1854_Hacklnder_152_327.txt

Der Andere betrachtete das Siegel und schien dieses Zaudern nicht zu bemerken. "Er hat sich ein neues ganz gleiches machen lassen," sprach er lächelnd vor sich hin. Dann fuhr er lauter fort: "Es ist fein, aber dick; der Abdruck ist schwierig; du kannst es hinweg schneiden. – Da."

Der Jäger kämpfte einen schweren Kampf; sein Auge blitzte, seine Brust hob sich gewaltsam von tiefen Atemzügen. – "Verzeihen Sie mir, Herr," sagte er nach einer längeren Pause, "das kann ich nicht."

"Was kannst du nicht?"

"Der Brief ist von meinem Herrn," fuhr er mit weicher, bittender stimme fort, "von einem gütigen Herrn. O, es ist schon des Verrats genugaber selbst öffnenmeine Hand zittert."

"Ah, mein Freund," rief der Andere, und wie es schien gewissermassen lustig, aus, "aber deine Hand zittert nicht, wenn sie auf eigene Rechnung die Büchse führt."

Josef senkte sein Haupt und entgegnete: "Wenn ich Ihnen mit meinem Leben nützen kann, Herr, so werde ich nicht einen Augenblick zaudern, es hinzugeben, aberes ist ja Ihre Schuld," fuhr er mit einem trüben Lächeln fort, "warum brachten Sie mich zu einem solchen Herrn?"

"Nun meinetwegen, sei es darum; das soll uns nicht entzweien!" Er stand ruhig von seinem stuhl auf, ehe er aber den Tisch verliess, blickte er den Jäger fest an, und als er das ein paar Sekunden getan, wurden seine energischen Züge weicher; etwas Wehmütiges erschien auf denselben. Dann ging er rasch zur tür, die sich, sowie er die Hand auf die Klinke legte, wie von selbst öffnete; er reichte den Brief hinaus und sagte: "Das Siegel behutsam ablösen!"

Unsichtbare hände schienen ihn in Empfang zu nehmen, den Befehl augenblicklich zu vollziehen und ihm das geöffnete Schreiben zwischen den Vorhängen der tür wieder zu überreichen.

Er trat an den Tisch zurück und überflog den Brief. In demselben stand: "Verzeihe mir, Eugenie" – ah! das S i e wäre glücklich übersprungen, murmelte er, – "dass ich durch dieses Schreiben mit einer Bitte belästige. Heute Abend wird bei Ihrer Hoheit der Frau Herzogin die Zusammenkunft stattfinden, wo man über die Kostüme zu dem bevorstehenden Maskenball beratet. Wenn es dir möglich ist, die Farbe des deinigen so zu wünschen, dass du ein weisses Band darauf anbringen kannst, so wird mich das unendlich glücklich machen. Morgen will ich dir sagen, wesshalb ich diese sonderbare Bitte stelle." – Teufel! dachte der Leser, er geht gerade darauf los. Da wird der Herzog einen schweren Stand haben. – Nun, ich wünsche es dem Grafen, wenn er baldigst die Braut heimführt; es ist das eine noble Seele, sie nicht minderes ist ein Paar, das Gott in der allerbesten Laune just für einander geschaffen zu haben scheint. – Er faltete den Brief zusammen; die unsichtbare Hand hinter dem Vorhang musste ihn schliessen, und dann gab er ihn dem Jäger zurück, wobei er sagte: "Ich danke dir, Josef, für deinen Eifer, obgleich der Brief nichts Wichtiges entält. – Apropos! Du hast von deiner Frau nichts mehr gehört?"

Einen Augenblick blieb der Jäger die Antwort schuldig, dann sprach er: "Doch, Herr, sie ist mir gefolgt, sie hat mich gefunden."

"Ah! das ist schlimm! Da werde ich helfen müssen; sie wird dich verraten."

"O nein, Herr!" rief der Andere eifrig. "Glauben Sie mir, sie ist überglücklich, mich wieder gefunden zu haben."

"Und du?"

"Weiss Gott, ich nicht minder, Herr! Sie hat mir die ganze unglückselige geschichte erzählt; sie ist unschuldigder Andere aber nicht; er hat sein Schicksal verdient."

"Und wo ist sie? Nehm' dich in Acht: Franz Karner ist nicht verheiratet."

"Aber er wird es sein, sobald Sie wollen, Herr," sagte Josef mit leiser stimme, indem er seine hände wie bittend zusammenfaltete. "Lassen Sie mir dieses Glück; ich liebe das arme Weib mehr als je."

"Seltsame Menschen!" erwiderte der Andere; doch schaute er nicht ohne Teilnahme in die glänzenden Augen des Jägers. – "Nun ja, du sollst die Papiere haben, aber ein reger Eifer für mich sei mein Lohn. Du hast mich verstanden? Ich wünsche dich öfter zu sehen als bisher."

"O tausend, tausend herzlichen Dank für Ihre Güte!" rief Josef freudig. "Und wenn das Andere sein muss, so will ich mich bestreben, pünktlich zu sein." – Das sagte er mit einem Seufzer.

"Es wird dir schwer; du hast dich schon sehr in die Ehrlichkeit hinein gelebt, Josef. Nun, ich habe heute meine gute Laune; wie wäre es, wenn ich dich von jetzt ab ganz frei liesse?"

"O mein Gott! Das würden Sie tun?"

"natürlich würden wir uns in dem Falle niemals wieder sehen."

"Niemals, Herr?"

"Oder nur dann, wenn es dir wieder 'mal schlecht ginge. In dem Falle würde ich dir erlauben, mich nochmals hier aufzusuchen."