mehr vernahm, stieg er die Treppen hinauf.
Das alte Haus war unheimlich und finster wie immer; nur hatte sich die Atmosphäre, sonst moderig und feucht, etwas geändert; es roch dazwischen wie nach halb verwelkten Blumen und Weihrauch oder Wachskerzen; es war ein Odeur, der unwillkürlich trübe stimmt. Dazu war es in dem haus todtenstill, und als Artur leise an die tür klopfte, warf das Echo in dem langen Gange drei dumpfe Schläge zurück. – "Herein!" klang es von innen, und auch hier war derselbe unangenehme Geruch, nur starker Blumenduft vorherrschend.
Madame Becker sass wie damals an dem Tische, doch hatte sich ihr Aeusseres und ihre Haltung sehr verändert; sie war ganz schwarz gekleidet und liess den Kopf hängen; ihre Augen waren matt und glanzlos, und da ihre Unterlippe ziemlich schlaff herab hing, so hatten ihre Gesichtszüge etwas Verlebtes, Ausdrucksloses. Sie belebten sich ein klein wenig, als sie des jungen, eleganten Mannes ansichtig wurde, auch stand sie eilig auf und nickte ihm zu, schritt aber alsdann gegen das Nebenzimmer, dessen halb offen stehende tür sie langsam in's Schloss zog.
Arturs Kehle war wie zugeschnürt, er konnte kaum ein Wort hervorbringen, und er liess sich schweigend auf den Stuhl nieder, den ihm die Frau an den Tisch gerückt hatte. – "Sie erinnern sich meiner?" sagte er nach einer Pause.
"Kaum, kaum," entgegnete die Frau und fuhr mit der Hand über die Augen. – "Es war was dabei von einem Brief und einer Bestellung."
"Ganz richtig: ein Brief des Grafen Fohrbach."
"Richtig! jetzt habe ich die Sache wieder," sprach lebhafter die Frau, wobei sie sich vornüber beugte und so dem jungen mann näherte. "Jetzt kenne ich den Herrn, aber ich meine, Sie hatten damals einen grösseren Bart; heute sehen Sie etwas anders aus, etwas kahler."
"Vielleicht blässer."
"Auch möglich. – Richtig! vom Herrn Grafen Fohrbach – ein vornehmer und sehr braver Herr. Er war zufrieden?"
"Ausserordentlich."
Jetzt legte die Frau die Finger auf den Mund, wobei sie sich einen Augenblick nach dem Nebenzimmer umsah. Dann sagte sie flüsternd: "War er nicht überrascht?"
"O er war sehr überrascht," brachte Artur mühsam hervor.
"Das will ich wohl glauben," erwiderte Frau Bekker. "Und ich kann Sie versichern, Herr – Baron, dass keine Andere als ich das zu stand gebracht hätte. – Keine Andere," wiederholte sie und berührte mit ihren Fingern den Arm des jungen Mannes.
Artur zuckte zusammen, doch fasste er sich gewaltsam.
"Also doch!" dachte er. – "Sei ruhig, Herz; wenigstens hat es ihr Mühe gekostet." – Er zwang sich sogar zu einem Lächeln, doch brauchte er dazu einige Sekunden, dann fuhr er fort: "Ich komme nochmals in derselben Angelegenheit."
"Wollen Sie sie auch kennen lernen?"
"Nein, nein, nein!" rief er hastig. "Ich habe nur eine Bitte an Sie, einige fragen, die Sie vielleicht so freundlich sind, mir wahr zu beantworten. – Aber wahr, Frau Becker! Es soll mir auf eine gute Belohnung nicht ankommen."
Die Frau sah ihn einigermassen misstrauisch an. Dann sagte sie: "Vor allen Dingen bitte ich den Herrn Baron, leise zu sprechen. – Was wollen Sie denn eigentlich wissen?"
"Sie kannten die Clara – – Staiger schon länger?"
"O ja, ich kannte sie, so – so!"
"Und sie war Ihnen bis dahin als ein braves und tugendhaftes Mädchen bekannt? – Ja, ja, das musste doch wohl sein," fuhr Artur fort, als die Frau keine Antwort gab, "denn sonst hätte es Ihnen ja keine Mühe gemacht, sie zu ver-kuppeln."
Wer konnte es dem jungen mann übel nehmen, dass ihm in seinem tiefen Schmerze dies Wort entfuhr. Unbedachtsam aber war es auf jeden Fall, denn die Frau fuhr davor zurück, als sei sie von einer Schlange gestochen worden; auch mochte sie in den seltsam glänzenden Augen Arturs etwas entdecken, was ihr nicht gefiel. Vor allem aber war sie eine kluge Frau, die verdächtige Blicke und Worte schnell ihren Verhältnissen anzupassen wusste. – "Halt," dachte sie, "wer weiss, wen ich vor mir habe, und was geschehen könnte, wenn ich dumm genug wäre, ihm zu gestehen, dass wir eine Unschuld geliefert!" Dies überlegend, machte sie eine steife Verbeugung und sagte: "Verzeihen Sie, Herr Baron, ich bin heute nicht in der Verfassung, Geschäfte abzumachen; ich bin in Trauer, wie Sie wohl sehen, und muss ein anderes Mal um die Ehre bitten." – Sie dachte: Zeit bringt Rat.
Artur brachte mühsam ein Lächeln zu stand. "Ah! Sie trauen mir nicht," sagte er. "eigentlich haben Sie Recht, ich stellte da indiskrete fragen, ohne mich bei Ihnen gehörig legitimirt zu haben. Doch soll das sogleich geschehen." – Er zog das bewusste Papier hervor und reichte es der Frau, die es hastig durchlas, das Siegel betrachtete, und dann schweigend in Ihren Stuhl zurücksank. Ihre Hand und das Papier zitterten ein wenig.
"Sind Sie damit zufrieden