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tiefen Atemzug, legte seine hände auf die Schultern Eduard's und sprach: "Gott sei Dank, die Schale, die mein Herz umgibt, zerspringt, dein Unglück, mein guter Bruder, hat mir den Mut gegeben, mit dir darüber zu sprechen."

"Ist es denn etwas so Schlimmes und Unbegreifliches?"

"Schlimm allerdings vor den Augen unserer Familie, und es wird der Welt auch sehr unbegreiflich erscheinen. Ich liebe ein Mädchen, jung, schön, reizend, wie man sich die Engel vorstellt, und dieses Mädchen will ich heiraten, obgleich sie keiner bekannten Familie angehört, obgleich ihr Vater ein armer Schriftsteller ist, sie selbst eine Tänzerin."

"Also ist die geschichte doch wahr?" erwiderte der Doktor kopfnickend; "ich warf sie weit hinweg, als man mir davon sagte. Alfons zielte schon mehrmals darauf hin."

"Aber jetzt möchte ich dich fragen, lieber Eduard, ist denn das etwas so Schlimmes und Unbegreifliches?"

"verstehe' mich wohl, Artur, ich werde ja mit tausend Freuden das Mädchen, das du dir auserwählt, als Schwägerin begrüssen; weiss ich doch leider am Besten, dass es keine Versicherung für häusliches Glück ist, eine Tochter aus sogenannter untadelhafter, unbescholtener Bürgerfamilie zu heiraten. Habe ich das doch traurig erlebt! – Wenn das Mädchen nur keine Tänzerin wäre!"

"Man wird sich allerdings vor Allem daran stossen; aber mir ist es vollkommen gleichgiltig."

"Dudas gibt fürchterliche Szenen mit Mama; wahrhaftig, Artur, ich fürchte, das wird die alte Frau schwerlich überleben. Hast du dir auch die Sache gründlich überlegt?"

"Wenn ich ein ehrlicher Mensch bleiben will, kann ich nicht mehr zurück."

"denke an unsere Verwandtschaft, an unsere hochnasigen Bekannten in hiesiger Stadt; sie werden deiner Frau ihre tür nicht öffnen."

"Die Hochmütigen und Dummen allerdings nicht; aber was ist an denen gelegen? Man lernt auf solche Art seine Freunde kennen; – ich versichere dich, Eduard, das wäre mir eben interessant. Ich weiss wohl, dass sich manche tür vor uns verschliessen wird, aber das ist mir gerade recht. Leute von wirklich gutem haus, an deren Namen nicht der geringste Makel klebt, – vorausgesetzt, dass sie gescheidt sind und nicht an dünkelhaftem Hochmut leiden, – werden es mich nicht fühlen lassen, dass ich bei der Wahl meiner Gattin nach ihren Begriffen ein paar Stufen zu tief hinab stieg. Aber solches Volk von dunkler, zweifelhafter Herkunft, deren früheres Leben wie ein Sumpf ist, dessen schmutzige Fläche mächtige nachbarliche Schlingpflanzen mitleidig verdecken, – Menschen, die sich durch allerlei Kunstgriffe, durch rastlose Bemühungen selbst empor geschmeichelt, die kein gutes Gewissen haben und die es ungeheuer scheuen, von Herkunft und dergleichen zu reden, ja selbst daran erinnert zu werden, – die allerdings werden mit einer heiligen Scheu vor uns zurückprallen, werden mich aber zum grössten Dank verpflichten, indem sie mir ihr Haus verschliessen, und werden mir das Vergnügen machen, nie ihren unsaubern Fuss über meine reine Schwelle zu setzen."

"Brr!" machte der Doktor; "wenn das Mama's Busenfreundin, die Rätin wasser, hörte. An die dachtest du doch?"

"Allerdings dachte ich an die kleine halbverwachsene, boshafte person, aber solche wasser gibt's noch viele; man könnte ein ganzes Meer daraus machen, einen Ocean der Dummheit und des Hochmutes. – Aber Eduard, kann ich in der Angelegenheit auf dich rechnen?"

"Gern, wenn du mir nur sagst, auf welche Art ich dir dienen kann. Und jetzt mit Mama zu verhandeln, wäre für mich misslich. Aber bei dem allgemeinen Sturme, der notwendig erfolgen muss, will ich treu und fest an deiner Seite stehen."

"Schön! nur ist es mir unmöglich, gegen die Mama das erste Wort auszusprechen, und darin kannst du mir auf Umwegen einen Gefallen tun. Erzähle Alfons die ganze geschichte, als habest du irgendwo gehört, ich hätte ein derartiges verhältnis, ich hätte einer Tänzerin versprochen, sie zu heiraten, mache es so schlimm wie du willst, Alfons wird das Seinige noch dazu tun, und mir ist es dann leichter, die Sache in besserem Licht darzustellen als er."

"Recht gern; das wird mich wenig Mühe kosten. Da aber das vorderhand im Reinen ist, so sage mir, ob du für das arme Kind da in der Tat ein Unterkommen bei guten Leuten weisst."

"Versteht sich," entgegnete Artur, indem ein frohes Lächeln über seine Züge fuhr. "Clara wird sich ein Vergnügen daraus machen, die Kleine bei sich aufzunehmen."

"Clara?"

"Ja, Clara, meine Braut. Und du könntest mir den Gefallen tun, mich und das Kind in deinem Wagen dahin zu begleiten, dann kannst du zu gleicher Zeit die Bekanntschaft des Mädchens machen."

"Das will ich," erwiderte der Doktor. Er erhob sich aus seinem Lehnstuhl, ordnete seine Haare vor dem Spiegel und griff nach seinem Paletot und hut, welche neben dem Fenster auf einem stuhl lagen. – "Da habe ich aber ganz vergessen," sagte er verdriesslich, "dass ich eigentlich gar nicht von hier fort kann; oder glaubst du, ich könne meine beiden Kinder bei den rebellischen Weibsleuten hier im haus allein lassen? Ich fürchte, sie gehen auf und davon