England fort, und nachdem ich mein Vermögen geordnet, schiffte ich mich nach dem Continent über, um so schnell als möglich nach Sicilien zu gehen. In Paris aber hatte ich den klugen Einfall, nach Palermo schreiben zu lassen, und erhielt nach einiger Zeit sehr untröstliche Nachrichten von da. Von meiner armen Mutter und meiner unglücklichen Schwester hatte man keine Spur. Das Unglück, welches uns betroffen, war dort nicht einmal in seinem vollen Umfange bekannt; es hiess, mein Vater habe sich von der Mutter scheiden lassen, worauf sie mit einem grossen teil ihres Vermögens England verlassen und nach Deutschland gegangen sei. Unsere Verwandten in Palermo, so schrieb mein Sachwalter, liebten es übrigens sehr, uns förmlich zu ignoriren, und wenn uns nicht dringende Veranlassungen dazu trieben, riete er uns, nicht nach Palermo zurückzukehren.
So war mir also auch meine eigentliche Heimat verschlossen; ich hatte Niemand mehr, dem ich mich anvertrauen, dem ich mein Schicksal erzählen, von dem ich Trost und hülfe erwarten konnte. O, ich fühlte mich einsam und elend; ich war auf dem Punkte, den gleichen Schritt zu tun, wie Sie; aber auch mich hielt ein Geist zurück, doch war es mein eigener, der mir, als ich mich über das Brückengeländer hinüber lehnte, wie höhnend zurief: also feige willst du die Welt, deine Feinde, die Menschen verlassen, willst keine Vergeltung üben für all das Unrecht, welches man dir getan! – Trotze deinem Schicksal, trete ihm entgegen, setze ihnen die Ferse auf den Nacken, wie sie es dir getan, lebe als freier und unabhängiger Mensch; denke an jene Zeit, wo du ein solcher warst, wo du auf flüchtigem Pferde über die Haide jagtest, wo deiner Hand jede Blüte, jedes unschätzbare Gut, das eine Menschenseele vergeben kann, erreichbar war, denn du hattest den Mut, darnach zu greifen! – So sprach es in mir, so klang es fort und fort in meinem Herzen und ich folgte der verlockenden stimme. Reich, wie ich war, warf ich mich in das Leben der grossen Hauptstadt, lernte mich bewegen in den höchsten Kreisen und knüpfte dort Verbindungen an; aber ich griff auch tiefer hinab in die Schichten der Gesellschaft und erwarb mir auf den untersten Stufen derselben Bekannte, ja Freunde. – Sie sehen mich mit grossen Augen an, aber ich sage Ihnen die reine Wahrheit; wenn ich Nachts, von einer glänzenden Soirée kommend, aus meinem Wagen stieg, meine reiche Toilette von mir warf, die Blouse anzog, mein Haar auf eigentümliche Art ordnete, so hätte mir jede der vornehmen Damen, mit denen ich vorhin getanzt, gerne ein Almosen geschenkt, ohne mich zu erkennen."
"Ah!" machte Herr Beil.
"Und glauben Sie ja nicht, dass ich mich ungern in diesen untern Kreisen bewegte! Da sieht man die Menschen in ihrer natürlichen Herzensgüte, wie auch in ihrer natürlichen Schlechtigkeit, ohne Schminke, ohne Verstellung; aber man muss ihren Kreis nicht als fremdes Element tangiren, man muss zu ihnen gehören, dann genügt ein Wort, ein Handschlag, und dem, welcher Aufopferung für sie zeigt, gehören sie mit Leib und Seele. – O, das war für mich ein entzückendes Leben, unsichtbar wie ein Geist durch alle Stufen der Gesellschaft zu schweben, aufwärts und abwärts; ich war allwissend und allmächtig, keine geheime Polizei erfuhr und konnte leisten, was ich vermochte. Ich sah die Fäden von tausend Intriguen vor mir spielen, ich knüpfte sie an, wo es mir gefiel, und zerriss sie, wenn es mir beliebte; die geheimsten Geschichten lagen offen vor mir da, ich beförderte ihren Lauf oder hemmte ihn, je nachdem es mir einfiel; ich war Herr und Gebieter über Tausende von Sklaven."
– "Und das waren Sie oder sind es noch?" fragte der Andere mit gepresster stimme.
"Ich bin es noch," entgegnete der Erzähler, indem er sich stolz aufrichtete und seinem Gegenüber fest in die Augen sah. "Ja, ich bin es noch und läugne es Ihnen, dem ich eine offene beichte über mein ganzes Leben abgelegt, nicht."
"Also doch! also doch! – Verzeihen Sie, gnädiger Herr, meine Ueberraschung, mein Erstaunen, ja meinen Schrecken, denn Sie erscheinen mir so plötzlich als ein rätselhaftes Wesen, das in finstern Schatten bei uns vorbeischwebte und jetzt auf einmal an's Licht tritt, – fast ein Gespenst. – Ja, ein Gespenst," fuhr er entsetzt fort, indem er sich langsam empor richtete und starr in die glänzenden Augen sah, welche der Andere fest auf ihn gerichtet hielt. – "Gewiss ein Gespenst und dasselbe, welches mir damals am Kanal erschienen. – Aber ich bin kindisch," fuhr er nach einer Pause mühsam lächelnd fort, wobei er sich über die feuchte Stirne strich, "Sie sitzen ja körperhaft vor mir, und jenes Phantom – war ja auch kein Phantom, – Sie waren es."
"Ja, ich war es, mein Freund," entgegnete der Erzähler; "ich war es, der Ihr Leben rettete, der Ihren Leib und Seele erhielt; und wenn ich sage, dass ich Sie für mich erhielt, so geschah es ja nur, um einen Freund zu gewinnen, der fern von meinem wilden Treiben steht, dem ich mein Inneres eröffnen konnte, der mir in vorkommenden Fällen seinen