, und hatte ihm gesagt: ja, wenn Sie mir keinen Brief bringen mit dem bewussten Siegel, so brauche ich Ihnen keine Antwort zu geben. Darauf war er vor dem haus des Baron von Brand gewesen und hatte lange an die dunklen Fenster hinauf geblickt, und darauf war es ihm, als habe er ihn um das Siegel bitten wollen, doch war Jener abwesend und er musste ihn im Fuchsbau aufsuchen. Und das tat er auch: hastig, eilig.
Da lagen vor ihm die finsteren Gebäudemassen, da war der Durchgang, wo das einsame Licht brannte, und die eiserne Gittertüre, wo er damals jenen Mann im Mantel gesehen, der dem Baron von Brand so ähnlich sah. – Aber auch hier ward ihm kein Einlass, und es trieb ihn immer wieder fort, wie in einem Rundlauf, an dem stillen wasser des Kanals vorbei, vor das Haus jenes rätselhaften Mannes, abermals an den Fuchsbau, und erst als der Morgen anfing zu grauen, hie und da an den Häusern Lichter blitzten, sich Haustüren öffneten und Menschen erschienen, und er also nicht mehr, gefolgt von seinen wilden Phantasieen, allein und ungesehen durch die Strassen schweifen konnte, da schwankte er seinem haus zu, und als er es erreicht, lehnte er lange die immer noch heisse Stirn an den kalten Stein, ehe er aufschloss und in sein Zimmer hinauf ging. Ach! das schienen ihm gar nicht mehr die traulichen Gemächer zu sein, in denen er bis jetzt so gern verweilt; bei seiner Gemütsstimmung und dem falben Lichte des Wintermorgens erschien ihm Alles hier unheimlich und gespensterhaft. Seine Waffen funkelten ihn so verstohlen an, die weissen Statuen schienen verlegen auf den Boden zu blicken, der schwere Seidenstoff, der nachlässig über seinem Divan hing, schien ihm ein Grabtuch zu sein, und erst ihr Porträt, das auf der Staffelei stand, hatte gar keine lebendige Färbung mehr, sondern däuchte ihm wie das Bild einer Leiche, die nichts mehr hier oben auf der freundlichen Welt zu schaffen hat, die tief hinabgesenkt werden muss, damit man sie nie mehr sehe, und sich bei ihrem Anblick entsetze. – Ah! ihm schauderte vor ihren Zügen; sie waren so bleich und leblos. – "Und du konntest so an mir handeln!" sagte er, vom tiefsten Schmerz ergriffen, "du, an die ich mein Alles gesetzt!" –
Als er so dachte, kam es ihm vor, als flamme eine leichte Röte, das Bewusstsein ihrer Schuld, über das schöne Gesicht. – Doch nein! er hatte sich nur geirrt; es war das letzte Aufflackern des tief herabgebrannten Lichtes, das die ganze Nacht vergeblich auf seine Rückkunft gewartet hatte. – Er nahm ruhig den Seidenstoff und deckte ihn über Bild und Staffelei. Dann versank er abermals in Träumereien, aber er schlief nicht, und hörte nur wie fernes Rauschen, als es so nach und nach auf der Strasse und im haus lebendig wurde. Erst als die Sonne einen freundlichen Strahl in's Zimmer sandte, erhob er sich und brachte ruhig seinen Anzug in Ordnung, ohne dabei vor der Blässe zu erschrecken, die auf seinen verstörten Zügen lag.
Was er während des Umherschweifens heute Nacht gedacht, beschloss er nun auszuführen; vor allen Dingen wollte er sich Gewissheit verschaffen, welche Mittel Clara vermocht, so entsetzlich tief zu fallen. "Oh!" sprach er zu sich selber, "das kann kein Anfang sein, das ist nur eine Fortsetzung." Er zwang sich ruhig zu werden, er kühlte sein Gesicht mit kaltem wasser, er ordnete sein Haar, und sobald es ihm die Stunde erlaubte, ging er nach der wohnung des Baron von Brand. Vorher aber hatte er aus der Mappe die bewussten sechs Blätter genommen, sie zusammen gerollt und zu sich gesteckt.
Der Baron hatte sich, wie sein Kammerdiener sagte, eben erhoben; doch liess er den Maler augenblicklich in sein Zimmer und schien erfreut, ihn zu sehen. Er lag in einem kleinen Fauteuil, trug einen seidenen Schlafrock, und sein Kopf war über und über mit Papilloten bedeckt, ein Zustand seiner Toilette, wegen welchem er in der bekannten süsslichen Manier tausendmal um Verzeihung bat. Neben ihm befand sich ein sehr niedriger runder Tisch, auf welchem sein Frühstück stand; er nötigte Artur, eine Tasse Kaffee zu nehmen und bot ihm eine Cigarre an, welche dieser aber ablehnte.
"Sie werden sich wundern, Herr Baron," sagte der Maler, "dass ich Sie schon früh belästige, aber ich komme nur, um Ihnen einen Beweis meiner Ergebenheit darzubringen. Gestern Abend schienen Sie grossen Wert darauf zu legen, die sechs Blätter – eines gewissen Porträts zu besitzen; hier sind sie."
"Wirklich?" erwiderte der Baron erstaunt; "das hätte ich mir nicht träumen lassen. Doch will ich Ihnen in der Tat unendlich dankbar dafür sein; ich freue mich, in den Besitz dieser Blätter zu kommen; aber alle Freundschaft bei Seite – die Zeichnungen sind kostbar und ich nehme sie nur an, wenn Sie mir Ihre Bedingungen nennen, die ich übrigens im Voraus acceptire."
"Versprechen Sie nicht zu viel, Herr Baron," sagte Artur sehr ernst. "Die Blätter sind allerdings sehr kostbar, nicht wegen ihres künstlerischen Wertes, wohl aber wegen der Folgen, die eine solche Arbeit für mich haben kann. – Dagegen," fuhr er mit einer Handbewegung fort, als er sah,