1854_Hacklnder_152_341.txt

?" fragte der junge Mann.

"Bei allen Heiligen, ja!" rief die Frau, nachdem sie heftig geschluckt. "Aber, Herr Baron, sagen Sie einer armen witwe die Wahrheit: soll noch mehr Unglück über mich herein brechen? Will er mir ein Leides tun?"

Artur war zu sehr mit seiner eigenen Sache beschäftigt, um augenblicklich an ihn, an den Baron zu denken, um sich bewusst zu werden, dass zwischen dem Siegel und jenem rätselhaften Er ein Zusammenhang stattfände. – "Ihnen soll gewiss nichts zu Leid geschehen," entgegnete er der Frau auf ihre Frage, "wenn Sie mir die Wahrheit sagen; aber die volle Wahrheit."

"Das will ich ja; gewiss, ich will es."

"Nun gut. – Hatten Sie früher über das bewusste Mädchen, über deren Aufführung etwas Nachteiliges vernommen? – Scheuen Sie sich gar nicht, die Wahrheit zu sagen."

"Nein, das hatte ich nie," erwiderte eifrig die Frau; "im Gegenteil, mir hat man sie immer als die Tugend selbst geschildert, und so kannte ich sie auch. Das müssen der Herr Baron mir selbst bezeugen!"

"Ich?" fragte Artur erstaunt.

"Ja, Sie. – Erinnern Sie sich, was ich Ihnen damals sagte, als Sie den Brief brachten, worin der Herr Graf das verlangte? – Das wird schwer angehen, sagte ich, das ist fast unmöglich, sagte ich, das kann ich nicht unternehmen, sagte ich. Nun sehen Sie, es war auch in der Tat schwer."

"Und doch gelang es!" seufzte Artur.

Frau Becker hatte während dieser Zeit immer scheu nach dem Nebenzimmer geblickt, auch flüsterte sie ihre Worte ganz leise. Ja, wenn der junge Mann etwas lauter sprach, so hob sie ihre Hand auf und machte: s – s – st! Dabei wandte sie sich hin und her, drehte ihren Kopf vielmals um, zupfte an ihren Haubenbändern, schluckte häufig und sagte dazwischen: "Ja, sehen Sie, das ging soGott soll mich bewahren, der Clara etwas Schlimmes nachzusagennein, sie war vollkommen brav." – Während dieser Redensarten hatte sie sich einen Feldzugsplan entworfen, und dabei ihrer Freundin Wundel gedacht. – "Richtig," sprach sie zu sich selber, "die soll es ausbaden; was brauche ich die Wundel zu schonen. Und wenn er ihr auf den Leib geht, da soll sie sehen, wie sie sich herauslügt. – Ich wusste gleich," wandte sie sich an Artur, "dass das eine delikate Sache sei, glauben Sie mir, Herr Baron," – dabei faltete sie ihre hände und blickte gegen Himmel – "Unsereins hat auch Gewissen; und ich hatte immer das Vergnügen, die Familie Staiger als eine anständige Familie zu kennen. – Gott! die Clara, der arme Aff, wie musste sich abplagen, damit ihre Geschwister nur etwas zu beissen hatten."

"Weiter!" sprach Artur finster.

"Sie kam oft daher."

"Zu Ihnen?"

"eigentlich zu der unglücklichen Marie. Ach Gott! Herr Baron, Sie kennen ja wohl das Unglück, das uns betroffen, heute rotmorgen tot! – Da liegt sie im Nebenzimmer und sie erweisen ihr die letzte Ehre." – Hier holte sie ihr Schnupftuch hervor und fing auffallend heftig an zu weinen. – "O du lieber Gott im Himmel!" schluchzte sie, "dass ich das erleben musste! Meine arme Marie! mein Stolz, meine Stütze! – Aber mich soll der Himmel bewahren, Herr Baron, dass ich Sie mit meinen Klagen aufhalten will. Gewiss nicht; ich bezwinge meinen Schmerz." Dies schien auch der Frau Becker leicht zu werden, denn ein paar Sekunden nach diesem Erguss waren ihre Augen wieder vollkommen trocken, ihr Gesicht gänzlich beruhigt. – "Also ich hatte zu viel Gewissen," fuhr sie fort, "die Sache mit dem Mädchen auf eigene Hand zu unternehmen."

"Und wer half Ihnen?" fragte Artur dringend.

"Von Helfen ist eigentlich nicht die Rede," erwiderte listig das schlaue Weib; "sondern ich übergab die ganze Sache einer Bekannten."

"Und darf ich Sie um den Namen dieser Bekannten ersuchen?"

"O gewiss! warum nicht! Nur bitte ich, Herr Baron, dass ihr nichts geschieht."

"Nein, neinwer ist's?"

"Es ist die Frau Wundel; sie wohnt in der Balkenstrasse Numero vierzig."

"Ah! im gleichen haus."

"Ganz richtig, wo auch Clara wohnt."

"Und die hat das Geschäft geleitet?"

"Sie konnte es am besten, da sie sich auf gleichem Boden mit der Familie Staiger befindet."

"Richtig! o du mein Gott! Das war gut überlegt. Da konnte man Stunde um Stunde arbeiten. Wenn ich es auch nicht begreife, so fange ich doch an, die Fäden dieses Gewebes zu verstehen." "S – s – st!" machte Frau Becker; "man kommt." Die tür des Nebenzimmers öffnete sich langsam undClara trat herein.

Siebenzigstes Kapitel.

Marie und Clara.

Ob das Erschrecken Arturs bei ihrem Anblick oder das Erstaunen des jungen Mädchens grösser gewesen, als Beide sich nun so auf einmal hier Auge gegen Auge