Seite stemmte und mehrmals mit dem kopf nickte. "Ist endlich da was vorgefallen? Nun ja, es wundert mich nicht."
Die Angeredete blickte scheu um sich, und als sie bemerkte, dass Clara fort gegangen war, sprang sie hastig in die Höhe, ergriff die Hand der andern Tänzerin und sagte: "Terese, ich bin verloren!"
"Nun, so schlimm wird's gerade noch nicht sein," entgegnete diese. "Fasse dich nur um Gotteswillen, höre auf zu weinen! da drüben die Garderobière und der naseweise Fritz haben schon aus der Ecke herübergeschielt. Muss denn alle Welt wissen, dass dir ein Unglück passirt ist? Setz' dich ruhig hin und lasse dir dein Haar aufstecken; während dem kannst du mir erzählen, was du auf dem Herzen hast. Aber ohne Vorreden, bitte ich; ich kann mir ja doch denken, um was es sich handelt."
"Ja, du weisst es," erwiderte Marie, nachdem sie sich auf ihren Stuhl wieder niedergelassen, "die grässliche geschichte, von der ich dir schon gesprochen."
"Halte deinen Kopf still und dann lass mich hören."
"Meine Tante sprach mir also mehrmal und immer dringender von ihm."
"Von dem Heuchler auf der zweiten Gallerie?"
"Natürlicherweise wollte ich sie nicht verstehen, bis sie endlich zornig wurde und sich ganz deutlich erklärte. Ich sollte verkauft werden oder war es schon; wie flehte ich sie an, mich in Frieden zu lassen, wie stellte ich ihr das Unglück vor, das über mich hereinbrechen würde! – Sie lachte mich aus, als ich ihr von Richard und von meiner Liebe zu ihm sprach. Das wären Kindereien, sagte sie, und ich solle mir nicht einbilden, dass sie mich als hilfloses Kind aufgenommen, dass sie mich erzogen und gebildet habe, um am Ende die Frau eines Zimmermanns zu werden. Das sei schwarzer Undank, und wenn ich so dumm sei, mich zu meinem Glücke zwingen zu lassen, so wolle sie das gern tun; sie müsse ernten, wo sie gesät. Ein paar Mal kam er auch, versteht sich verstohlen in der Dämmerung, er brachte bald Dies, bald Das, er sagte mir alle möglichen Artigkeiten, und ich musste ruhig sitzen und Das mit anhören. Meine Tante ging ab und zu, blieb auch eine Zeit lang absichtlich fort, doch merkte er alsdann so gut meinen Abscheu gegen ihn, dass er es nicht wagte, mir nahe zu kommen, ja, er empfahl sich meistens bald und ging fort. – Am Weihnachtsabend wollte er mir bescheeren, doch setzte ich es durch, dass er nicht kommen durfte; Handschuhe aber, die er geschickt, musste ich annehmen."
"Weiter! weiter!" sagte Terese. "Erzähle kürzer. Du lieber Himmel! Diese Einzelheiten kennen wir ja."
"Gestern Nachmittag," fuhr Marie mit leiser stimme fort, "ging meine Tante aus, wie sie es oft zu machen pflegt; ich war ganz allein in der stube, fast allein in dem grossen Gebäude, denn du weisst, dass da bloss Leute wohnen, die bei Tage ihren Geschäften nachgehen und nur Abends nach haus kommen. – Da kam er. – O mein Gott! Terese." Von Neuem begrub sie ihr Gesicht in den Händen und weinte so heftig, dass die andere Tänzerin achselzuckend die schwere Flechte losliess, welche sie ihr eben um das Haupt schlingen wollte.
"Nun ja," sagte diese hierauf, "er kam, er war zudringlich, du wehrtest dich?"
"Gewiss, gewiss, lange – lange."
"Und –?"
"Und –? O ich hatte Kraft wie ein Mann, ich machte mich los, so oft er mich an sich riss. – Aber –"
"Riefst du um Hilfe?"
"Was konnte es mich nützen? Ich dachte, es könne mich Niemand hören. – – Endlich aber kam doch Hilfe, aber die Hilfe wird mich in's Verderben bringen."
"Richard kam?" rief Terese erschrocken.
"Nein – Schwindelmann. Er wollte die Vorstellung für heute anfagen."
"Und da warst du gerettet. – Nicht!"
"Ich weiss es nicht," sagte das arme Mädchen, indem sie den Kopf abermals tief auf die Brust herabsinken liess. – "Verloren bin ich so wie so. Freilich liess er augenblicklich von mir, als Schwindelmann eintrat, und empfahl sich mit abgewandtem Gesicht; er wollte nicht erkannt sein."
"Der Schuft!"
"Schwindelmann aber blieb ganz entsetzt an der tür stehen, stotterte seinen Auftrag her und sagte dann mit betrübter stimme: O Mamsell Marie, das hätte ich nimmer geglaubt!"
"Weiss er vielleicht um dein verhältnis zu Richard?" fragte eifrig Terese.
"O nein, gewiss nicht; aber – verzeih mir, Terese, dass ich das sage, – du weisst, Schwindelmann hat mich immer ausgezeichnet, Clara und mich, weil – weil – aber du nimmst es nicht übel, Terese, weil wir Beide brav wären und keine Verhältnisse hätten. Uns müsse es gut gehen, meinte er."
"Nun ja, da musst du ihn über die geschichte aufklären, und das bald."
"Er sieht mich gar nicht mehr an," erwiderte das weinende Mädchen; "er zuckt die Achseln