Eduard, ist denn die geschichte wahr? und du sagtest mir gestern nichts davon! Muss ich das heute Morgen von Alfons erfahren, der es beim Frühstück auf seine gewohnte Art mit Mama besprach."
Der Doktor richtete den Kopf in die Höhe, ohne aber sonst seine Stellung zu verändern. – "Ich wollte gerade zu dir hin, Artur," entgegnete er mit weicher stimme, "mein Wagen steht unten schon eingespannt; aber ich geriet hier an meinen alten Freund, und der hielt mich fest durch Träumereien und Erinnerungen." –
"Aber sage," fuhr der Andere dringender fort, "will sie wirklich nicht zurückkehren? Mama hatte ihr doch den Kopf zurecht gesetzt und sie schien ihr Unrecht einzusehen."
"Sie s c h i e n ," erwiderte Eduard traurig lächelnd, "das heisst sie gab der Mutter nach ihrer gewöhnlichen Art keine Antworten, als sie aber euer Haus verlassen, schrieb sie mir, es sei für uns besser, wenn sie auf ihrem Entschluss beharre. Da lies dies merkwürdige Schreiben; ich weiss nicht, ob Herr Alfons auch davon Kenntniss hat."
Der Maler durchflog das ihm dargereichte Papier und warf während des Lesens mehrmals einen blick auf die Kindergruppe. Dann faltete er das Schreiben zusammen, gab es seinem Bruder zurück und versetzte achselzuckend: "Was weiss der nicht? auch darüber sprach er spottend und höhnend. Aber wie hing denn die ganze Sache eigentlich zusammen? – Ist diess das Kind?"
Der Doktor nickte mit dem kopf, wobei er sagte: "Auf die einfachste Weise von der Welt. Du weisst von unserer grossen Scene am Weihnachtsabend; den andern Tag fuhr sie zu ihrer Mutter, und die würdige Dame, statt ihre Tochter zurückzuschicken, oder selbst zu kommen, sandte ihren Sachwalter, denn sie fand sich in ihrer Tochter höchlich beleidigt. Darauf nun schrieb ich ihr einen Brief, – ich sage dir, einen Brief, der einen Stein hätte erweichen müssen. Nun, die Folge war denn auch die Unterredung mit der Mutter."
"Richtig! richtig! Wie ist aber die geschichte mit jenem Kind? Denn, so viel ich erfahren, fiel die nun dazwischen und warf Alles wieder auseinander."
"Die ist an sich sehr einfach; aber weisst du, Artur, wenn man einen Vorwand zu Verdächtigungen und Streitigkeiten sucht, so ist er sehr leicht gefunden. Auf seltsame Art machte ich an demselben denkwürdigen Weihnachtsabend die Bekanntschaft einer unglücklichen person, die im höchsten Grade schwindsüchtig war, der böse Menschen ihr Kind geraubt, das sie aber wieder erhielt, und die ich, da sie wie gesagt, kränklich und von aller Hilfe entblösst war, regelmässig besuchte und sie unterstützte so gut ich konnte."
"Das ist an und für sich nichts Schlimmes."
"Sie wurde aber täglich kränker, das Kind verkam ordentlich und als die Mutter vor ein paar Tagen starb, sah ich denn nichts Arges darin, die Kleine mitzunehmen und sie so lange hier zu behalten, bis ich eine passende Unterkunft für dieselbe gefunden. – Ist daran etwas Unrechtes?"
"Für uns und alle rechtlich denkende Menschen nicht," erwiderte Artur und legte seine Rechte sanft auf die Schulter des Bruders. "Aber dass du damit willkommenen Anlass zu neuen Anklagen gabst, das hättest du dir doch, bei Gott! vorstellen können. – Nicht wahr, anonyme Briefe wurden deiner Frau gesandt?"
"Versteht sich von selbst; und welches gemeinen und boshaften Inhalts, das kannst du dir gar nicht denken. Das war ein verhältnis, das ich schon lange Jahre unterhalten, das natürlicherweise der Welt bekannt war, das man aber bis jetzt aus Schonung verschwiegen."
"O schändlich! schändlich!"
"Endlich konnte aber der redliche Freund, der sich leider nicht nennen durfte, es nicht mehr über sich gewinnen, stillschweigend zuzusehen, wie eine unglückliche Frau so unverantwortlich von ihrem mann betrogen werde."
"Und die unglückliche Frau glaubte wohl selbst diese geschichte nicht?"
"O sie glaubt sie wohl nicht, aber sie tut, als ob sie sie glaube. Ich machte gestern einen Besuch bei Mama's liebenswürdiger Freundin, der Tutelarrätin wasser; sie war natürlicherweise zurückhaltend, so zu sagen mit Anstand gepolstert, und wehmütig zum Ueberlaufen. Sie hatte meine Frau gesprochen und aus deren eigenem mund jenes infame Gerücht vernommen."
"Deine Frau hat es ihr gesagt!" rief Artur entrüstet.
"Als Gerücht; aber meine Schwiegermutter hatte hinzu gesetzt: das fehle noch zu der schlechten Behandlung, der Madame bei mir ausgesetzt gewesen sei."
"O, dann ist alles verloren!"
"Ja, das fühle ich auch. Du ersiehst ja aus dem Briefe, dass meine Frau die einleitenden Schritte zu einer Scheidung bereits getan hat. O mein guter Name, meine armen, armen Kinder!"
"Bah!" rief der Maler entrüstet, "über deinen Namen beruhige dich; an dem bleibt kein Makel hängen. Man kann dir kein Unrecht geben."
"Den Frauen gegenüber haben wir in solchen Fällen immer Unrecht; alle Weiber nehmen für sie Partei, und man wird mich verarbeiten und zerreissen, dass kein gutes Haar an mir bleibt."
"Aber was soll mit dem kind geschehen?"
"Ich weiss es nicht; hier kann ich es nicht behalten. Denke dir, Artur, dass meine sämmtliche Dienerschaft mir in sittlicher Entrüstung den Dienst