nahm Schwindelmann das Wort, "das gibt eine Pracht. Die Offiziers-Uniformen strotzen von goldenen und silbernen Tressen. Das ist doch überladen."
"Nein, es ist nicht überladen," sagte Schellinger in bestimmtem Tone. "Jetzt macht man freilich keinen Aufwand mehr mit so etwas; aber als ich noch Regimentsschneider in Berlin war unter dem alten Fritz, da hättet ihr andere Dinge sehen können. Ist doch eines Tages der Tambour-Major von den Grenadieren desertirt, der hatte für zwanzigtausend Taler silberne Tressen an sich!"
"Schellinger! Schellinger!" sagte ernst Herr Hammer, "dass Ihr Euch das Lügen nicht abgewöhnen könnt. – Die Tambour-Majors sind allerdings sehr reich angezogen, aber sie zeichnen sich hauptsächlich durch ihre Grösse aus; da war keiner, welcher nicht seine acht Fuss mass."
"O Herr Hammer!" erwiderte der Garderobe-Gehilfe; "so gross habe ich noch keinen gesehen!"
"Nicht einmal unter dem alten Fritz!" lachte Richard.
"Na, lass nur gut sein," fuhr Herr Hammer fort, indem er eine Prise nahm, "wenn wir uns mit dem Schellinger abgeben, so werden wir in alle Ewigkeit nicht fertig. Und heute gilt's Aufpassen. Der erste Akt tut sich noch, aber in den andern kommt eine Verwandlung über die andere. Ist die Flugmaschine zum Schluss recht in Ordnung, Richard?"
"Das will ich meinen," entgegnete dieser schmunzelnd. "Die habe ich heute Nachmittag ein paar Stunden lang probirt; das geht wie geschmiert."
"Und wer nimmt das grosse Tau in die Hand, welches die oberste geschichte hält? Daran ist viel gelegen; denn wenn man das einen Zoll fahren liesse, so schlägt uns die ganze geschichte zusammen; und dann gute Nacht, wer darauf steht."
"Seid unbesorgt," erwiderte der junge Zimmermann, "das nehm' ich selbst in die Hand, und wenn ich es einmal gepackt habe, da könnt ihr meinetwegen das ganze Ballet darauf stellen."
"Die armen Tänzerinnen müssen doch rechten Mut haben," sagte Herr Wander; "es ist kein Spass, an so ein paar elenden Drähten zu hängen oder an einem einzigen Tau, und da hinab zu sehen ein paar Stockwerke tief unter das Podium."
"Die Gewohnheit tut's," versetzte der erste Maschinist.
"Ja, die Gewohnheit tut viel," meinte Herr Schellinger; "ich weiss das von der Zeit her, wo ich noch öfters auf die Gemsenjagd ging. Da sind wir Tage lang an Felsen herumgeklettert, die so scharfkantig waren, dass sie einem die Schuhsohlen durchschnitten, rechts ein Abgrund von tausend Fuss und links einer von zweitausend!"
"Dann konntet Ihr ja gar nicht mehr gehen, Schellinger!"
"O doch! diese Schnitte waren gerade unser Glück, denn sie hielten uns an dem Felsen fest. Habt Ihr nie gehört, dass sich die Gemsjäger in die Füsse schneiden, wenn sie nicht mehr vorwärts können, und dass das Blut dann am Felsen festklebt und sie hält? Das war auch unser Glück."
"Ja–a, ja–a, Schellinger," sprach Herr Hammer ruhig, indem er aufstand, "Ihr habt in Eurem Leben gewiss manchen Bock geschossen. – Aber geht an eure Plätze, sie sind draussen an der letzten Scene; wir werden gleich Aktus haben."
Beim zweiten und dritten Akt war der Platz hinter der achten Coulisse von Niemand besucht; es war, wie der erste Maschinist vorhin gesagt, draussen eine Verwandlung um die andere, viel Donner und Blitz, Wasserfälle, die beständig gedreht werden mussten, und wogende Meere, wo Alles, was disponibel war, unter der grossen, gleich wasser gemalten Leinwand sass, und wie Frösche auf- und abhüpfte, um die wogende See schön und täuschend darzustellen.
Terese hatte oft nach Schwindelmann gesehen, aber sie wusste nicht, ging er ihr aus dem Wege oder war es Zufall, dass er, so oft sie ihn traf, bei den Zimmerleuten stand, oder so beschäftigt war, dass sie ihn nichts fragen konnte.
"Marie sass trotz dem Vorgefallenen in unerklärlicher Angst in der Garderobe und scheute sich, Richard unter die Augen zu treten, sie wusste selbst nicht, warum. Nur einmal am heutigen Abend hatte sie ihm gezwungen zugelächelt, und das war nach dem ersten Akt, als er ihr mit einem herzlichen Händedruck von der Flugmaschine herunter geholfen und dabei gesagt hatte: aber Marie, heute Abend hast du prächtig ausgesehen; wenn wir einmal verheiratet sind, so musst du mir zu Liebe das Haar auch einmal so machen. Für die Granatblüten will ich schon sorgen!"
Der letzte Akt kam; die ersten Scenen spielten in einer kurzen Dekoration, um hinten Platz für das grosse Flugwerk zu gewinnen; die Ratten wurden dort eben aufgestellt und streckten krampfhaft ihre kleinen dünnen Beine heraus, um ihre Engelsfiguren recht graziös zu machen; die Tänzerinnen standen in den Coulissen; hier plauderten ein paar zusammen, dort wurde noch eine Schleife aufgesteckt, und im Hintergrunde probirte der dürre erste Tänzer mit einigen ein paar Battements.
Auch das Podium war geöffnet, um die grosse Flugmaschine hinauf zu lassen und wir ersuchen den geneigten Leser, einen blick dort hinab zu werfen. Es ist dies ein spärlich erhellter Raum unter der Bühne, voller Schnüre, Seile, Leitern, Treppen, Coulissenfüssen, Verfenkungs-Apparaten