gegenüber standen, ist wohl schwer anzugeben. Aus Beider Herzen stiegen seltsame Gedanken, aus dem seinen bittere, traurige, und auch ihre Ueberraschung war keine frohe zu nennen. – "Was macht er hier," dachte sie, "in dem haus, das ich nur scheu und zitternd betreten, einzig und allein in der edlen Absicht, der dahin geschiedenen Freundin den letzten Liebesdienst zu erzeigen?" Er biss heftig auf seine Lippen, indem er zu sich sagte: "Ah! es ist Alles so, wie ich erfahren; sie geht hier ein und aus."
Obgleich Madame Becker aus dem vorhergehenden Gespräch wohl entnommen, dass er ein Interesse an dem Mädchen nahm, so hatte sie doch keine Ahnung davon, wie genau Beide mit einander bekannt seien, und hielt es auf alle Fälle für schicklich, "den Herrn Baron – einen ihrer Bekannten" der Tänzerin vorzustellen.
Zuerst wollte Artur gegen den Titel eines Bekannten protestiren und hätte es vor ein paar Tagen noch lachend und eifrig getan, jetzt aber, von der Untreue und Schlechtigkeit Clara's überzeugt, dachte er: "Ei, das wird mich in ihren Augen nicht heruntersetzen, und es soll mir ganz gleichgiltig sein, ob ich auf diese Art vor ihr kompromittirt werde."
Die Vorstellung der Madame Becker und der plötzliche Anblick Arturs hier in diesem haus hatten aber auf das junge Mädchen erschreckend gewirkt; sie war, jedoch unmerklich, zusammen gezuckt, ein tiefes, unerklärliches Weh durchzog ihr Herz, und ihr Gesicht, ohnedies heute nicht frisch und rosig wie sonst, sah bleich und erschreckt aus.
Ihm waren das Beweise ihrer Schuld, und wenn sich auch seine Hand unter dem Tische krampfhaft zusammenballte, so bezwang er sich doch, stand lächelnd auf und sagte, indem er eine leichte Verbeugung machte, es freue ihn sehr, die schöne Tänzerin, fräulein Clara Staiger – hier so unverhofft zu sehen.
Dem Mädchen war dieser Ton und der kalte blick, womit er begleitet war, freilich rätselhaft; dass er unter diesem Besuche hier im haus etwas Anderes vermuten könnte, fiel ihr gar nicht ein; sie begriff nicht, dass Artur im stand wäre, ihr reines Herz, das sie ihm so offen hingelegt, zu verkennen. Und da sie sich rein wusste, frei von jeder Schuld, so bezog sie ihrerseits wieder sein verändertes Benehmen auf seine Verlegenheit, dass sie ihn hier bei der Madame Becker gesehen; denn er hatte ihr ja nie gesagt, dass er diese Frau kenne. Viel weiter dachte dieses reine, arglose Herz natürlich nicht.
Uebrigens war es für alle drei ein peinlicher Moment; sogar Madame Becker hatte ihre gewohnte Sicherheit verloren und meinte ziemlich linkisch, der Herr Baron möchten doch nur Platz behalten und sich vor der fräulein Clara gar nicht geniren. – "Ach!" seufzte sie und machte dazu einen neuen, aber gänzlich vergeblichen Versuch, ihren trockenen Augen einige Tränen zu entpressen, "sie war mit meiner armen Marie wie ein Leib und eine Seele."
Artur, der es nicht über sich vermochte, wie er es im ersten Augenblicke gewollt, das Zimmer schnell und stürmisch zu verlassen, wollte auch etwas sagen und erkundigte sich nach dem schrecklichen Vorfalle im Teater, von dem er ja selbst Zeuge gewesen und über welchen er von seinem Bruder die beste Auskunft erhalten hatte. Es war ihm auch ganz recht, als ihm Madame Becker ein Langes und Breites darüber erzählte, und wenn er dabei, scheinbar mit gespannter Aufmerksamkeit, an ihren Lippen hing, so zeigte doch sein mühsames, ungestümes Atemholen, sowie das Umherirren seiner Augen, dass sein Geist mit ganz anderen Sachen beschäftigt sei.
Clara fühlte das wohl und sie folgte angstvoll seinen wilden Blicken, und wenn hie und da einer derselben sie traf, so zuckte sie wiederholt zusammen und schlug ihre Augen nieder.
"Ja, Herr Baron," sagte die Becker schluchzend, "so traf mich dieses entsetzliche Unglück. Hier aus dieser stube ging das arme Mädchen heiter und wohl, in voller Gesundheit, und ein paar Stunden nachher brachten sie sie sterbend zurück. Du Gott im Himmel! womit habe ich das verdient!"
Artur zuckte die Achseln und bat die Frau in der höflichsten Art, ihre Tränen gefälligst trocknen zu wollen und ihren Schmerz zu mässigen. Er brachte auch allerlei Gemeinplätze vor, als: das Schicksal nehme nun einmal seinen traurigen Lauf, was beschlossen, sei nicht zu ändern, Alles in der Welt, selbst das Entsetzlichste, sei am Ende doch zu etwas gut – und bei diesen letzten Worten blickte er nach Clara, die ihre hände gefaltet hielt und leicht mit dem kopf schüttelte; denn so kalt hatte sie ihn nie sprechen gehört.
"Haben Sie die Marie gekannt?" fragte Madame Becker nach einer Pause, während welcher sie ihre Tränen getrocknet hatte.
"O ja, ich erinnere mich ihrer, ich sah sie häufig; es war ein schönes, blühendes Mädchen."
"Das war sie," sagte eifrig die Frau, "und jetzt, da sie tot daliegt, ach! ganz tot, ganz tot, sollte man das nicht glauben; man meint, sie schlafe nur. Wenn es Ihnen keinen Schauder macht, Herr Baron, etwas Todtes zu sehen, so sollten Sie wirklich hinein gehen und sich das arme Kind betrachten."
"Warum sollte mir der Anblick von unser aller Ende unangenehm sein!" erwiderte der junge Mann mit leiser stimme.