viele Abenteuer hatte, habe ich doch nie geliebt; denn so oft ich mein Herz einem weiblichen Wesen zuwenden wollte, trat mir das Bild meiner Schwester vor die Seele und daneben erblasste alles Andere. Es war wohl mit das schreckliche Unglück unserer Jugend, was mich so fest an sie hinzog. Einmal," fuhr er nach einer Pause lächelnd fort, "und es ist noch gar nicht lange her, da traf ich mit einem armen Geschöpfe zusammen, mit einem Mädchen, das blonde Haare hatte, wie meine Schwester und auch einen Zug in ihrem gesicht, der mich an diese erinnerte. Das durchzuckte mich wunderbar, und wenn ich dem Mädchen früher begegnet wäre – aber das sind nur Phantasieen! – gehen wir weiter!
Nachdem das vorüber, reiste ich mit meiner Schwester nach Sicilien und machte dort eine Klage gegen meinen Grossvater in England anhängig; ich wusste wohl, dass dabei nichts zu gewinnen war, doch prozessirte ich nur in der Absicht, um einen Namen für meine Schwester zu erhalten. Dies gelang mir auch; man erklärte sie für berechtigt, den Familien-Namen unseres Vaters zu führen: ich für meinen teil verzichtete darauf: der Enkel des Lord K. war tot und verschollen; auch meiner Schwester konnte ich nützlicher sein, wenn ich ihr, sie unsichtbar schützend, zur Seite stand. Wer wusste auch, wenn wir den gleichen Namen führten, ob sie nicht vielleicht dadurch in Sachen verwickelt werden konnte, die ihr fern zu halten meine heiligste Pflicht war. Dass ich mein Vermögen redlich mit ihr teilte, brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen. – Und nun bin ich zu Ende, aber gerne bereit, Ihnen irgend welche fragen zu beantworten, die Sie an mich zu richten für gut finden. fragen Sie mich ohne Scheu!"
"Wenn ich das tue," sprach Herr Beil nach einigem Zögern, "so ist es nicht Neugierde, die mich treibt; doch möchte ich erfahren, ob die Mutter des Knaben seinen Aufentalt weiss, ob es ihr erlaubt ist, ihn zu sehen."
"Das Letztere kann ich Ihnen noch nicht sagen, – meine Schwester verheiratete sich, sie machte, was die Welt eine glänzende Partie nennt; doch lebt sie kinderlos bei dem alten Gatten und immer noch hängt ihr ganzes Herz an dem Knaben."
"Und wie habe ich mich zu benehmen, wenn sie einen Versuch machen wollte, das Kind zu sehen? – Sie sagten mir selbst, man forsche demselben von andern Seiten nach."
"Ganz recht, dass Sie daran denken; sollte Sie also eine Dame zu sprechen und das Kind zu sehen verlangen, so fragen Sie, ob sie schon länger in hiesiger Stadt sei; gibt man Ihnen zur Antwort, sie komme soeben von einer Reise nach England zurück, so können Sie ihr das Kind getrost in die arme führen."
"Doch nun ist es Zeit, dass ich mich entferne," sagte der Baron nach einer Pause, indem er sich erhob – "meine Pferde schaudern, der Morgen dämmert auf, kann ich Ihnen mit Mephisto zurufen; ich habe Sie einen wilden Traum durchträumen lassen; ich führte Sie auch über öde Haiden und selbst ein wenig am Rabenstein vorüber. – Adieu, mein Freund, denken Sie, dass ich ganz der Ihrige bin. Gebieten Sie über mich: soll ich etwas für Sie erlangen in der niedrigsten Hütte oder am Trone des Königs, ich werde es tun. – Leben Sie wohl! Sobald es mir möglich ist, suche ich Sie wieder auf. Sollten Sie etwas dringendes für mich haben, so wissen Sie ja meine wohnung." – Hierauf drückte er dem Herrn Beil herzlich die Hand, verliess das Zimmer und gleich darauf das Haus.
Dieser trat an's Fenster und blickte dem Baron lange nach, wie er leicht und gewandt über die Strasse dahin schritt und bald um die nächste Ecke verschwunden war. Ja, der Morgen dämmerte auf, ein trüber, kalter Wintermorgen; am Himmel jagte der Wind graue Wolken, welche, über die Stadt hinwegfliehend, zuweilen einzelne Schneeflocken hernieder flattern liessen. Die Windfahnen drehten sich kreischend, zwischen den entfernteren Häusern lag ein feiner frostiger Duft, und an einem Brunnen, der sich gerade dem haus gegenüber befand, hatten sich seit einigen Stunden ziemliche Eiszapfen gebildet. Draussen war es unbehaglich, aber im Zimmer strömte der Ofen eine angenehme Wärme aus. Herr Beil löschte die Kerze aus, die Flamme derselben konnte dem hereindringenden Tageslicht nicht mehr widerstehen und brannte mit dunkelroter Glut. nachher fuhr er sich mit der Hand über das Gesicht und es war ihm zu Mut, als habe er wirklich einen wilden Traum geträumt oder als habe er während der Nacht ein seltsames Buch gelesen, eine Räubergeschichte, wie sie eigentlich nur in Romanen vorkommt. Er versank in tiefes Nachsinnen und war ordentlich froh, als bald darauf eine helle Kinderstimme an sein Ohr schlug, die laut und lustig rief: "Onkel Beil, ich bin erwacht und möchte gern aufstehen!"
Fünfundsechzigstes Kapitel.
Ein gefährliches Papier.
Der Doktor Eduard Erichsen hatte in seinem sogenannten Studierzimmer einen alten ledernen Lehnstuhl, den er bei guter Laune seinen olympischen Dreifuss zu nennen pflegte. Es war ein ehrwürdiges Möbel, das er, von jeher ein geordneter Mann, sich schon auf der Universität angeschafft hatte, und von dem sich zu trennen ihm unmöglich war. Der Lehnstuhl war ziemlich altmodisch, mit einem Leder überzogen, dessen Farbe