oder bekümmern sich wenigstens nicht um die armen Kinder."
"Du hast nicht ganz Unrecht," meinte Artur. "Doch will ich dir sagen: wir fahren nach unserem haus und bitten Marianne, dass sie sogleich hieher gehe. Sie hatte sich ohnedies schon entschlossen, das Amt der Hausfrau zu übernehmen, bis deine neuen Leute da sind; vielleicht begegnen wir ihr unterwegs."
"So gehen wir. Doch will ich meine gnädige Frau von Bendel bestens und höflichst ersuchen, auf die Kinder achtung zu geben."
"Ersuche sie bestens, aber nicht höflichst," ermahnte Artur.
Der Doktor ging hinaus und kehrte gleich darauf mit der Kindsfrau zurück. Diese würdige Dame hatte die Nase sehr hoch erhoben und ein sehr moquanter Zug machte sich auf ihrem alten gesicht bemerkbar; die Flügel und Spitzen ihrer Haube waren drohend emporgekehrt, und sie zog einher wie ein finsteres Gewitter, das jeden Augenblick bereit ist, sich mit Donner und Blitz zu entladen. Artur sah sie fest an und lächelte so sanft als möglich, was sie einigermassen aus der Fassung zu bringen schien.
"Sie werden auf meine Kinder achtung geben, bis ich zurück komme," sagte der Doktor, "und werden nicht dulden, dass Köchin oder Stubenmädchen das Haus verlassen." Auch – hier hustete er gelinde, – "wollen Sie dem kleinen kind da seinen Hut aufsetzen und das Tuch umbinden; dort liegt es."
Die Kindsfrau blickte angelegentlich zum Fenster hinaus, ohne dem gegebenen Befehl Folge zu leisten.
"Mir scheint," sagte Artur, in dessen gesicht die Röte des Zorns aufstieg, "Madame Bendel leidet an Schwerhörigkeit. – Haben Sie meinen Bruder verstanden oder nicht?" sprach er darauf mit heftiger stimme und trat dicht vor die Frau hin, die bei dem Tone, den sie nicht gewohnt war zu hören, zusammen schrak. – "Mein Bruder hat Ihnen befohlen, dieses Kind dort anzuziehen," fuhr der junge Mann fort, während er sie fest ansah. "Da wir nun Beide nicht Lust haben, lange zu warten, so leisten Sie diesem Befehle Folge, und das augenblicklich." – Er zeigte mit der Hand gebieterisch auf Hut und Tuch, und die erschreckte Frau nahm Beides und beeilte sich, das Kind fertig zu machen. Darauf nahm es der Maler bei der Hand.
Der Doktor ermahnte seine eigenen Kinder, artig zu sein, küsste sie heftig auf den Mund und stieg mit seinem Bruder kopfschüttelnd und lächelnd die Treppen hinab. Als sie in dem Wagen sassen, sagte er mit seiner sanften stimme: "Höre, Artur, du kannst heiraten, du hast eine gute Art, mit den Weibern umzugehen; ich glaube, du liessest dir von keiner etwas gefallen."
"Nicht einmal von meiner Frau," entgegnete ernst der Bruder. "Das ist das Kapitel, worüber wir schon oft zusammen sprachen, aber leider, leider! immer vergeblich; ohne Festigkeit geht's nun einmal nicht, namentlich bei dem herrschsüchtigen Charakter deiner Frau. Da du nicht im stand warst, deinen Willen durchzusetzen, so hat sie dich zum Sklaven gemacht. – Aber jetzt bist du frei."
"Ach Gott, ja! – leider!" seufzte der Andere.
Artur liess den Wagen durch die enge Gasse nach dem elterlichen haus fahren, und ihn hinten an der tür seiner wohnung halten. Alfons controlirte von seinem Comptoirpulte aus die vordere Haustüre und alle Eintretenden, er wäre ihnen auch augenblicklich in seine wohnung gefolgt; doch wollten beide Brüder ihre Schwester allein finden. Sie liessen das Kind im Wagen, stiegen auf der uns bekannten Wendeltreppe in den zweiten Stock hinauf und kamen dann über einen Corridor vor die Glastüre an der wohnung Mariannens.
Es war eben Besuch da gewesen; zwei Frauenzimmer stiegen die Haupttreppe hinab, und Artur, der ihnen nachblickte, sah, dass sie freundlich zusammen sprachen und kicherten. Es war eine ältere Frau in sehr einfachem Anzuge, sie trug ein graues, wollenes Tuch und eine gewöhnliche Haube mit Lilabändern, etwas Halbtrauer; die andere war jünger und schien die Tochter zu sein; sie trug ein braunes Merinokleid und einen abgeschossenen Hut von schwarzer Seide; auch waren Beide, wie schon gesagt, heiteren Humors, und hatten keine Ahnung davon, dass sie beobachtet würden. Die Alte blieb auf der Ruhebank der Treppe stehen und sprach mit lustiger stimme: "Das da oben ist eine brave, charmante Frau. Gott! wie dumm war ich, dass ich dies Haus nicht schon früher besucht; das müssen wir ausbeuten. denke dir, Emilie, sie hat mir einen Dukaten gegeben, – einen ganzen Dukaten."
"Aber dafür war auch die alte Commerzienrätin drunten desto knauseriger – einen halben Gulden! Pfui Teufel! die sollte sich schämen! Dreissig Kreuzer auf so schöne Empfehlungsbriefe von zwei Pfarrern und dem brillanten Zeugnisse vom verschämten Hausarmen-Verein. – Da hast du die Papiere, steck sie wieder ein!"
"Gib her!" sagte die würdige Mutter; "wo ist denn das Papier, worein ich sie gewickelt hatte? – Ah! ich liess es droben auf dem Tische liegen; es ist nichts daran gelegen."
"Weisst du das auch genau?" fragte die vorsichtigere Tochter; "was war es für ein Papier?"
"Nun, es war das Papier, worin die Becker ihre Handschuhe gewickelt brachte, reines, weisses Papier."
"Nichts darauf