der Baron; wobei er sich indessen Mühe gab, ein starkes Gähnen zu unterdrücken. Offenbar war ihm die Erzählung langweilig.
"Aber woher vermutest du, dass diese ganze geschichte sich auf die arme Frau bezog?"
"Ich vermute nie," sprach ernst der Major, "sondern ich urteile nur nach Vorfällen und Tatsachen. Nachdem also Seine Excellenz den wahrscheinlichen Sturmmarsch mehrmals auf die Fensterscheibe getrommelt und öfters wie ein Kreisel in das Zimmer hineingeflogen war, verschwand er plötzlich vor dem Fenster. Ich blieb an dem meinigen stehen und dachte: du willst doch sehen, ob da nichts weiter vorfällt. Nun dauerte es aber nicht lange, so fuhr drüben ein Wagen vor, Seine Excellenz kamen die Treppen herab, setzten sich ein und fuhren davon. Eine lange Weile nachher wurde drüben an den Fenstern nichts sichtbar, und man bemerkte nur etwas wie einen Schatten im Zimmer auf- und abgehen. Endlich erschien die Baronin zwischen den Vorhängen, sie hatte ein weisses Tuch in der Hand, und ich sah deutlich, wie sie ihre vom heftigen Weinen geröteten Augen an die Scheiben drückte. So blieb sie einen Augenblick stehen, dann zog sie sich in's Zimmer zurück und die geschichte war zu Ende."
"Ist denn der Baron so ausserordentlich eifersüchtig und gibt ihm seine Frau Ursache dazu?" fragte der Assessor.
"Das erste ja, das zweite gewiss nicht," erwiderte der Major. "Sie ist ein armes, kleines, gedrücktes Weib, das bei dem alten Währwolf ein rechtes Sklavenleben führt. Wie hätte die Frau so glücklich sein können, wenn sie in die rechten hände gefallen wäre! Ich kenne in der Tat kein freundlicheres, besseres und reicheres Gemüt. Dass sie schön ist, wisst ihr selbst am Besten zu beurteilen."
"Sehr schön," sagte der Baron nun wirklich gähnend; "Figur, Gesicht, Alles. Es wäre eine vollendete Schönheit, nur will mir das Haar nicht gefallen."
"Das Haar? – Ah! da muss ich bitten," entgegnete eifrig der junge Maler, der hier eine Veranlassung hatte, sich in das Gespräch zu mischen. "Es gibt kein glänzenderes Haar, kein schöneres Blond."
"Baron, geben Sie das zu!" rief Graf Fohrbach lustig. "Und Sie werden das Haar gewiss schön finden, wenn ich Ihnen sage, dass es mit dem Ihrigen einige Ähnlichkeit hat."
Alles lachte, doch Artur sagte sehr ernst: "Der Graf hat recht; es ist da nichts zu lachen; das Haar der Baronin W. hat in der Tat mit dem unseres Freundes hier eine grosse Aehnlichkeit; ja, ich möchte noch weiter gehen und behaupten, dass ich sogar in der Gesichtsbildung der beiden Genannten eine gewisse Harmonie finde."
"Baron, das schmeichelt," meinte der Hausherr. "Und der Teufel soll mich holen, Artur hat nicht ganz Unrecht. Forschen Sie einmal in Ihren Geschlechsregistern nach, am Ende sind die Familien Brand und die der Baronin mit einander verwandt."
Auf das hin flog ein düsterer Schatten über das lachende Gesicht des baron, er presste eine Sekunde lang die Lippen auf einander, worauf aber sogleich wieder seine Züge von dem bekannten süssen und unwiderstehlichen Lächeln erheitert wurden. Er stellte sich breit vor den Spiegel, der über dem Kamine hing, betrachtete sich lange und forschend, sowie mit grosser Selbstzufriedenheit, und sagte endlich mit entschiedenem Tone: "Nein, meine Herren, ihr irrt euch, die Baronin, so schön sie ist, kann keine Ansprüche machen, mir ähnlich zu sehen."
Es sollte das natürlicher Weise nur ein Scherz von dem jungen mann sein, doch alle Anwesenden, da sie mit seinen Schwächen bekannt waren, konnten sich eines schallenden Gelächters nicht erwehren.
"Wir wollen die Sache nicht weiter untersuchen," meinte der Major; "nur so viel ist jetzt gewiss, dass die Baronin eine sehr schöne Frau ist."
"Und der Baron ein schöner Mann," sagte galant der Hausherr. – "Aber," setzte er ungeduldig hinzu, "ich begreife nicht, wo unser Tee bleibt. Es muss doch elf Uhr vorüber sein. – Klingeln wir."
Dabei hob er seinen Arm empor und zog an der über seinem haupt befindlichen Glockenschnur.
Zehntes Kapitel.
Herr von Dankwart.
Fast zu gleicher Zeit öffnete sich die tür und der alte Kammerdiener trat herein, gefolgt von einem Lakaien, der auf einem grossen Präsentirteller das Teeservice hereinbrachte, einen Tisch in die Nähe des Kamins stellte und auf demselben Geschirr und Tassen zu ordnen begann, dazu Butter und Brod, etwas kaltes Geflügel und eine einzige Flasche Champagner. Er war mit diesem Arrangement noch nicht zu Ende, als der Bediente, der das Service gebracht und sich wieder entfernt hatte, abermals in das Zimmer schlich und dem alten mann einige Worte in das Ohr flüsterte.
Dieser richtete sich in die Höhe, dachte einen Augenblick nach, schüttelte leicht mit dem kopf und ging zu dem Grafen hin, dem er meldete: "Herr Baron von Dankwart sind draussen und lassen fragen, ob der Herr Graf zu haus seien."
"Nein," antwortete dieser ganz ruhig, indem er die Achseln zuckte. "Ich bin für den Herrn von Dankwart selbst am Tage nicht zu Haus; er soll mich in der Nacht ungeschoren lassen!"
Der Kammerdiener blickte auf den Bedienten, dieser zog mit einem sehr verlegenen Gesicht die