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und geht mir aus dem Wege. denke dir, Terese, wie schrecklich! Das werden die Anderen merken; sie werden die Köpfe zusammenstecken und über mich lachen; Richard wird's erfahren – o du mein Gott! Und er hat mir tausendmal gesagt: weisst du, Marie, so lange du unbescholten dastehst und kein ehrlicher Mann dir was nachsagen kann, bist du mein und ich dein mit Leib und Seele; aber nimm du dich doppelt in Acht."

"Du hättest ihm von der geschichte sagen sollen," meinte Terese; "das ist eigentlich schlimm."

"Nicht wahr, o wie oft wollte ich es tun, aber ich fürchtete mich vor meiner Tante und vor Richard. Hilf mir, liebe Terese, rate mir!"

"Das will ich gerne tun, doch vor allen Dingen muss ich mir den Schwindelmann vornehmen. Aber ich kenne ihn wohl: wenn er gegen Eine was Besonderes hat, so lässt er sich den ganzen Abend nicht sehen. Doch wenn wir fertig sind, entgeht er mir nicht; ich lasse mich zuletzt nach Haus fahren und da will ich ihm schon Vernunft predigen."

Unterdessen war Clara wieder in das Zimmer getreten, sie wollte Marie ermahnen, dass es Zeit sei, sich anzuziehen, auch dachte sie wohl, die Unterredung könnte zu Ende sein. Terese hatte gerade die Frisur beendigt, befestigte rechts und links in dem dunkeln Haar eine brennend rote Granatblüte und sagte: "So, nun zieh dein Kleid an, dann bist du fertig."

"Das ist sehr schön geworden," meinte Clara, die nun näher trat. – "Ich habe dich vorhin nur flüchtig gesehen," wandte sie sich an Terese; "darf ich gratuliren? du wirst ja nächstens heiraten?"

"So ist es, mein Kind," entgegnete das schöne Mädchen; "nur weiss ich nicht, ob das gerade eine Gratulation verdient. Vielleicht komme ich aus dem Regen in die Traufe."

"Du machst aber eine gute Partie, was mich herzlich freut. Herr Berger ist wohlhabend und hat ein schönes Geschäft."

Eine blasse Tänzerin, die auch hinzugetreten war, warf etwas spöttisch dazwischen: "Herr Berger gilt für einen bedeutenden Mann, er ist sogar Armenpfleger."

Terese wandte sich bei diesen Worten rasch herum, betrachtete die Kollegin von oben bis unten und antwortete: "Ja, er ist auch Armenpfleger; das kann dir vielleicht später noch einmal zu gut kommen, mein Schatz."

"Gewiss, ich gratulire herzlich," wiederholte Clara begütigend; "das ist schnell gekommen."

"Schnell und langsam, wie man will," erwiderte Terese, indem sie ihre rechte Fussspitze weit ausstreckte und damit allerlei Figuren auf dem Boden beschrieb. "Er macht mir schon seit mehreren Jahren die Cour und liess nicht von mir ab, obgleich ich ihm offenherzig erklärte, ich habe andere Verbindungen und keine Lust, diese sogleich fallen zu lassen; er wollte mich trotz allem Dem schon früher heiraten, aber ich mochte nicht."

"So denken gewiss Wenige," sagte Clara einigermassen zerstreut.

"O gewiss, sehr, sehr Wenige," meinte seufzend Marie.

"Ich habe ihm immer davon abgeraten, mich zu heiraten," fuhr leichtsinnig die andere Tänzerin fort; "er ist um Vieles älter als ich, ich habe meine Launen und ich glaube nicht, dass er wohl daran tut, mich zur Frau zu nehmen."

"Aber warum hast du jetzt deinen Entschluss geändert?" fragte Clara.

"Das will ich dir sagen, mein Schatz. Ich habe mich lange genug und oft den Launen Anderer gefügt, und mich namentlich hier in diesem haus kommandiren und hudeln lassenein wahres Sklavenleben geführt. Jetzt will ich 'mal befehlen und will sehen, wie es schmeckt, wenn man mir gehorchen muss; ich will das Regiment im haus führen; wenn ich sage: Augen rechts, so soll er rechts sehen, wenn ich sage: Augen links, so soll er nach links schauen und nicht zucken, bis ich ihm wieder erlaube, geradeaus zu blikken; das muss recht angenehm sein, und darauf freue ich mich, das ist Alles, und desshalb will ich mich denn gnädigst herablassen, den Herrn Berger zu meinem Leibsklaven zu ernennen."

"Und die hält Wort," flüsterte die Hofdame von vorhin hinter ihrem Fächer Clara zu.

Marie war unterdessen vollständig angezogen, und als die bewusste Klingel ertönte, schritt Terese stolz zur Garderobe hinaus, gefolgt von ihren bescheidenen Kolleginnen.

Die Ouverture sollte anfangen und die Tänzerin ging über die halb dunkle Bühne nach dem Hintergrunde, wo in der ersten Scene in der Oper ihr Platz war. Doch blickte sie scharf nach allen Seiten, um Schwindelmann zu sehen. Aber Schwindelmann liess sich nicht erblicken; er stand wahrscheinlich am grossen Portal-Vorhang.

Nachdem die Ouverture und die erste Scene glücklich vorüber war, wobei der Himmel in unbeschreiblicher klarheit gestrahlt, wobei die Gruppe von den Tänzerinnen sehr schön ausgeführt worden war, wobei aber leider die himmelblaue Brillantbeleuchtung dem Teint der Seligen einigermassen Schaden tat und sie sämmtlich sehr bleichsüchtig aussehen liess, wechselte unter majestätischem Donner, der übrigens etwas zu lange andauerte, die Dekoration. Da diese nun den ganzen Akt durch stehen blieb, so wurde es bald wieder hinter der achten Coulisse lebendig, und die Beteiligten des Lever, welches Herr Hammer dort zu halten pflegte, schlichen