geschrieben?"
"Ich glaube nicht. Und wenn auch, höchstens eine unschuldige Adresse."
Nach diesen Worten stiegen die Beiden die Treppen vollends hinab.
Artur hatte das Gesicht der Jüngeren genau beobachten können; er musste das schon irgendwo gesehen haben, und wenn ihm recht war, im haus in der Balkengasse.
"So komm' doch!" rief jetzt der Doktor beinahe ungeduldig; er hatte schon die Glastüre geöffnet; Artur folgte ihm.
Sie traten in das Zimmer der Schwester und fanden Marianne am Fenster stehend; sie war vollständig angekleidet, in Hut und Shawl, zum Ausgehen fertig. Doch wandte sie den Kopf nicht herum, als die Brüder eintraten, ja nicht einmal, als Artur sagte: "Wir sind es, Marianne."
Der Doktor trat zu ihr an's Fenster, fasste ihre herabhängende linke Hand und fragte: "Was hast du Schwester? Beim Himmel! du weinst ja. Geht dir denn mein Unglück so zu Herzen?"
"Gewiss, gewiss, Eduard!" rief die junge Frau, indem sie sich rasch umwandte, und, auf die Gefahr hin, ihren feinen Sammetut zu zerdrücken, den Kopf heftig auf die Schultern des Bruders legte. "Gewiss, gewiss, wir sind recht unglücklich."
Artur trat kopfschüttelnd näher, ihm war das unbegreiflich; er war noch vor einer Stunde bei Marianne gewesen und da hatte sie ganz ruhig und gefasst über Eduard mit ihm gesprochen; ja, sie hatte sogar gemeint, es sei doch am Ende ein rechtes Glück, dass diese ewigen Quälereien einmal aufhörten. Woher denn jetzt auf einmal diese Tränen? – "Marianne," sagte er nach einer längeren Pause, während welcher sie heftig weinte, "ich begreife dich in der Tat nicht. Sei offenherzig gegen uns; dir ist sonst etwas Unangenehmes begegnet. Gewiss, du bist ja ganz ausser dir; sei ruhig, setze dich nieder und teile uns mit, was dich quält. Du lieber Gott, wir sind ja von der natur angewiesen, uns gegenseitig zu vertrauen und zu trösten."
"Ja, ja," sprach seufzend der Doktor. Dann machte er die hände der Schwester sanft von seinem Halse los und führte sie zu dem Sopha, wo sie sich niederliess und ihr Taschentuch vor das Gesicht drückte. Dabei entfiel ihrer Hand ein weisses Papier, welches auf den Boden niederflatterte. Artur blickte darauf hin, und unwillkürlich kam ihm das Gespräch in den Sinn, welches die beiden Weiber auf der Treppe zusammen geführt. Er bückte sich, um das Papier aufzuheben, doch als er sah, dass Marianne ebenfalls die Hand darnach ausstreckte, zog er sich discret zurück.
"Nehm' es nur," sagte hierauf die junge Frau; "ich will gewiss vor euch keine Geheimnisse haben. Sieh die Aufschrift und betrachte sie genau; auch du, Eduard. – Wer hat das geschrieben?"
über Artur's Züge flog ein eigentümliches Lächeln, als er das Papier einen Augenblick betrachtet und die Adresse gelesen hatte; doch reichte er es stillschweigend seinem Bruder, der augenblicklich ausrief: "Ah! das hat Alfons geschrieben; das ist die schöne, feste und sehr leserliche Schrift deines Mannes."
"Sie ist es," rief Marianne empört. "Lies laut, was er schreibt."
"fräulein Marie U. Adresse Frau witwe Becker, am Kanal Nro. 20 hier," las Eduard mit grosser Gewissenhaftigkeit laut und deutlich.
"Und wisst ihr auch, wer das ist: fräulein Marie U.?"
"Nein," sagte der Doktor; wogegen Artur stillschwieg.
"O, man soll mich nicht betrügen; hier ist das neue Adressbuch; ich habe den Namen sogleich nachgeschlagen – seht ihr, da steht's. U. – Schreiner U. – Kaufmann U. – Metzger U. – Marie U., Ballettänzerin. – Eine Tänzerin! Schändlich! schändlich! eine Tänzerin!"
Der Doktor schielte aus seinen Augenwinkeln bedeutsam nach Artur hin, zuckte alsdann mit den Achseln und dachte: so ein Adressbuch ist doch eigentlich eine gefährliche Erfindung. Dann sagte er: "Nun ja, aber was soll das bedeuten?"
"Was das bedeuten soll?" rief heftig die junge Frau, – sie war aus dem Stadium der Wehmut in das des Zornes übergegangen, und zerknitterte zitternd ihr Taschentuch in der Hand, – "ich will es euch sagen, ich, eine betrogene, vernachlässigte Frau, ich, die er beständig hofmeisterte, ich, die nichts von ihm hörte, als was der Anstand erheische, was die Schicklichkeit verlange, – ich, die in den lebenden Bildern nicht mitwirken sollte, weil das nicht passend sei, ich, die beständig gehütet wurde, wie ein kleines Kind, ich, die auf dem Balle mit einem Freund unseres Hauses nicht dreimal tanzen durfte, ich! – ich! – ich! von der man seinen Reden nach hätte glauben können, ich trachte darnach, ein freies Leben zu führen, ja, eine leichtsinnige Frau zu sein, – ich – ich" – hier holte sie nach dem gewaltigen Zorneserguss tief Atem und fuhr dann schluchzend fort: – "ja, ich will es euch sagen: am Weihnachtsabend kaufte er Handschuhe." –
"Das ist wahr," bemerkte der Doktor, "ich war dabei."
"Du warst dabei?" fragte Marianne misstrauisch.
"Nun