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zu Haus treiben."

Der junge Hammer war in diesem Augenblicke schlau genug, diese Frage des Teaterdieners eifrig zu verneinen. Er dachte sich: da ist vielleicht etwas vorgefallen; sage ich aber, dass mich die Marie interessirt, so schweigt der vorsichtige Kerl, der Schwindelmann. "eigentlich geht's mich nichts an," versetzte er desshalb, "und ich habe nur gefragt, weil man der Marie durchaus nichts Schlimmes nachsagen konnte, auch nicht das Geringste; das musst du zugeben, Schwindelmann."

"Ich habe das bis jetzt nicht nur immer zugegeben," erwiderte der Teaterdiener, "sondern auch eifrig verfochten."

Diese Worte: b i s j e t z t – drangen wie ein Dolchstich in die Brust des jungen Zimmermanns; er zitterte heftig, ja, es wurde ihm schwarz vor den Augen. Mühsam Atem holend sagte er: "Bis jetzt, Schwindelmannwas soll das heissen: bis jetzt?"

"Ich weiss nicht," erwiderte dieser trotzig.

"Ist das auch recht," meinte mühsam lachend Richard; "ein alter Freund wie du macht einen da neugierig und will dann 's Maul halten? – Pfui, Schwindelmann! Das tun nur die alten Weiber. – Also, was wolltest du sagen mit dem bis jetzt? Ich verstehe es nicht."

"Nun denn, bis gestern, wenn dir das deutlicher ist," sprach erbost Schwindelmann, und nachdem er einen Augenblick hinauf geschaut in die schönen Züge der Tänzerin, fuhr er fort: "Sieht das Mädel unschuldig aus!"

"Ah! – Bis gestern, Schwindelmann!"

"Nichts, nichts! Es ist unrecht von mir, dass ich hier ein solches Gewäsch halte. Was geht's mich, was geht's dich an?"

Dem Zimmermann war es kaum möglich, den Atem in seine Brust zu ziehen. Er fuhr mit der rechten Hand an die Stirne, und in seiner heftigen Art überlegte er, ob es nicht vielleicht besser sei, seinen alten Freund Schwindelmann am Halse zu nehmen und ihn so lange zu schütteln, bis er ihm sage, was er wisse. – Wer weiss auch was geschehen wäre, wenn nicht in diesem Augenblicke die stimme des ersten Maschinisten herabgerufen hätte: "Aufgepasst da unten und angefasst! Und so wie ich wieder rufedas Seil fest umgeschlungen!"

Droben flammten zugleich die bengalischen Feuer in roter Glut und warfen einen glänzenden Schein auch unter das Podium. Durch alle die Fugen und Dielen der Versenkungen strahlte es hindurch und es sah hier unten aus, als brenne oben das ganze Teater. Dabei erklangen Flöten und Harfen, und eine sanfte Musik begleitete das Aufschweben der Beschützerin der wahren Liebe. – "Ah!" machte das Publikum, und man hörte das wie ein entferntes Sausen und Rauschen.

"Aufgepasst!" tönte es jetzt durch das Sprachrohr herab, und Richard schlang mit zitternden Händen das Tau um den eisernen Träger und hielt es fest. Doch war seine Seele nicht dabei, ja sie schwebte nicht einmal mit der Fee Amorosa in die Höhe, sondern all' sein Denken, all' seine Fassungskraft konzentrirte sich auf Schwindelmann, der ruhig eine Prise genommen hatte und nun erzählte, wie er gestern in die wohnung der Mamsell Marie gegangen, um die heutige Vorstellung anzusagen, wie er schon vor dem Zimmer geglaubt, er höre flüstern, wie er dann aber wieder gemeint, er habe sich geirrt, und darauf leise angeklopft habe. – Keine Antwort!

"Keine Antwort!" wiederholte Richard, dem der Schweiss von der Stirne herabfloss.

"Darauf öffnete ich die tür undaber gib auf dein Tau achtung, Richard," unterbrach sich Schwindelmann, "der eiserne Haken ist glatt; es könnte abrutschen, wenn du dich so stark zu mir herumdrehst."

"Duöffnetestalsodie türund," – sagte Richard.

"Nun ja, da sah ich die Bescheerung; die Marie war allein, das heisst ohne ihre Tante, und ein Herr war bei ihr, sehr wohl gekleidet, der hielt sie fest in den Armen."

"O nein, Schwindelmann, das tat er nicht!" schrie entsetzt der junge Zimmermann.

"Er tat's, Richard; würde ich es sonst sagen? – Aber natürlich nur einen Augenblick, denn als ich so unberufen in's Zimmer trat, sprangen Beide vom Sopha auf."

"Vom Sopha auf!" schrie Richard wie wahnsinnig in höchster Aufregung. "Aufvom Sopha, Schwindelmann? ahverflucht!"

Bei diesen Worten hatte er seinen Oberkörper heftig nach dem Teaterdiener herum geworfen, um von dessen Lippen nochmals die Bestätigung zu hören. Doch war dieser wie von einer Feder in die Höhe geschnellt, streckte die hände weit von sich und stiess einen grässlichen Schrei aus.

Diesem folgte droben ein anderer, furchtbar und schmerzensvoll. Dumpf tönte dazwischen die stimme des ersten Maschinisten durch das Sprachrohr hinab: "Richard! Richard!" Die Musik brach ab, das Geschrei auf der Bühne pflanzte sich im Publikum fort, dort kreischten hundert Stimmen laut auf. Oben auf der Bühne krachte es zusammen, als breche das Podium ein; eine schwere Masse polterte zu den Füssen des jungen Zimmermanns, eine Masse von Brettern und Balken, und dazwischender Körper eines armen, jungen Mädchens, das noch eine Sekunde früher droben in Schönheit