"Wenn es Ihren Schmerz nicht zu sehr wieder aufregt, so würde ich Sie bitten, mich hinein zu führen."
"Ach ja, es wird meinen Schmerz sehr aufregen," versetzte die Frau mit affektirter Bewegung. "Ach! der Anblick des armen bleichen Gesichtes bringt mich noch unter den Boden!"
"Wenn es dem Herrn – – gleichgiltig wäre," meinte schüchtern die Tänzerin, "so würde ich ihn zu Marie hinein führen."
"Ah! das wollten Sie?" sagte Artur mit einem schrecklichen, fast lustigen Tone. "Gewiss, ich nehme Ihre Begleitung an. Der Himmel soll mich bewahren, den Schmerz dieser unglücklichen Frau zu vergrössern!"
Clara neigte still ihr Haupt und schritt ohne ein Wort zu sprechen in das Nebenzimmer.
Artur folgte ihr.
Es war dasselbe, aus dessen Fenstern in der gestrigen Nacht der schwache Lichtschimmer auf die Strasse hinaus gezittert hatte; der Docht in der kleinen Lampe, welche ihn erzeugt, brannte auch heute noch; man hatte vielleicht vergessen, das Licht auszulöschen oder man hatte sein mattes Aufflackern und ersterbendes Zusammensinken hier im Zimmer der toten für passend erachtet. Auf einer Erhöhung am Boden lag die Leiche des jungen Mädchens, weiss gekleidet, die wachsbleichen hände gefaltet; um den Kopf hatte sie einen Kranz von weissen Blüten und rings um sie her lagen Blumen, bald einzeln, bald in Bouquets zusammen gebunden. Man hatte die arme Marie noch nicht in ihr letztes trauriges Haus gelegt, und wenn man sie so betrachtete, wie sie auf den weissen Kissen dalag, so hätte man auch der Frau draussen wirklich Recht geben können, als sie sagte, man glaube, das Mädchen schlafe nur. Obgleich ihr bleiches Gesicht schon jenen eigentümlichen aschfarbenen Ton angenommen hatte, so war doch von der Röte ihrer Wangen etwas übrig geblieben, ungefähr wie der leichte Schimmer inmitten einer weissen verwelkten Rosenknospe. Auch die Lippen sahen noch frisch und rot aus, und die Augenlider hatten nichts Eingefallenes und Starres; sie schienen leicht herabgesunken und zeichneten sich nur scharf ab durch die langen schwarzen, seidenartigen Haare der Wimpern.
Wenn auch Artur durchaus von keinem Gefühl des Schauders ergriffen war, so zog sich doch sein Herz wie krampfhaft zusammen, als er neben der Mädchenleiche stand; ja, als er sah, wie sich Clara über sie niederbeugte und ihre kalte Stirn küsste, atmete er kürzer und immer kürzer, ein leichtes Frösteln überflog seinen Körper und demselben folgten wohltätige heisse Tränen. Ja, heute waren sie für ihn wohltätig und beruhigend, es waren ja nicht mehr die Tränen des Hasses und der Wut, die er gestern Nacht geweint, auflösende Wehmut und Trauer hatten sich seines Herzens bemächtigt, und wenn er auch ebenso tief fühlte, was er verloren, so dachte er weniger an seinen eigenen Verlust, als an das Verderben jener armen Seele.
Clara blickte zu ihm empor und sagte nach längerem Stillschweigen: "Ach! sie war sehr unglücklich geworden, die arme Marie! er liebte sie so innig und sie sollte ihm nicht angehören dürfen."
"Das ist allerdings sehr, sehr traurig," versetzte Artur kaum hörbar. "Aber warum durfte sie ihm nicht angehören."
"Ich weiss das nicht so genau; aber ich glaube, ihre Tante wollte sie zwingen, gegen einen Andern freundlich zu sein."
"Und sie liess sich zwingen?"
"Ach! die Ueberredung."
"Ja – richtig, die Ueberredung! – Und er hat es erfahren, dass sie ihm treulos geworden?"
"Ja, er hat es erfahren. Schwindelmann sagte es ihm; und der tat sehr Unrecht, denn Marie dachte nicht daran, treulos zu werden. Wissen Sie aber wohl, Herr Erichsen, aller Schein war gegen sie und das ist sehr schlimm!"
"Herr Erichsen hat sie mich lange nicht mehr genannt," dachte Artur. – "Sehr schlimm," versetzte er darauf.
"Es ist für ihn ein noch grösseres Unglück, als für sie," fuhr das Mädchen mit gefalteten Händen fort, indem sie einen blick auf die Leiche warf; "sie ist ja tot und es kann sie Niemand mehr kränken oder foltern. Aber ihm geht das nach wie ein Gespenst; sie sagen auch, der Richard sei ganz tiefsinnig geworden, denn was man beim Teater munkelt, er habe das Tau absichtlich ausgleiten lassen, ist ihm zu Ohren gekommen."
"Und was glauben Sie? Hat er es absichtlich getan?"
"O gewiss nicht, Herr Erichsen; er war nur erschreckt, als ihm der Schwindelmann von ihrer Untreue erzählte. Ich glaube wohl, dass er da nicht mehr wusste, was er tat, denn das muss ja schrecklich sein."
"Meinen Sie das wirklich, fräulein Clara?" fragte Artur tief aufatmend.
"Warum nennt er mich fräulein Clara?" dachte das junge Mädchen.
"Sehen Sie," fuhr er mit zitternder stimme, aber deutlich betonend fort, "so etwas kommt im Leben häufig genug vor. – O um Gottes Barmherzigkeit willen, Clara, schauen S i e mich nicht so zweifelhaft an!" unterbrach er sich heftig – "häufig genug," sprach er ruhiger; "Untreue bald von der, bald von der Seite. Aber nicht immer nimmt es ein so klägliches Ende wie hier. – hören Sie mich deutlich an, Clara, denn ich spreche jetzt von Ihnen und nicht von der toten