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; ich habe Ihnen absonderliche Dinge zu sagen."

"Das habe ich Ihnen angesehen," versetzte erschrocken das Mädchen.

"Ich kann mir denken, dass Sie es erwartet; aber es ist besser, wenn ich es Ihnen hier sage. Der Anblick des unglücklichen Geschöpfes da zwischen uns stimmt mich wehmütiger und ruhiger; – sonst," sprach er mit heftigem Tone, "müsste ich das, was ich Ihnen zu sagen habe, hinaus schreien mit lauter stimme; wenn es in Ihres Vaters haus geschähe, Claraund geschehen muss es doch einmalso müsste ich Ihren Vater bei der Hand fassen und ihn vielleicht mit verantwortlich machen, dass Sie michbetrogen."

"Herr Gott im Himmel!" schrie entsetzt die Tänzerin.

"Hier aber," fuhr er mit weit aufgerissenen Augen fort, während seine hände, die er gegen die Leiche ausstreckte, heftig erzitterten, "hier vor dieser da, muss ich mich bezwingen und darf nur flüstern. Aber Sie werden auch dieses Flüstern verstehen, Clara. – Ja," sagte er nach einem tiefen Atemzuge, wobei er schmerzlich nach ihr hinblickte, "ja, Clara, du hast mich betrogen, entsetzlich betrogen. Wesshalb du es getanich weiss es nicht. War es, weil dein Herz falsch ist, weil du mich nicht geliebt, war es eine LauneGott weiss es! Mir soll es, hoff' ich, ewig ein geheimnis bleiben!"

Clara war neben der toten Marie auf die Kniee gesunken, blickte einen Augenblick entsetzt in die Höhe und verbarg ihr Gesicht in beide hände.

"Es ist," fuhr er sanfter fort, "fast die gleiche geschichte, wie mit dem armen Mädchen da, nur dass sie unschuldig ist. Aber als er von ihrer Untreue hörte, er, der sie gewiss nicht inniger liebte, als ich dich, er, der ihr kein besseres und glänzenderes Schicksal bereiten wollte, als ich dirliess er sie niederstürzen, wirklich niederstürzen, und sie zerschmetterte vor seinen Füssen. – Ich aber," sagte er mit leiser, jedoch schrecklicher stimme, "ich kann und will das Gleiche nicht tun, ich will dich nicht leiblich zu meinen Füssen niederstürzen sehen, kein Haar soll dir gekrümmt werden, nicht dein schönes Gesicht verunstaltet, kein Glied deines prächtigen Körpers beschädigt werden, obgleich du auch an mir hingst, von mir abhingst. – Aber auch ich zerreisse dies Band, auch ich lasse dich, wenn gleich im geist, zu meinen Füssen niederstürzen, und wenn ich mich von dir lossage, was hier feierlich vor dieser toten geschieht" – dabei streckte er beide hände weit von sich ab – "so wirst du vielleicht deinen Gott anflehen, er möge dir ein gleiches Schicksal zu teil werden lassen, wie dieser da."

Clara war unter der furchtbaren Last dieser Vorwürfe und entsetzlichen Reden mit dem Kopf auf die Leiche niedergesunken, und da es ihr unmöglich war, etwas zu antworten, so hatte sie nur flehend und wie schützend die hände über ihr Haupt erhoben, als wolle sie dadurch den Fluch abwehren, den er auf dasselbe herabschleuderte. Als sie sich endlich wieder fasste, als sie rief: "Artur! um Gotteswillen, Artur!" und aufsprang, da war er verschwunden. Sie blickte zweifelnd in dem Zimmer umher, fuhr mit der Hand über die Augen und wollte sich einreden, sie habe hier bei der toten Marie einen schrecklichen Traum gehabt, und er sei in Wahrheit gar nicht da gewesen. – Oh! wenn dem so gewesen wäre!

Aber dem war nicht so. Madame Becker, die heftig erregt herein trat, sagte: "Hat sich die Leiche nicht bewegt, als Jener im Zimmer war? Das sollte so sein, wenn Gerechtigkeit wäre, sie hätte drohend die Hand gegen ihn aufheben sollen. O dass ich ihn nicht früher gekannt, dass ich seinen Namen nicht gewusst! ich erfuhr ihn erst vorhin, als er wie toll zur tür hinausstürzen wollte. – Clara, Clara!" wandte sie sich an diese, "nimm dich in Acht vor der Familie! Einer von ihnen ist schuld an dem tod meiner Marie."

"Und der Anderewird schuld an dem meinigen sein!" seufzte das unglückliche Mädchen und legte ihr Gesicht auf die Hand der toten, als suche sie hier Schutz und Trost.

Einundsiebenzigstes Kapitel.

Alles verloren.

In dem haus des Herrn Staiger hatte sich, seitdem Herr Blaffer das Honorar so bedeutend erhöht, allerlei auf's Vorteilhafteste verändert. Um das einzige Fenster prangte nun ein Vorhang von buntem Kattun, unter dem Schreibtisch lag ein altes Rehfell; freilich schien dasselbe in der Mauser zu sein, und die einstmalige blaue Tucheinfassung war nicht mehr zu erkennen. Aber es tat seine Dienste, indem es die Füsse des alten Herrn wärmte. Auch dem Ofen war etwas vom besseren Verdienste zu gute gekommen, man gab ihm reichlicheres und härteres Holz, und er, dafür dankbar, verbreitete um sich her eine angenehme Wärme. Und dabei sott und prasselte es in ihm ganz behaglich; es war beinahe Mittagszeit, und Clara, die wegen eines halben Feiertags heute die Tanzstunde nicht zu besuchen gebraucht, hatte Kartoffeln zum Mittagessen eingestellt, und war unterdessen in das Haus der Madame Becker gegangen, wie wir bereits wissen. Die sorge für Kartoffeln und Suppe war unterdessen dem Papa Staiger übertragen worden, der sich hiezu, als seines