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guten Rat nicht vorentalten wird. – O seien Sie ganz ruhig, ich werde Sie nie in den finsteren Kreis ziehen; dies Haus, dieses Zimmer sollen rein bleiben wie die Seele des Kindes, das dort drinnen so ruhig schläft."

"Und dieses Kindes ist das Ihrige?"

"O nein," sagte der Baron mit trübem Lächeln, "so glücklich bin ich nicht. hören Sie mich noch einen Augenblick an; bald bin ich mit meiner geschichte zu Ende. – Anfänglich glaubte ich, ich könnte von dem seltsamen Leben, das ich angefangen, ebenso leicht wieder lassen, wie man ein Kleid wechselt, wie man einen Handschuh auszieht. Das wollte ich auch, ich verliess Paris und ging nach Deutschland. Aber obgleich ich mich in der ersten Zeit fern von Allem hielt, was mich früher so sehr belustigte, so dauerte das doch nicht lange; wie ich Ihnen schon gesagt, ich konnte es nun einmal nicht lassen, unsichtbar lohnend und strafend in die Geschicke der Menschen, die mich interessirten, einzugreifen. Das Erstere tat ich übrigens häufiger und ich konnte es. Sie werden mir glauben, wenn ich Ihnen sage, dass ich von meinem Treiben und meinen Verbindungen nie den geringsten Vorteil zog, nienie, obgleich dem Unsichtbaren ungeheure Summen geboten wurden, obgleich grosse Vermögen zu meinen Füssen rollten. Ein Verschwender war ich nie; was ich besass, mehrte sich auf rechtliche Weise, statt abzunehmen, obgleich ich dem Elend mit vollen Händen half, wo ich konnte. Da befand ich mich in W. und unter vielen scandalösen Geschichten, welche die reichen jungen Leute, mit denen ich verkehrte, erzählten, interessirte mich eine ganz besonders: es war das ein förmlicher Sklavenhandel. Eine Mutter, so hiess es, hatte ihre eigene Tochter um eine beträchtliche Summe verkauft, das Mädchen aber habe eine andere Neigung und sei in Verzweiflung. Das war ein Fall, für den ich da war; meine erste idee war, das arme geschöpf entführen zu lassen, ihr eine Existenz zu gründen, sie, wenn möglich mit ihrem Geliebten zu vereinigen. – Unmöglich! Denn leider stand dieser Freund durch Rand und Stand so weit über ihr, dass an eine Verbindung nicht zu denken war. Ich beschloss, mich also bei ihr einzuführen, und das tat ich auch." – Bei diesen Worten atmete der Erzähler tief und schwer, und als er darauf mit der Hand über seinen Bart strich, zitterte diese leicht; auch hatte er die vorigen Worte nur mühsam hervorgebracht.

– "Ich ging also dortin. Um einen Vorwand war ich bei dergleichen nie verlegen, ich betrat ohne lange zu fragen ihr Zimmer, ich fand das Mädchen allein, ein Schauer durchflog meinen Körper, meine Zähne schlugen in Fieberfrost zusammen, – ja, es konnte nicht anders sein, ich fand die Züge des Kindes in der Erwachsenen wiederich stand vor meiner Schwester, – gerechter Gott! vor meiner Schwester, die von ihrer, von meiner Mutter der Schande verkauft war. – Aber nein, nein! so fürchterlich sollte es nicht kommen, gehen wir mit wenigen Worten darüber hinweg. Ja, meine Schwester war es; aber meine arme Mutter war längst gestorben; sie hatte ihr Kind aufgesucht und es auch glücklich in Schottland gefunden; sie hatten ein kümmerliches Leben geführt, meine Mutter hatte mit ihren zarten Händen Tag und Nacht gearbeitet, um sich und ihr Kind auf ehrliche Art zu erhalten; aber alle die schrecklichen Verluste, die sie erlitten, das Andenken an meinen Vater, der sie so entsetzlich misshandelt, – an mich, den sie tot geglaubt, hatten ihre Gesundheit zerstört. – Nach ihrem tod stand meine Schwester ratlos da, irgend ein Zufall brachte sie zu jener Frau, die sich heute ihre Mutter nannte, die sie sorgfältig erzog, aber damals schon berechnete, das schöne geistreiche Mädchen werde sich einst selbst bezahlt machen.

Dass ich mit dieser Dame eine starke Unterredung hatte, können Sie sich denken; die für meine Schwester verlangte Summe gab ich ihr und nahm das arme geschöpf mit mir, – ja, das arme geschöpf, – denn es waren Sachen vorgefallen, die mich nötigten, ein Jahr lang mit ihr in tiefster Verborgenheit zu leben. Sie wurde Mutter eines Kindes, eines Knabenund was soll ich's verschweigen? – desselben, der jetzt unter Ihrer Aufsicht lebt und den Sie desshalb nicht weniger lieben werden, weil seine Geburt keine legitime ist."

Die Versicherung des Herrn Beil, dass er das Kind vielleicht noch mehr lieben werde, weil es ohne rechtmässige Ansprüche an einen väterlichen Schutz so allein in der Welt stehe, schien der Baron gar nicht zu hören. Er hielt beide hände vor das Gesicht und sass so eine Zeit lang in sich versunken da. Als er wieder empor schaute, seufzte er tief auf und sagte: "Glauben Sie mir, ich hätte lieber das Grab meiner Schwester gefunden, als sie selbst auf diese Art. Ich erzählte Ihnen schon, wie ich sie als ein kleines Mädchen geliebt. Und diese Liebe hat mit den Jahren zugenommen; in meinen Träumen sah ich sie vor mir, wachsend, grösser und schöner werdend, liebenswürdig und verständig, wozu sie schon als Kind so schöne Hoffnungen gab. Ach! ihr Kind hat mich vor Vielem bewahrt, namentlich vor einem wilden Leben und vor manchen unüberlegten Handlungen. Ich will es Ihnen offenherzig gestehen: obgleich ich