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nicht mehr zu erkennen war, und glänzte an verschiedenen Stellen wie polirt. Ach! wie oft hatte er seinem Herrn freundlich die alten arme geöffnet und ihn aufgenommen bei Lust und Schmerz; wie viele Gedanken hatten, hier ruhend, schon des Doktors Kopf durchzogen. Bei gewöhnlichen Veranlassungen brauchte er ihn selten, aber sowie es eines reiflichen Nachdenkens bedurfte, sei es über einen schwierigen Krankheitsfall, sei es über irgend eine Familienangelegenheit, so vergrub sich Herr Erichsen gern in die alten Kissen. Auch seinen Platz hatte der Stuhl schon oft wechseln müssen; als sein Besitzer einst krank und wieder auf dem Wege der Besserung war, stand er so, dass die ersten Strahlen der Morgensonne über ihn und den Genesenden hinspielten; auch in dem Schlafzimmer war er früher häufig, der Doctor hatte ihn gleich zu Anfang seiner Ehe neben das Bett seiner Frau gerollt, und das waren damals seine seligsten Augenblicke gewesen, wenn er aus Geschäften oder von Gesellschaften spät heimkehrend noch mit ihr eine angenehme Stunde verplaudern konnte. Ja, damals hatte der Stuhl eine grosse Rolle gespielt: auf ihm hatte der glückliche Vater zum ersten Mal seinen kleinen Oskar in den Armen gewiegt, auf ihm hatte die junge schöne Mutter zum ersten Mal nach jener verhängnissvollen Zeit ausgeruht, und zum ersten Mal ihr Kind recht innig an die Brust gedrückt. Aber auch die kleinen Leiden seines Besitzers, die nachher so gross, ja endlich unheilbar werden sollten, waren auf eben diesem stuhl überdacht worden, und es war, als ob das alte Möbel in der Tat eine beruhigende Kraft auf seinen Herrn ausübte: denn wenn dieser sich auch in der grössten Erregung darauf niedergelassen hatte, so beschlichen ihn bald sanftere Gedanken, er wurde nachgiebiger, auch trauriger, wie das gerade eben kam. –

An alles Das dachte der Doktor, als er wieder einmal und sehr tief vergraben in den Lederkissen ruhte. Er hatte den Kopf auf die Brust herabgesenkt, die Augenlider halb geschlossen, die hände gefaltet, und man hätte glauben können, er schlafe, wenn nicht zuweilen ein tiefer Seufzer seine Brust geschwellt und seinen Kopf gewaltsam emporgehoben hätte.

Es mochte zehn Uhr Morgens sein, und im Haus des Doktors, in welchem sich sonst um diese Zeit ein reges Leben bewegte, wo die Köchin in ihrer Küche hantirte, wo Kindsfrau und Stubenmädchen plaudernd oder singend ihre Arbeit taten, wie die tür auf und zu ging, war es heute still wie auf einem Kirchhofe. In der Kinderstube befanden sich allerdings beide eben erwähnten Dienstboten, doch sass die Eine an diesem, die Andere an jenem Fenster, Beide machten lange Gesichter, schauten zwar verstohlen gegen einander hin, sprachen aber kein Wort. Selbst die Köchin machte nicht den geringsten Lärmen; sie stand an ihrem Herde vor einem Kessel, in welchem das Suppenfleisch kochte, statt es aber abzuschäumen, wie wohl ihre Schuldigkeit gewesen wäre, hatte sie gedankenvoll den Schaumlöffel auf den Herd gestützt, blickte vor sich nieder und liess die dampfende Brühe überlaufen.

Auf dem Gange zwischen den Zimmern sah es ganz fremdartig aus; da standen grosse und schwere lederne Kisten, auch Koffer und Hutschachteln, es war gerade, als wolle sich die ganze Familie auf Reisen begeben.

Kehren wir nun in das Zimmer des Arztes zurück, so finden wir ihn wie früher unbeweglich im Lehnstuhle ruhend und selbst nicht einmal achtung gebend auf das Spielen der Kinder, die bei ihm im Zimmer waren. Und das Spiel, welches sie trieben, war doch der Mühe wert, mit angesehen zu werden. Oskar und Anna sassen am Boden und hatten zwischen sich einen Fussschemel, auf dem sich ein drittes Kind befand, ein ziemlich kümmerlich aussehendes Mädchen, das die erstaunten Blicke beständig im ganzen Zimmer umherlaufen liess. Seinen Anzug hätte man komisch nennen können; es hatte ein einfaches, etwas ärmliches Wollenkleid an, darüber einen kleinen Sammetmantel, den ihm Oskar umgehängt, und auf dem Kopf einen zierlichen Spitzenhut, von Anna ziemlich schief darauf befestigt. Letztere hatte in der Hand eine grosse Tasse mit Kaffee, in welche Brod eingebrockt war, das sie dem Kind löffelweis in den Mund gab. Zuweilen nahm dieses davon, zuweilen aber schloss es die Lippen und wandte den Kopf so heftig auf die Seite, dass der Kaffee über das Kleid herabfloss und auch wohl über den schönen Sammetmantel; und dann rief Oskar und Anna wie aus einem mund: "Papa! das fremde Kind isst wieder nicht!"

Das fremde Kind schien sich übrigens bei dieser Abfütterung und der ihm bewiesenen allzu grossen Aufmerksamkeit gar nicht heimlich zu fühlen; es blickte öfters erschreckt auf den Sammetmantel, schielte besorgt nach dem Spitzenhute, zuckte unruhig mit den Füssen, als wolle es durch einen verzweifelten Sprung den Versuch machen, seine Freiheit wieder zu gewinnen, kurz es benahm sich wie ein kleiner Affe, den man eben eingefangen und bei welchem die erste Dressur probirt wird.

Jetzt hörte man, dass draussen die Glastüre geöffnet wurde; rasche Tritte näherten sich, ihr Klang hörte aber auf Augenblicke auf, als betrachte sich der Ankommende die Koffer und Kisten im Gange, dann wurden sie eiliger wieder fortgesetzt, und nun öffnete sich hastig die tür, ohne dass vorher angeklopft worden wäre.

Artur erschien auf der Schwelle und blieb kopfschüttelnd stehen, als er in das Zimmer blickte. – "Schöne Geschichten das!" rief er nach einer Pause, während welcher er die tür hinter sich zugedrückt und sich dem Lehnstuhl genähert hatte. – "Aber um's himmels willen,