübchens bediente, das er vor den Ofen gestellt und beauftragt hatte, Lärm zu schlagen, sobald Suppe oder Kartoffeln irgend eine aussergewöhnliche Bewegung zu machen anfingen. Zuerst hatte Karl einige Einwendungen gemacht, denn er war an dem heutigen Morgen ausserordentlich beschäftigt; die Familie Staiger hatte nämlich, wie wir bereits wissen, einen Zuwachs erhalten und wir brauchen dabei wohl nicht zu bemerken, dass das kleine Mädchen, welches Artur gebracht, mit herzlicher Liebe aufgenommen worden war. Natürlicherweise hatte der Maler die Bedingung dabei gestellt, dass die Bedürfnisse des armen Wesens ausschliesslich ihm zur Last fallen müssten, und in Folge dessen hatte sich der Anzug der Kleinen wesentlich gebessert; auch erschien sie nicht mehr so scheu und ängstlich, denn ihr Herz schlug freudiger, sobald es die Wärme gespürt hatte, mit der sie von diesen guten Menschen behandelt wurde. Karl hatte sie unter seinen besonderen Schutz genommen, lehrte sie all' die sinnreichen Spiele, die er zu treiben pflegte, wobei sie ihm bald als Pferd, bald als Armee dienen musste. Heute war sie sogar seine Prinzessin; er hatte das Fussbänkchen Clara's umgekehrt, das Mädchen hinein gesetzt, die Trümmer eines Pferdes davor gespannt und kutschirte seine Pflegbefohlene nun in Gedanken durch die halbe Welt. Doch musste dem Befehl des Vaters Folge geleistet werden, wesshalb das Bübchen den Fussschemel wieder umkehrte, das fremde Kind darauf setzte, ihm ein Bilderbuch in die Hand gab, und sich darauf, als er das Pferd ausgespannt hatte, an den Ofen begab.

Das Geschäft, welches ihm der Vater übertragen, besorgte übrigens nun der Kleine mit einer so übergrossen Pünktlichkeit, dass er dadurch die Arbeit des Vaters weit öfter unterbrach, als notwendig gewesen wäre. Jeden Augenblick glaubte er, der grosse Moment sei gekommen, wo die Suppe Neigung zeige, überzukochen, und dann prallte er mit einem lauten Aufschrei zurück, wobei es bereits zweimal vorgekommen war, dass er über sein kleines kopfloses Pferd stolperte, welches er an einem Bindfaden hinter sich drein schleifte. Das gab dann begreiflicherweise eine grosse Verwirrung und es kostete den Herrn Staiger mehrere wertvolle Minuten, bis Bübchen, Pferd und Bindfaden wieder aus einander gewickelt waren, bis der alte Herr nach seiner Suppe gesehen und darauf der Lauerposten wieder aufgestellt worden war.

Dem Bübchen war übrigens auch etwas von dem Glanze der Familie zu gute gekommen; er hatte ein neues und warmes Röckchen an, seine kleinen Schuhe waren untadelhaft, und Clara hatte aus einem ihrer alten Kattunkleider eigenhändig eine Bettdecke genäht, welche der Stolz der beiden Kinder war.

Es war seltsam, aber nicht zu leugnen, dass auf den Herrn Staiger allein sein grösserer Verdienst eine andere wirkung ausübte, als man sich wohl hätte denken sollen. Er, der sonst Alles hergab, was er einnahm, er, der seine Tochter Clara früher zur Verschwendung angetrieben, wie sie oftmals lachend sagte, war geizig geworden, ja recht geizig, und Clara musste es zu ihrem grossen Erstaunen erleben, dass er anfing, seine Kasse selbst zu verwalten, indem er ihr nur das nötige Geld für die Haushaltung abgab und alles Uebrige in seinem Schreibtisch verschloss. Dass er nicht die Absicht hatte, von diesem Gelde etwas für sich zu verwenden, lag klar am Tage, denn sogar das abgenutzte Rehfell hatte ihm Clara oktroyiren müssen, und als sie auf einen neuen Anzug zum Ausgehen für ihn drang, hatte er sich bestimmt dagegen erklärt, indem er vorgab, er fühle doch, es sei seiner Gesundheit viel zuträglicher, wenn er während der Winterszeit wenig ausgehe; im Sommer werde man dann schon sehen.

Und Herr Staiger verdiente recht viel Geld: Onkel Tom war so gut wie beendigt, aber Herr Blaffer hatte mit ihm neue weitläufige arbeiten besprochen und sein Honorar wunderbarer Weise abermals erhöht.

Seit ihn das Bübchen zum letzten Mal gestört, hatte er die Feder nicht wieder aufgenommen, sich vielmehr in seinen Sessel zurückgelehnt und schaute, die arme über einander geschlagen, an die Zimmerdecke empor. Es mussten keine unangenehmen Gedanken sein, die ihn beschäftigten, denn er machte ein freundliches Gesicht, spitzte behaglich den Mund und zog nur zuweilen, wie in wichtiger Betrachtung, die Augenbrauen hoch empor. – "Das Ganze ist mir immer noch zu schön und traumartig," sprach er zu sich selber, "die Abendröte, die am Ende meines Leben leuchtet, kann dem neuen jungen Tage wohl schönes Wetter bringen, aber ebenso leicht Sturm und Regen. Nun auf alle Fälle tu' ich das Meinige; was der Himmel über uns verhängt, das wollen wir jederzeit geduldig und gern hinnehmen, – obgleich," meinte er schmunzelnd, "das Bessere immer angenehmer ist; und ich muss schon gestehen, wenn man seine Kinder liebt wie ich, so kann es einen hoch entzükken, wenn man Aussichten hat, dass es ihnen gut gehen soll. – An meinem Leben würde ich freilich nichts ändern, ich würde fleissig arbeiten, so lange es geht, und nur Sonntags mir ein kleines Vergnügen machen und wohlgekämmt nach meinen Kindern sehen, nach meinem SchwiegersohnHerrn Artur Erichsen. – Gott! wie man in seinem Alter noch so kindisch sein kann!" unterbrach der alte Mann seine Betrachtungen, die er aber doch nicht unterlassen konnte, still denkend fortzusetzen. Ja, der alte eitle Mann sah sich schon im saubern Anzuge, er hatte sogar Handschuhe an und trat in das Haus seiner Tochter, wo man ihn an einem gewissen Sonntag zum Mittagessen erwartete.