ja, wir trafen uns zufällig im Laden; ich kaufte Einiges für meine Frau, und er, glaube ich, sprach von Handschuhen, die er gekauft für –"
"Für wen?" rief heftig die junge Frau.
"Nun, für dich," entgegnete ruhig der Doktor; "so sagte er wenigstens."
"Ah! für mich!" lachte Marianne krampfhaft hinaus. "Der Verräter! – Er kam also an jenem Abend nach Haus, die Taschen voll; ich liess ihn natürlicher Weise auf seinem Zimmer machen, was er wollte, als ich aber zufällig an der tür vorbei ging, siegelte er ein Packetchen, welches in dieses Papier gepackt war. – Handschuhe für die Tänzerin fräulein Marie U. – Oh! das ist himmelschreiend! – Für eine Tänzerin!"
"Nun, ob es eine Tänzerin war oder sonst Jemand," meinte begütigend der Doktor, "das ist am Ende gleichviel; das Faktum ist es, woran wir uns halten wollen."
"Und ich werde mich daran halten!" rief Marianne empört. "Jetzt gleich gehe ich zur Mama und sage ihr die ganze saubere geschichte."
"Das wäre sehr unklug von dir," sprach Artur. "Ueberhaupt was willst du?"
"Einen Heuchler entlarven."
"Zugestanden; aber das gelingt dir nicht durch Uebereilung; da musst du der Sache genau auf den Grund gehen."
"Aber wie kann ich das, eine arme, wehrlose Frau?"
"Du nicht, aber wir; ich werde mich deiner Sache annehmen und schon dahinter kommen."
"Ah! so eine Tänzerin!"
"Ach! lass die armen Tänzerinnen aus dem Spiel," entgegnete Artur mit ernster stimme; "wer weiss, ob das Mädchen den Herrn Alfons bis jetzt kennt und ob er überhaupt nicht vergebliche Versuche gemacht hat."
"Vergebliche Versuche bei einer Tänzerin!"
"Nicht wahr, du wärest beruhigter, wenn er die Handschuhe irgend einem hübschen Mädchen deiner Bekanntschaft geschickt hätte."
"Beruhigter nicht, aber es wäre doch nicht so sehr gegen allen Anstand."
"O weh!" seufzte der Doktor in sich hinein.
"Da könnte man freilich mit dem vornehmen Titel des Vaters die geschichte zudecken," meinte Artur trocken. "Wir kennen das. O Welt! o Welt!"
"Sei ruhig, Schwester!" sagte der Doktor; "nur keinen weiteren Skandal! Wir haben vorderhand genug in unserer Familie; lass uns Beide die Sache überlegen und im Notfalle für dich handeln. Aber ein Dienst ist des andern wert; nicht wahr, du tust mir die Liebe und gehst zu meinen armen Kindern? Sie sind so verlassen bei meinen frechen Dienstboten."
"Mit tausend Freuden!" rief eifrig die junge Frau und zog ihren Shawl fest um die Schultern; "ich war auf dem Wege dahin, und jetzt könnte mir nichts Erwünschteres kommen; – ich bleibe vorderhand in deinem haus," setzte sie nach einer Pause im Tone grosser Entschlossenheit hinzu, "bei dir und deinen Kindern. Du kannst mir ein Zimmer geben; ich richte mich dort häuslich ein."
"Aber dein eigenes Hauswesen!" meinte der Doktor.
"Oh!" versetzte Marianne mit neu ausbrechenden Tränen: "Ich habe ja keine Kinder, die nach mir weinen."
"Und Alfons?" sagte Artur.
"Er wird das freilich im höchsten Grade unanständig finden," rief Marianne heftig, "aber er soll mir kommen! ich will ihm schon sagen, was anständig und unanständig ist."
Damit war die Unterredung beendigt und alle drei verliessen das Zimmer. – Marianne stieg die Haupttreppe hinab; sie hatte alle Tränenspuren von ihrem gesicht vertilgt und ging aufrechten Hauptes wie nie vorher.
"Du," sprach der Doktor zu seinem Bruder, als sie ihren Wagen wieder erreicht hatten, "da oben wird es changements des decorations geben. Es beginnt da ein lustiges Trauerspiel."
"Vielleicht kann's auch ein trauriges Lustspiel werden," meinte Artur nachdenkend.
Und damit fuhren Beide nach der Valkengasse, um dort das Kind abzuliefern.
Sechsundsechzigstes Kapitel.
Unter dem Podium.
Wenn bei einer Teatervorstellung das Ballet nicht selbstständig wirkt, sondern nur durch Tänze und Gruppirungen eine grosse Oper ausschmücken hilft, so geht es in den Garderoben viel ruhiger her, auch hat in diesem Falle der Teaterwagen und Schwindelmann nicht so viel zu tun als sonst. Die meisten Tänzerinnen, die vielleicht erst im dritten oder vierten Akt kommen, gehen zu Fuss nach dem Teater und tragen gewöhnlich selbst ihr Päckchen Wäsche, das heute, wo sie keine idealen Figuren darzustellen, sondern im Schleppkleide eine Menuette zu tanzen haben, nicht besonders gross ist. Andere, die einen complicirteren Anzug haben, vielleicht am Schlusse, wenn es gerade eine Zauberoper ist, irgend etwas Feenhaftes hoch in den Wolken darstellen müssen, kommen freilich schon früher, aber da ihrer wenige sind, so bringen sie kein rechtes Leben in die weitläufigen Balletgarderobe-Zimmer.
Hier brennt denn auch nur spärliches Licht vor diesem oder jenem Tischchen; die Ankleiderinnen, die mit dem Wenigen bald fertig sind, fühlen sich gelangweilt und legen ihre hände in den Schooss. Monsieur Fritz, der Friseur, lehnt gähnend an einem Spiegel und erzählt schreckliche Mord- oder Gespenstergeschichten, von denen er ein besonderer Freund ist.
Heute Abend wirkt das Ballet nur auf die eben angedeutete